Das Kopftuch

Requisit für Feldforschungen

Wer ein Kopftuch trägt, kann jede Arbeitsstelle, die sie antritt, als Feld für ihre ganz persönliche Forschung nutzen. Es kommen interessante Geschichten zusammen von empörten Kollegen bis dummdreiste Fragen.

Im Arbeitsleben gibt es dank der Floskel „wir haben uns für jemand anderen entschieden“ nur in ganz seltenen Fällen eine direkte Diskriminierung. Meist lassen sich nur Vermutungen anstellen oder die Bewerberin weiß, dass sie die geeignetste Bewerberin für die Stelle war, weil man Bekannte dort hat, die Auskunft geben. Es gibt aber auch die Möglichkeit einer offenen Aussprache – wenn auch nur mündlich und ohne Zeugen.

„Wissen Sie, wir Deutschen haben Angst, dass wir bald auch Kopftuch tragen müssen und die Amtssprache arabisch oder türkisch wird.“ Dieses Zitat stammt von einer Sachbearbeiterin bei der Agentur für Arbeit. Das Kopftuch müsse man abnehmen, wenn man sich als Arbeitsvermittlerin bewerbe. Sonst herrsche Chaos, bei all den arbeitslosen Kunden, die aggressiv, migrantenfeindlich und zudem islamfeindlich seien. Nach dem Nine-Eleven könne man das nicht Übelnehmen. Der Islam werde nun mal mit Terror gleichgesetzt.

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Frauen haben es in der Arbeitswelt eh schwer. Hinzu kommt noch ein Stück Stoff, der die Gemüter erhitzt. Von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz bis hin zum Mobbing, meist auch unter den Frauen, wartet eine besondere Herausforderung auf jede Frau, die in Deutschland arbeiten möchte und ein Kopftuch trägt.

„Wieso beschwerst du dich über Diskriminierung, du bist doch selber schuld!“ Es kommt nicht selten vor, dass in Vorstellungsgesprächen gefragt wird, ob man vorhat, ein Kopftuch zu tragen. Hört sich an wie: „Haben Sie vor, demnächst einen Terroranschlag zu verüben?“

Schon vor Jahren sagte Dr. Nadia Nagie – halb Muslima, halb Christin, dass London Berlin 10 Jahre voraus ist bezüglich der Toleranz und Vielfalt. Sie hat auch schon mal aus Forschungszwecken ein Kopftuch aufgesetzt, verirrte sich an der Uni und fragte jemanden nach einem Raum. Sie wurde für eine Putzkraft gehalten.

Und dass solche und viele andere Formen der Diskriminierung keine Einzelfälle sind, zeigen inzwischen zahlreiche Blogs, allen voran diese hier [3], die die Diskriminierung von Kopftuchfrauen thematisiert. Wer die Beiträge liest, bekommt eine ungefähre Vorstellung von der gelebten Realität. Aber es gibt Hoffnung – für alle. Denn die Kopftuchdebatte ist noch lange nicht abgeschlossen.