Neue Studie soll zeigen

Keine Diskriminierung von Migrantenkindern

Bildungspolitiker können aufatmen: Eine Studie will gezeigt haben, dass es keine Diskriminierung von Migrantenkindern beim Übergang von der Grundschule in weiterführende Schulen gibt. Stimmt das wirklich?

Nach einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin [1] (WZB) finden beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule keine Diskriminierungen von Kindern mit Migrationshintergrund statt. Für die Studie wurden Viertklässlerinnen und Viertklässler, Eltern und Lehrkräfte vor dem Wechsel in die Sekundarstufe befragt und Kompetenztests mit den Kindern durchgeführt.

„Die Kompetenztests fanden in den Fächern Deutsch und Mathematik statt, ähnlich angelegt wie die PISA- oder IGLU-Tests“, so die WZB-Bildungsforscherin Cornelia Gresch. Anhand der Tests wurde schließlich überprüft, ob die Endnoten auf dem Zeugnis den Kompetenzen der Kinder entsprechen. Zwar bekommen Kinder mit Migrationshintergrund seltener eine Empfehlung für das Gymnasium. Dieser Nachteil könne aber vollständig auf den häufig niedrigeren sozialen Status und geringere schulische Kompetenzen zurückgeführt werden. Eine ethnische Diskriminierung sei nicht nachweisbar.

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Fragwürdige Definition von Diskriminierung
Diesen weitreichenden Schlussfolgerungen steht Mechtild Gomolla, Bildungsforscherin an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, skeptisch gegenüber.

Als fragwürdig bezeichnet sie insbesondere das Vorgehen und den zugrunde gelegten Begriff der Diskriminierung. Man greife in solchen statistischen Untersuchungen gern auf eine rein psychologische Definition von Diskriminierung als „Vorurteil“ zurück und wende sie auf eine aus dem Kontext gegriffene Situation wie die Notenvergabe an. „Untersuchungen, die mit einer soziologischen Definition von Diskriminierung arbeiten, kommen in der Regel zu anderen Ergebnissen“, so Gomolla. „Was beeinflusst die Leistungen in den Kompetenztests?“ Qualitative Untersuchungen, die Prozesse im Unterricht und Interaktionen in der Klasse berücksichtigen und schulische Entscheidungen über die ganze Schullaufbahn von Kindern in den Blick nehmen, lieferten Hinweise auf vielfältige Formen der offenen und subtilen Diskriminierung. Das seien Diskriminierungen, die dem Schulerfolg von Kindern mit Migrationshintergrund vermehrt im Weg stehen. Auch könne man Merkmale der sozio-ökonomischen Lage und des Migrationshintergrundes schwer voneinander trennen.

Tipp: Zur Unterrichtsgestaltung und Leistungsbeurteilung von heterogenen Schulklassen siehe auch: Gomolla, M./Fürstenau, S. (Hrsg.): Migration und schulischer Wandel: Unterricht. [4] Wiesbaden 2009. Gomolla, M./ Fürstenau, S. (Hrsg.): Migration und schulischer Wandel: Leistungsbeurteilung. [5] Wiesbaden 2012.

Lehrer schlecht vorbereitet
Studien wie die des WZB sind internationaler Trend und werden dankbar angenommen – das zeigt auch der Medienrummel rund um diese Studie. Der Diskriminierungsvorwurf wird entkräftet, und die Bildungspolitik muss sich nicht mehr mit heterogenen Klassenzusammensetzungen wie z.B. Klassen mit sprachlicher Vielfalt befassen.

Dabei zeigt eine kürzlich erschienene Studie des Mercator Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache [6] in einer repräsentativen Umfrage, dass 70 Prozent der LehrerInnen zwar Schüler mit Sprachförderbedarf unterrichten, sich aber zwei Drittel durch ihr Studium auf diese Aufgabe nicht vorbereitet sehen. Wenn ein erheblicher Anteil von SchülerInnen die erforderliche Bildungssprache im Deutschen nicht mitbringt, dann muss der Unterricht anders gestaltet werden. Denn natürlich wirkt es sich unmittelbar auf den weiteren Bildungsweg der SchülerInnen aus, wenn LehrerInnen ihre sprachlichen Probleme nicht diagnostizieren können und dadurch keine gezielten Fördermaßnahmen einleiten. „Unser Ziel ist es, herauszufinden, welche Förderinstrumente am besten funktionieren und die größte Wirkung erzielen. Darüber wissen wir noch viel zu wenig. Außerdem brauchen wir dringend eine Aus- und Weiterbildung, die Lehrern die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten für den Umgang mit sprachlich heterogenen Klassen vermittelt“, so Bernhard Lorentz, Geschäftsführer der Stiftung Mercator.