Kılıçs kantige Ecke

Teufelskreis durchbrechen

Das Armutsrisiko ist bei Migranten mehr als doppelt so hoch als bei Deutschen. Das teilte das Statistische Bundesamt mit. Memet Kılıç nennt in seiner neuesten MiGAZIN-Kolumne die Ursachen und zeigt Wege, die aus diesem Teufelskreis führen.

Das Statistische Bundesamt hat Zahlen vorgestellt, wonach das Armutsrisiko bei Menschen mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so hoch ist als bei Einheimischen. Im Jahr 2010 waren 26 Prozent von ihnen von Armut bedroht, bei Einheimischen lag der Anteil bei zwölf Prozent.

Vielen Eingewanderten und ihren Nachkommen geht es in Deutschland finanziell nicht gut. Sehr viele von ihnen leben am Rande des Existenzminimums. Die Gründe dafür sind unter anderem die Chancenungleichheit im Bildungssystem, Diskriminierungen bei der Arbeitsplatzsuche, unzureichende Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse und die noch immer mangelnde Anerkennung von ausländischen Abschlüssen. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden!

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Kinder aus einkommensschwachen Familien dürfen nicht mehr in den Haupt- und Förderschulen abgestellt werden. Dieses Problem betrifft auch Kinder aus einkommensschwachen einheimischen Familien. Das mehrgliedrige Schulsystem dient hauptsächlich der Reproduktion des sozialen Systems: „Arbeiterkinder sollen Arbeiter, Akademikerkinder Akademiker werden“. Dieses diskriminierende Schulsystem wird nicht erst seit den PISA-Studien kritisiert, sondern schon seit über 30 Jahren. Soziologen haben schon Anfang der 80er Jahre Diskriminierungen aufgedeckt und konstruktive Änderungsvorschläge gemacht. Unser Land braucht endlich flächendeckend ein modernes Bildungssystem nach skandinavischem Vorbild. Für eine bessere Lehrqualität muss auch mehr Geld in die Bildung investiert werden. Diese Investition ist viel nachhaltiger und wichtiger für die Zukunft Deutschlands als milliardenschwere Bahnhöfe (Stuttgart 21) oder 3,2 km Autobahnneubau (A100 in Berlin) für knapp eine halbe Milliarde Euro. Viel zu oft wird leider an der falschen Stelle gespart.

Für eine Minimierung des Armutsrisikos von Menschen mit Migrationshintergrund reicht die Chancengleichheit im Bildungssystem nicht aus. Denn nach der Schul- bzw. Studienlaufbahn erwartet sie häufig die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb müssen anonyme Bewerbungen ausgeweitet werden. Außerdem belegen Studien wie jene der Universität Konstanz, dass das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz effektiver gestaltet werden muss. Dort haben Forscher in einem Feldversuch gezeigt, dass trotz vergleichbarer Qualifikationen und Fähigkeiten, Bewerber mit türkischen Namen insgesamt 14 Prozent weniger positive Antworten erhielten. In kleineren Unternehmen waren es sogar 24 Prozent.

Schon einige Male bin ich auf Taxifahrer mit ausländischem Hochschulabschluss gestoßen. Sie berichteten mir, dass sie alles versucht haben, um ihre Qualifikationen anerkennen zu lassen, doch leider vergebens. Das neue Anerkennungsgesetz ist unzureichend (mehr dazu: hier [3] und hier [4]).

Am härtesten trifft es Menschen, die aufgrund ihres unsicheren Aufenthaltsstatus keine Arbeit aufnehmen können oder bei denen sich kein Arbeitgeber auf ein Abenteuer einlassen möchte. So finden unter anderem Schulabgänger, die nur für kurze Zeit geduldet sind, in Deutschland keine Betriebe, die sie ausbilden möchten. Damit auch diesen Menschen die Chance für eine bessere Teilhabe an der Gesellschaft bekommen, muss geduldeten Menschen viel einfacher eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden. Nur so werden diese Menschen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen.

Wenn wir die oben genannten Änderungen alle durchführen, wird sich langfristig das Armutsrisiko von Menschen mit Migrationshintergrund dem der Einheimischen anpassen.