Integration im 16:9 Format

Begegnungen mit Philipp Rösler und Kenan Kolat

Zwei Integrationsveranstaltungen, zwei unterschiedliche Eindrücke. Meine Begegnungen mit Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler und dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat.

Wäre Integration eine Aktie, dann hätte sie trotz Finanzkrise und Lehman Brothers Pleite auf der Performance Index einen unaufhaltsamen Aufwärtstrend zu verzeichnen gehabt. Die Werteentwicklung und Volatilität hätte mit ihrer Krisenimmunität alle anderen geglaubten wertebringenden Aktien in den Schatten gestellt. Sogar ein Warren Buffett hätte sein ganzes Vermögen auf die Integrationsaktie gesetzt, weil er sich der enormen Rendite sicher gewesen wäre.

Integration ist nun mal keine Aktie und kein Wirtschaftsprodukt, auch wenn manche versuchen sie als solche zu missbrauchen. Die Schattenwirtschaft Integration hat eines dennoch bewirkt. In den hintersten Winkeln und Dörfern Deutschlands wird über Integration geredet, hitzig gelästert, deftig analysiert und ab und zu miteinander diskutiert.

Philipp Rösler
Bei einer Veranstaltung in Berlin zum Thema Integration traten die hauptberufliche Vorzeigemigrantin und Integrationsministerin Niedersachsens Aygül Özkan und Pseudo-Migrant Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler als Podiumsdiskutanten auf. Özkan sprach sich für die Bringschuld der Migranten aus, wenn sie in Deutschland leben wollen und Rösler plädierte für Verfassungstreue der Migranten als oberstes Leitgut. Beim anschließenden Empfang ging ich auf Rösler zu. Ich fragte ihn, was er denn davon halte, wenn Migranten die Bringschuld erbracht und sich verfassungstreu gezeigt haben und dennoch auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden. Rösler redete wirres Zeug und von seiner Geschäftsführung, die Koreanisch besetzt sei. Es muss ein langer und anstrengender Tag für Rösler gewesen sein, der vom Beruf her nicht nur Gesundheitsminister ist, sondern auch stellvertretend für alle Asiaten in Deutschland, als Botschafter der asiatischen Integration in Deutschland fungieren muss. Höflich verabschiedete ich mich von Rösler, der noch schnell mit zwei chinesischen Frauen ein Erinnerungsfoto machte. Ich ging zurück zu meinem Tisch, genoss den Wein und philosophierte mit der ehemaligen Ausländerbeauftragten Berlins, Barbara John, über Merkels Aussage Multi-Kulti sei tot, sowie über anonymisierte Bewerbungsverfahren. Dann verließ ich die Veranstaltung.

Bei meinem Friseur in Friedrichshain las ich ein Interview mit dem in Vietnam geborenen Installationskünstler Danh Vo, der die Frage gestellt bekam, warum die Vietnamesen so gut in Deutschland integriert seien. Vo antwortete, dass diese Behauptung ein Mythos sei und gab weiter zu verstehen „In der Politik bedeutet gelungene Integration, so wie ich das verstehe: Du machst nicht viel Lärm. Aber die meisten Vietnamesen sind in Wirklichkeit nicht integriert. Sie kreieren nur ihre eigene Luftblase. Die ist vielleicht nicht so sichtbar wie bei anderen ethnischen Gruppen“. Als ich das Interview zu Ende gelesen hatte, ärgerte ich mich, dass ich den inoffiziellen asiatischen Botschafter Philipp Rösler nicht die Frage stellte, ob er denn wirklich einer von „uns“ sei. Oft kam es nämlich vor, wenn ich über die mangelnde politische Repräsentation der Migranten sprach, die Antwort bekam, dass wir doch einen haben und damit meinten sie keinen geringeren als Philipp Rösler.

Kenan Kolat
Jedenfalls besuchte ich am 11. November ein Symposium des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung mit dem Titel „Zahlen machen Politik: Nutzen und Nebenwirkungen von Integrationsindikatoren“. Auf dem Podium saßen Andreas Kapphan (BAMF), Referent im Arbeitsstab von Maria Böhmer, die holländischen Wissenschaftler Han Entzinger, Ruud Koopmans und der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland Kenan Kolat. Moderiert wurde das Ganze von der Tagesspiegel Journalistin und einheimischen Deutschen Andrea Dernbach.

Die Journalistin fing damit an, einige Wörter von Thilo Sarrazin zu zitieren und sprach von 84 Prozent, die in ihrer Branche, weiße Deutsche seien und es dort deshalb Nachholbedarf gebe, was die Ein- und Anstellung von Vielfalt anbelangt. Der Referent Böhmers kam auf den Begriff „Migrationshintergrund“ zu sprechen und resümierte, dass es bis jetzt noch keinen besseren Ausdruck dafür gäbe. Dabei musste ich ungewollt an Maria Böhmer denken. Zum Begriff Migrationshintergrund gibt es zurzeit möglicherweise keine bessere Alternative, zu Maria Böhmer schon. Ich wurde schläfrig, als die Wissenschaftler von der Theorie sprachen und fast wäre ich eingeschlafen bis die Journalistin Kenan Kolat das Wort erteilte. Kolats geballte Emotion und Aussagekraft machten mich wieder hellwach. Nicht Red Bull, sondern Kenan Kolat verleiht Flügel. Auf dem Podium war Kolat der Einzige, der das Wissen von Theorie und Praxis vereinte. Er sprach als Einziger mit einer authentischen Stimme. Er kritisierte, dass mangelnde Deutschkenntnisse bei biodeutschen Kindern als eine Bildungsfrage und bei Migrantenkindern als Integrationsfrage deklariert wird.

Ich beobachtete Böhmers Referenten, die Journalistin und die zwei niederländischen Wissenschaftler als Kolat dem Publikum seine Sichtweise der Integration schilderte. In der Gestik und Mimik des Böhmers Schützling, sowie der Journalistin sah ich kurze Überheblichkeit, Spott und Arroganz. Die beiden fanden es wahrscheinlich befremdlich, wie impulsiv und emotional Kenan Kolat an die Sache ging. Aber so ist es eben bei jenen, die in der Migrantenwelt leben und das Migrantensein mit dem Verlassen des Büros nicht abstreifen können. Kolat und ich leben in und mit dieser Welt 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Der Referent Böhmers, die Journalistin und die der deutschen Kultur nahe stehenden Wissenschaftlern kämen nicht einmal auf die Hälfte der Tageszahl.

Als mir das Wort erteilt wurde, sagte ich, dass ich stolz sei, dass es einen Kenan Kolat gibt, denn in der koreanischen Community gibt es trotz fünf Jahrzehnte Migrationsgeschichte in Deutschland keinen so eloquenten Kenan Kolat, der sich so ausdrückt, wie er es nun mal tut. Die Wissenschaftler befragte ich nach Zahlen, der so integrationswilligen und mustergültigen Vietnamesen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Doch Zahlen und Statistiken konnten die beiden Wissenschaftler, die selber aussahen, wie zwei Fragezeichen, nicht nennen. Den Referenten Böhmers versetzte ich in Verlegenheit, als ich ihn darauf ansprach, dass Frau Böhmer die Koreaner zu den ersten beiden Integrationsgipfeln nicht einlud, weil sie von der Anzahl (35.000 Koreaner in Deutschland) zu unbedeutend waren und man deshalb die Chinesen und Vietnamesen bevorzugte. Ich ging aus der Veranstaltung heraus mit der Erkenntnis, dass Theorie ohne Praxis ohne Geist ist und Praxis ohne Theorie ohne Leben.