Buchtipp zum Wochenende

Ehrenmord oder … der Versuch zu erklären, warum eine Frau besser tot ist als dass sie Schande über ihre Familie bringt…

„Ein Mann ist wie ein Goldbarren, eine Frau wie ein Stück Seide. Wenn Gold schmutzig wird, wischt man es einfach ab. Wenn Seide schmutzig wird, kann man es genauso gut wegschmeißen!“ (Ayfer Yazgan „Morde ohne Ehre“, Seite 21/22)

Jährlich werden mindestens 5.000 Mädchen und Frauen im Namen der Ehre ermordet, sagt eine UN-Studie aus dem Jahr 2000. Schätzungen besagen, dass die Dunkelziffer mindestens das Zehnfache beträgt, da viele dieser Morde als Selbstmord oder Unfall getarnt werden. In den letzten Jahren sind verschiedene Dissertationen, Sachbücher und Studien zu diesem Thema erschienen. Insbesondere nach dem Mord an Hatun Sürücü (2005 in Berlin) ist das Thema in Deutschland in der Öffentlichkeit angekommen. In „Ehrenmord – ein deutsches Schicksal“ widmen sich Matthias Deiß und Jo Goll diesem Fall und beschreiben alle Details aus dem Leben der Familie Sürücü und versuchen dem Leser verständlich zu machen, warum eine Familie die Hinrichtung der eigenen Tochter beschließt.

Was ist ein Ehrenmord? Wie kann man einen Ehrenmord definieren, erklären, abgrenzen? Die Opfer dieser Morde sind überwiegend Frauen, die Täter Männer, die dem Opfer nahe standen, der Vater, Bruder, Cousin oder Onkel.

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Die wissenschaftliche Arbeit „Ehrenmord in Deutschland“ von Anna Caroline Cöster nähert sich den Hintergründen und untersucht die Ehrenmorde im Zeitraum 1997 bis 2005 in Deutschland. Die Dissertation „Morde ohne Ehre“ von Ayfer Yazgan erklärt das Phänomen Ehrenmord in der modernen Türkei. Esma Cakir-Ceylan hat Gewalttaten untersucht und in „Gewalt im Namen der Ehre“ zusammengefasst. Allen Werken ist eine sehr gute Definition zentraler Begriffe im Zusammenhang mit Ehrenmord gemeinsam. Sie analysieren alle wichtigen Aspekte, insbesondere die Familienstrukturen, die familiären und traditionellen Hintergründe und vor allem die hohe gesellschaftliche Akzeptanz und Zustimmung zu Ehrenmorden, die sich z. B. in der Türkei durch jahrelange mildernde Strafen für die Täter zeigte. Esma Cakir-Ceylan geht auch ausführlich auf das Strafrecht ein. Sie beschreibt, wie in islamischen Ländern Ehrenmorde bestraft werden. Sie schildert, dass die Täter kaum bzw. mit sehr milden Urteilen davon kommen, was damit zusammenhängt, dass dieses Phänomen gesellschaftlich auf sehr große Akzeptanz stößt. Sie geht auch auf das neue reformierte türkische Strafgesetzbuch von 2005 ein.

Ehrenmord ist ein Phänomen, das weltweit in allen Kulturen vorkommt, die Wurzel dieser Tat findet sich in ländlichen Gegenden, wo die Menschen noch sehr traditionell und in patriarchalen Strukturen leben. Dem Begriff „Ehre“ wird in diesen Gesellschaften häufig ein überdimensionaler Wert beigemessen, da die Ehre für viele das wertvollste Kapital ist, das sie besitzen. Die traditionellen und klar vorgegebenen Geschlechterrollen sind innerhalb dieser Familien einzuhalten, denn nur so funktioniert das Wertesystem und Fortbestehen in diesen kollektivistischen Gesellschaften. Nur wer ehrenhaft lebt, wird von den anderen geachtet und angesehen.

