Partiziano

Matte Mathik

Migrations-Mikado für Fortgeschrittene oder warum freche Möhren und Griechenlands Schulden auf ein und demselben Butterberg landen.

Die Berechnung von Integralen heißt Integration. Außerdem erfordert Integration laut Wikipedia trainiertes Raten und die Benutzung spezieller Umformungen. Soweit könnte also auch ich mich als vollkommen untalentierter Mathematiker mit dieser Art der Rechenkunst anfreunden. Und was das antrainierte Raten im Sinne von Umdeutungen der Wahrheit und Umformulierungen unbequemer Tatsachen angeht, sind auch die Mitglieder des EU-Währungsraums große und blitzgescheite Geister.

Sie und der IWF wissen um die Hungersnot im griechischen Haushalt und streiten noch darüber, ob sie die nächste Tranche an nur kurzweilig sättigendem Rettungsfonds in Höhe von 12 Milliarden Euro bei der nächsten Öffnung der Suppenküche am 11. Juli freigeben wollen. Hellas braucht die Heller, um seine Schulden in Form von fälligen Zinskupons auf Staatsanleihen an seine Gläubiger auszahlen zu können. Dies sind – wir wissen es mittlerweile alle – vornehmlich Banken, französische wie auch deutsche. Und Investmentfonds. Kurzum: Ein ziemlich trübe Brühe, die Griechenland umgibt.

Manch ein Spekulant wartet darauf, dass die Hellenen untergehen, um dann kräftig abkassieren zu können. Andere wiederum warnen davor, die privaten Gläubiger (also eben jene Banken und Investmentfonds) mit gesetzlicher Gewalt zu einer Umschuldung zu zwingen. Dieses Folterinstrument sieht vor, dass Banken und Investmentfonds ihre alten Staatsanleihen bei Fälligkeit gegen neue zu den Konditionen der alten tauschen. Das Ergebnis: Griechenland müsste keine Zinsen zahlen, würde erst mal vor der Pleite gerettet sein, während auch seine Gläubiger keine Papiere abschreiben und damit auch nicht abermals vor den Regierungsgebäuden um etwas Wasser und Brot betteln müssten.

Tja, Matte Mathik eben. Höhere, wohlgemerkt. Da würden jetzt einige meiner kleinwüchsigen italienischen paesani sagen: Non ho capito un kaiser! Und schon springt die Pickelhaube vor Zorn an die Decke! Wie wagst du es, kleiner Italiener (dieser Zusatz ist ungemein wichtig im Sinne der Herabstufung einer vermeintlich überheblichen Aussage), den geliebten Kaiser zu beleidigen! Was der Tedesco nicht weiß: Kaiser oder auch kaizer ist in diesem Zusammenhang eher ein Sprachtabu. Damit bezeichnet die Sprachwissenschaft die Bemühungen der Menschen, Dinge, die Unheil oder Ärger bringen könnten, lieber nicht beim Namen zu nennen. Nein, sie umschreiben sie lieber, nehmen sehr ähnlich klingende Wörter und doch weiß jeder, worum es geht. Non ho capito un kaiser bedeutet, dass man nur Bahnhof versteht, wobei kaiser für die vulgäre italienische Bezeichnung des sexuellen Imperators des Mannes steht.

Aber ja, ich schweife schon wieder ab, wahrscheinlich gen Ithaka. Dabei ist es doch so einfach. Schließlich hat ja auch die Ellinikí Dimokratía einen deutschen Imperator. Zwar keinen Kaiser, immerhin aber einen König: Der bayerische Prinz Otto im Jahre 1832 war erster König der Griechen der Neuzeit. Was die Antike angeht, muss Griechenland sich nicht verstecken. Es sollte sogar tief graben, um den Wortschatz zu heben und diesen zu barer Münze zu machen. So zumindest der Vorschlag meines griechischen Freundes E. M. Seine Idee: Jeder, der künftig ein aus dem Griechischen stammendes Wort benutzt, muss einen kleinen Obulus (quasi als Tantieme) an den griechischen Staat abdrücken. Im Nu wäre der Staatshaushalt saniert. Und das eigentlich alle Wörter dem Griechischen entstammen, wissen wir ja spätestens alle seit My big fat greek wedding. Schade auch, dass meine Lebensgefährtin diesen Film letztens entsorgte, weil sie meinte, dass es nach fünf Mal sehen auch mal gut sei. Na ja, ich in jedem Fall begab mich darauf in die Küche und erschrak: Carote fresche! Ungezogene Möhren? Nein, doch nicht. Mein hessischer Ursprung hatte mich getäuscht. Frech schreibt man ja ohne s und fresche ist das italienische Wort für frisch. Gut, alles klar: Frische Karotten. Damit kann ich leben. Mindestens so gut wie mit der patata, von denen ich unzählige in Sizilien gesehen hatte. Meine Cousins und Freunde dort meinten damit ihren Bizeps, der bei ihnen aufgrund der schweren körperlichen Arbeit schon in jungen Jahren stark ausgeprägt war. Kein Grund also, wieder auf die Kartoffel-Debatten-Barrikade zu stürmen. Nein, patata heißt zwar Kartoffel, aber diesmal war es eher ein Sinnbild der Manneskraft als ein Spuken in die Kartoffelsuppe. Womit wir wieder beim Essen wären. Bond(s) appetit!