Internationaler Tag der Muttersprache

Die Muttersprache bleibt immer etwas Besonderes

Die inlingua Sprachcenter in Deutschland haben anlässlich des Internationalen Tages der Muttersprache bei ihren Sprachschülern und -trainern nachgefragt, welche Bedeutung ihre Muttersprache für sie hat.

Was ist das eigentlich, eine Muttersprache? Als Deutscher hat man nicht unbedingt Deutsch als Muttersprache, sondern vielleicht Türkisch, Russisch – oder auch Saterfriesisch. Letzteres gehört laut UNESCO zu den am stärksten gefährdeten Sprachen innerhalb Deutschlands. Und ist Muttersprache etwas, das man sein Leben lang bei sich trägt, wie einen Fingerabdruck? Wie groß ist ihr Anteil an der Person, der kulturellen Identität?

Meist beginnt man über diese Fragen erst zu reflektieren, wenn man in einem anderen Land lebt und eine andere Sprache spricht.

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Fakt ist: Muttersprache beginnt verdammt früh. Schon Babys im letzten Drittel der Schwangerschaft sind in der Lage, die Stimme der Mutter zu erkennen und die „Muttersprache“ von einer Fremdsprache zu unterscheiden. Forscher der Universität Würzburg haben zudem herausgefunden, dass schon Neugeborene in ihrer Muttersprache schreien.

Kein Wunder also, dass sie in unserem Leben eine ganz besondere Rolle spielt.

UNESCO Tag der Muttersprache am 21.02.: Kriege, Vertreibungen und Stigmatisierungen können dazu führen, dass Sprachen für immer verschwinden. Aber auch der Einfluss großer Sprachgruppen wie des Englischen kann die sprachliche Vielfalt schmälern. Nach Informationen der UNESCO ist von den rund 6 000 Sprachen, die heute weltweit gesprochen werden, die Hälfte vom Verschwinden bedroht.

„Sie bleibt immer die wichtigste Sprache, es ist so wie Fahrradfahren oder Schwimmen, man vergisst oder verlernt sie nie, auch wenn man irgendwann mal eine andere Sprache fast muttersprachlich spricht“, ist etwa inlingua [1] Sprachschüler Toni aus Italien überzeugt. Er liebt es, Sprachen zu lernen und neue Kulturen kennenzulernen. Aber er kann sich, wie die meisten anderen Schüler, nicht vorstellen, dass die Zweitsprache irgendwann dieselbe Bedeutung gewinnt, wie die Muttersprache.

Sprache = Emotionen
Viele der Sprachschüler sprechen von großen Emotionen, die ihre Muttersprache bei ihnen auslöst: „Wenn ich Fremde höre, die chinesisch sprechen, möchte ich sofort gerne eine Unterhaltung beginnen, ich fasse auch viel schneller Vertrauen“, sagt etwa Mai aus China. Die gewohnten Laute und Töne sorgen für ein warmes, weiches Gefühl im Bauch.

Auch Menschen, die Deutsch perfekt beherrschen, fallen, wenn sie emotionsgeladen sind, in ihre Spontansprache zurück. Sprachtrainerin Anne aus den Vereinigten Staaten rutscht ein „Damn“ statt ein „Verdammt“ heraus, wenn etwas nicht nach ihren Wünschen läuft. Der Schauspieler Eddie Constantine brachte es auf den Punkt: „Man kann noch so viele Fremdsprachen beherrschen – wenn man sich beim Rasieren schneidet, gebraucht man die Muttersprache.“

Zwischen zwei Sprachen switchen
Im Traum mischen sich bei den Menschen, die schon lange im Ausland leben, die Sprachen oft und es geht richtig multikulturell zu. Manche erzählen, dass sie sogar mit sich selbst je nach Lust und Laune mal in der Muttersprache, mal in der Zweitsprache reden. inlingua-Trainerin Anne hat noch eine weitere interessante Beobachtung gemacht: „Mein Mann ist Deutscher, der auch sehr gut Englisch spricht. Wenn ich ihm zum Beispiel etwas aus dem Kindergarten unseres Sohnes erzähle, geschieht das immer auf Deutsch. Wenn ich aber den Anruf meiner Mutter aus den USA schildere, wechsle ich ohne darüber nachzudenken ins Englische, damit ich nicht übersetzen muss.“

Sprache ist im Grunde eine sehr ökonomische Angelegenheit. „Jeder will mit möglichst wenig Aufwand verstanden werden. Schauen Sie sich zum Beispiel die türkischen Teenager an, die mitten im Satz vom Türkischen ins Deutsche switchen. Sie nehmen einfach das Wort, das am besten passt, das sie schon tausendmal gesagt haben“, so Heidrun Englert, Sprachwissenschaftlerin und zweite Vorsitzende von inlingua Deutschland.

Kiezdeutsch
So entstehen auf lange Sicht Mischsprachen, die übrigens deutlich besser als ihr Ruf sind. Sprachforscherin Heike Wiese etwa sagt [4], dass das so genannte Kiezdeutsch – eine Straßensprache, die sich im gemeinsamen Alltag junger Menschen unterschiedlicher Herkunft entwickelt – sehr viel logischer als Standarddeutsch ist. Sie kämpft dafür, dass Kiezdeutsch als Dialekt anerkannt wird.

Wie jede Sprache ist eben auch die Muttersprache einem permanenten Wandel unterworfen – das war immer so und das wird immer so sein. Neuerungen und Ergänzungen sollten daher nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung und Ergänzung gesehen werden. Jede frische Brise, welche die Sprachmuster durcheinanderwirbelt, aber auch jede alte Mundart macht unsere Welt letztlich bunter und spannender.