In allen Büchern wird darauf eingegangen, dass die Ehre der Frau in patriarchal-archaischen Gesellschaften sich über ihre unbedingte Keuschheit und Reinheit bis zur Ehe und ihr absolut normkonformes Verhalten innerhalb der Gemeinschaft definiert. Das kann von einer vorgeschriebenen bestimmten Kleiderordnung, dem respektvollen Verhalten Älteren gegenüber bis zur Erfüllung ihrer Rolle als Mutter und gehorsame Ehefrau gehen. Der Alltag in diesen Familien wird durch jahrhundertealte Traditionen und Leitsätze vorgeschrieben, von den einzelnen wird Anpassung erwartet, was übrigens auch für die Männer gilt. Ihre Ehre definiert sich darüber, wie gut sie ihre Frauen und Töchter (insbesondere deren Sexualität) unter Kontrolle haben und wie stark sie ihre Familie nach außen schützen können. Das unangemessene Verhalten eines Familienmitglieds kann schlimmstenfalls der Gesichtsverlust für die ganze Familie bedeuten. Eine Frau, die den ausgewählten Ehemann nicht heiraten möchte oder sich westlich kleidet verletzt das Ehrgefühlt ihres Vaters. Ebenso eine Frau, die sich von ihrem Mann trennen möchte, weil sie andere Vorstellungen von einer Ehe hat. Diese Frauen passen sich den Regeln innerhalb der Gesellschaft nicht an und sorgen für Unruhe. Die Familie wird verhöhnt, die männlichen Mitglieder sind in ihrer Männlichkeit verletzt, da sie ihre ungehorsame Tochter oder Ehefrau nicht im Griff haben. Diese Schande ist für die Familien schlimmer als der Tod dieser Tochter oder Ehefrau. Folgendes Bild beschreibt die Denkweise deutlicher: Ist in einer Kiste voller Äpfel ein fauler Apfel, so muss dieser zum Schutz der anderen Äpfel schnell entfernt werden.

Dadurch, dass die Frauen ihren Platz zu Hause haben und eine größere Unterdrückung erfahren, fällt ihr Leid für den Betrachter größer ins Gewicht. Männer haben mehr Freiheiten, da sie sich außerhalb des Hauses bewegen und Entscheidungen treffen. Männer können ihre Sexualität auch viel freier ausleben, diese Tatsache bringt der Familie keine Schande, solange sie keine ehrenwerten Töchter beschmutzen. Zwar müssen sich Männer auch den Traditionen, Werten und Normen anpassen und sich dem Willen der Gesellschaft beugen, haben aber hierzulande viele Möglichkeiten, diese für sich zu nutzen, weil sie in einer ganz anderen Machtposition sind als die Frauen.

In modernen, deutschen Großstädten kommen uns diese veralteten Strukturen einer Dorfgemeinschaft fremd vor, sie erschrecken uns. Aber haben wir sie nicht in all den Jahren zugelassen? Haben wir nicht unterdrückten Töchter und Bräute von der Ferne bemitleidet und belächelt, wie komisch sie sind? Doch solange diese Töchter und Kreaturen Putzfrauen waren und niemanden gestört haben, haben wir nicht genauer hingesehen, inwieweit die Menschenrechte auch für sie Gültigkeit haben und wie sie ihren Nachwuchs erziehen. Kulturelle Traditionen sollten ihren Raum haben und bedeuten ja universelle Vielfalt. Diese Argumentation haben die betroffenen Familien eigentlich nie verstanden, aber da alles so bleiben konnte, wie sie es in ihrem Dorf gewohnt waren und es keine zu erfüllenden Auflagen gab, waren alle miteinander d’accord.

