Studie zu jungen Muslimen

Balsam für die deutsche Seele

Die Studie kommt zu einer Zeit, da Deutschland sich erneut mit dem Rechtsradikalismus auseinandersetzen muss und das Vertrauen der muslimischen Minderheit in den Staat zerrüttet ist. Sie lenkt damit von den echten Problemen ab.

Größere Erfolge der Polizei, wie die gestrige Großrazzia in Bayern und im Raum Trier im rechten Milieu, wo 200 Schusswaffen und mehrere tausend Schuss Munition sichergestellt wurden, bauen bei den Muslimen wieder Vertrauen in den Staat auf. Dieses wird jedoch wieder leichtfertig verspielt.

80 Prozent der Muslime befürworten Integration
Denn auf 764 ebenso minutiös wie selbstvergessenen Seiten steht die Studie zu Lebenswelten junger Muslime in Deutschland [1]. Diese hat ausgerechnet das Innenministerium, deren Chef Hans-Peter Friedrich ist, in Auftrag gegeben. Einer, der den Islam nicht zu Deutschland zählen will und damit ganz zu Anfang seiner Amtzeit über vier Millionen Muslime düpierte.

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Die Studie zielt ausschließlich darauf ab, Radikalisierung und „extrem islamistische“ Verhaltensmuster von Muslimen aufzudecken. Man unterstellt also Radikalisierung und Islamisierung und siehe da: am Ende der Studie kommt man zu den Ergebnissen, die diese Begriffe auf die ein oder andere Art bestätigen.

Download: Die 760-Seiten-Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ kann auf www.bmi.bund.de [2] kostenlos heruntergeladen werden. Eine Analyse des Berliner Forscherteams HEYMAT zur Studie stellt das MiGAZIN zur Verfügung [3].

Laut dieser Studie befürworten insgesamt fast 80 Prozent der befragten deutschen Muslime (alle Altersgruppen) die Integration in Deutschland, dagegen lehnen nur eine kleine Zahl von 20 Prozent sie ganz klar ab und betonen ihre „Herkunftskultur“. Als „streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz“ gelten dagegen 24 Prozent der nicht-deutschen Muslime.

„Deutsche Zustände“ sind besorgniserregender
Alles vielleicht soweit wahr. Aber was ist der Grund hierfür? Die Studie nennt „gruppenbezogene Diskriminierung“ als eines von vielen Erklärungsmustern. Das Ausmaß von Vorurteilen stellt das Forschungsprojekt „Deutsche Zustände“ des Soziologen Wilhelm Heitmeyer in den Vordergrund. Hiernach sind fast die Hälfte (47,1 Prozent) der Deutschen der Meinung, dass in Deutschland „zu viele Ausländer“ lebten. 19 Prozent der Bevölkerung stimmen sogar dem Satz zu: „Wenn sich andere bei uns breitmachen, muss man ihnen unter Umständen unter Anwendung von Gewalt zeigen, wer Herr im Hause ist.“

Das Forschungsprojekt zeigt überdies, dass ein Drittel der Befragten von „natürlichen Unterschieden“ zwischen weißen und schwarzen Menschen ausging.

Vor diesem Hintergrund kommt die Studie von Innenminister Friedrich ganz gelegen, gleichsam wie Balsam legt sie sich auf die deutsche Seele. Man kann nun wieder mit dem Finger auf die ewig „Fremden“ zeigen und damit von der eigenen „bürgerlichen Verrohung“ ablenken. Doch es hilft nichts; die hohen Wogen glätten sich nimmermehr.