Aber wie lange können Widersprüche nebeneinander funktionieren? Vor allem zu welchem Preis? Wie kann man in einer modernen Großstadt in den Strukturen einer Dorfgesellschaft leben? Die jungen Mädchen, ob sie nun in Deutschland geboren wurden, als Bräute herkamen oder warum auch immer hier sind und in streng patriarchalen Strukturen leben, erkranken irgendwann an dieser Belastung, wenn sie sie denn bewusst wahrnehmen. Das ist ein Grund dafür, warum junge türkische Mädchen fast drei Mal so oft einen Selbstmordversuch begehen, wie ihre deutschen Altersgenossinnen wie Studien ergeben. Oder sie leiden still vor sich hin, ordnen sich der Tradition unter und nennen es Schicksal, wie schon ihre Mütter und Großmütter, mit dem Unterschied, dass diese tatsächlich keine Alternativen hatten in ihren Dörfern. Aber sind die Alternativen in Deutschland besser? Haben diese Frauen eine Chance aus den Familien auszubrechen und ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen?

Die Antwort aus den streng abgeschottet lebenden Familien lesen wir dann leider als Skandalmeldung in den Zeitungen: sie werden erschossen, niedergestochen oder auf noch brutalere Weise hingerichtet. Sind diese Taten nicht ein Angriff auf unsere Gesellschaft und unser Gesetz, die uns allen Gleichberechtigung, Freiheit, Bildung, freie Meinungsäußerung und freie Wahl des Partners garantieren? Anstatt genau hinzusehen, was da wirklich passiert ist und wie man den Opfern schon präventiv helfen kann, melden sich dann entweder die Deutschen, die alle Klischees bestätigt sehen und schon immer vor den Barbaren gewarnt hatten und sich jetzt noch ein Stück mehr abgrenzen zu Wort oder die modernen Migranten, die mit noch erschreckterer Miene als die Deutschen klar ausdrücken, dass seien ja nicht ihre Landsleute und überhaupt könne man nicht alle Muslime in einen Topf werfen, nur weil eine verrückte Familie ausgerastet sei. Natürlich und zum Glück sind diese Familien nur Randphänomene und eine kleine Minderheit, auch unter den Migranten. Wir reden also von Einzelfällen. Selbstverständlich ist jedes Leben, das zerstört wird, beklagenswert, wenn man aber auf die Konflikte, Probleme und häufig ausweglose Lebenssituation einiger Familien schaut, wird man feststellen, dass diese Ehrenmorde die Ausnahme sind.

Was man auch nicht übersehen darf, ist dass weltweit jahrhundertelange Traditionen Frauen benachteiligen, Männern eine dominante Rolle in der Gesellschaft geben, denen sich Frauen unterordnen und dass viele Systeme, dazu gehören insbesondere islamische Regierungen, dieses unterstützen. Sie schreiben Frauen vor, wie sie sich zu kleiden haben, ob sie einen Beruf ausüben, allein reisen dürfen und das mit Rückhalt aus der Gesellschaft und Unterstützung durch Frauen. Auch bei den hierzulande begangenen Ehrenmorden, war die Rolle der Mütter und Schwestern zur Durchführung der Morde nicht unwesentlich. Man muss sich also die Familien ansehen, um zu verstehen, wie sie leben und warum sie einen modernen Lebensstil ablehnen. Hierbei reicht es nicht aus, zu sagen, sie sollen sich anpassen oder in ihre Heimat zurück gehen. Jeder Mensch hat das Recht, für sich und seine Familie das Beste aus dem Leben nehmen, was dabei gut oder schlecht ist, entscheidet jeder selber. Im Zusammenleben miteinander ist es wichtig, Rechte und Pflichten jedes einzelnen klar zu definieren. Je unterschiedlicher die Menschen, desto mehr Konflikte und Verhandlungen wird es geben. Aber nur so ist eine langfristige Einigung auf gemeinsame Werte und Regelungen möglich. Ein Beispiel ist die Hinnahme von Analphabetinnen, obwohl Bildung für alle schon immer ein Grundrecht war. Das junge Ehegattinnen, die nicht lesen und schreiben können, keine Chance auf Kommunikation mit der Außenwelt haben und mit vielen Kindern finanziell und emotional bis in alle Ewigkeit in Abhängigkeit des Ehemannes und der Familie bleiben werden, muss hier nicht näher erläutert werden.

Die Studie „Ehrenmord“ von terre des femmes e.V. von Myria Böhmecke gibt Informationen über Schutzmaßnahmen, Hilfsmöglichkeiten und Präventionsmodelle an Beispielen von internationalen Projekten. Allerdings haben wenige der betroffenen Frauen und Mädchen Kontakte nach außen oder trauen sich einfach nicht, da sie es nicht gewohnt sich, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Daher ist es wichtig, dass jeder ob nun Nachbar, Lehrer, Klassenkamerad oder Arbeitskollege sensibilisiert ist für dieses Thema. insbesondere in anonymen Großstädten dürfte es schwierig sein, einen Einblick in das Leben betroffener Frauen zu bekommen, zu sehen, welchen Spagat sie täglich bewältigen müssen zwischen traditionell orientiertem Familienleben und westlichem Lebensstil.

Die genannten Studien und Bücher nähern sich dem Thema „Ehrenmord“ sachlich und geben dem Leser sehr gut recherchierte Detail- und Hintergrundinformationen. In der sensationsorientierten Tagespresse liest man hauptsächlich vom Ergebnis, nämlich dem Mord und die damit verbundene Grausamkeit. Leider kommt zu diesem Zeitpunkt und danach jegliche Hilfe für das Opfer zu spät.

Viele Frauen, denen es gelungen ist, den Zwängen der Familie zu entfliehen oder die es geschafft haben, die Gewalt und Mordversuche zu überleben haben Bücher über ihre Lebensgeschichte verfasst. Es ist sehr mutig, dass Frauen über ihr Schicksal sprechen und ihre Wut zum Ausdruck bringen. Es ist gut, dass dieses Thema öffentlich diskutiert wird. Für Außenstehende ist es jedoch fatal, ihr Wissen zu diesem Thema nur aus solchen einseitigen Erfahrungsberichten zu holen und nur mit diesen Argumenten zu debattieren. Erstens handelt es sich um sehr subjektive emotionale Beschreibungen und zweitens beleuchtet es nicht die Gesamtsituation, in der die betroffenen Frauen sich befinden. Noch mehr Konflikte entstehen dadurch, dass der Lebensstil dieser Frauen und ihrer Familien aus der Sicht von aufgeklärten, modernen westlichen Menschen bewertet wird. D.h. die Frauen erhalten jede Menge Mitleid, Mitgefühl und Bedauern und fühlen sich dadurch noch schlechter, hilfreich ist das jedenfalls nicht.

Natürlich sollten diese Frauen unsere absolute Unterstützung haben mit der Ablehnung jeglicher Gewalt, von der sie bedroht sind, aber auch mit der Forderung, das Phänomen „Ehrenmord“ im Fundament zu zerstören, nicht mit einem Wutausbruch oder Hass einem einzelnen Täter gegenüber. Denn in dieser Situation ist der Täter das nächste Opfer, das sein eigenes Leben auch zerstört hat. Es muss gesellschaftliche Veränderungen geben, bevor es so weit kommen kann, daran müssen wir alle arbeiten, auch wenn es uns nicht betrifft, ansonsten werden es wieder andere unter sich klären. Genau das dürfen wir nicht zulassen und damit sind wir wieder bei dem Punkt, dass wir genau festhalten, was wir nicht dulden. Ein wichtiger Schritt ist z.B. das Gesetz zur Bekämpfung von Zwangsheirat, das auch Eltern mit Strafe droht, sofern sie ihre Töchter in eine Ehe nötigen. Straftaten gegen die persönliche Freiheit eines Menschen werden nicht geduldet. Das ist eine klare Ansage!