Teilnehmer der Diskussionsrunde waren Ayten Kilicarslan, Vorstandsmitglied Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland, Köln, Ali Ertan Toprak, Alevitische Gemeinde Deutschland, Köln, Dr. Haci-Halil Uslucan, Universität Magdeburg, Claudia Dantschke, Zentrum Demokratische Kultur, Berlin, Dr. Erhard Körting, Senator für Inneres und Sport, Berlin und Dr. Herbert Landolin Müller, Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg. Moderiert wurde das Podium von Dr. Johannes Kandel von der FES, Berlin.
Bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung füllte sich der Vorraum des großen Konferenzsaals der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin mit Gästen. Um den Tisch, auf dem die Teilnehmerlisten auslagen, sammelten sich überraschend viele Menschen. Als die Veranstaltung dann gegen 18:30 Uhr begann, war der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt. Einige fanden nur noch auf den Treppen Platz.
Um das Publikum auf die Diskussion einzustimmen und die unterschiedlichen Meinungen zum Thema widerzuspiegeln, stellte Dr. Johannes Kandel dem Publikum einige „bewusst provokante“ Fragen. Die erste Frage nach einem „angstbesetzten Feindbild des Islams“ in Deutschland wurde von vielen Anwesenden durch symbolisches Aufstehen bejaht. Andere schüttelten ungläubig mit dem Kopf. Sie konnten ihrem Unmut Luft machen, als es um die Frage der „Bedrohung der freiheitlich demokratischen Grundordnung“ durch die Muslime ging.
Schon während der Eröffnungskommentare der Podiumsteilnehmer wurde deutlich, dass hier empirische Forschung, Emotionen und Vorurteile aufeinanderprallten.
Zu Anfang waren sich noch alle Podiumsteilnehmer einig, dass es „Ängste und Konflikte“ gibt, sowohl auf Seite der Muslime als auch unter den Teilen der Gesellschaft, die hauptsächlich von einem medial geprägten „Gefühl der Angst“ gegenüber dem Islam angetrieben werden. Hierbei wurde jedoch auch richtig erkannt, dass die ganze Thematik zu einer Pauschalisierungsdebatte verkommen ist, die durch „Randgruppen auf beiden Seiten dominiert wird.“
In den vergangenen Wochen fand in den Feuilletons bundesweit eine regelrechte Schlacht der Zitate und Studien statt. Es wurde verharmlost und übertrieben und zu jeder These, so scheint es, gibt es mittlerweile eine Studie. Daher hatte auch jeder der Teilnehmer eigene Zahlen parat um seinen Standpunkt zu untermauern.
So stellte die Arabistin Claudia Dantschke die neuesten Ergebnisse der Universität Bielefeld zur Entwicklung von menschenfeindlichen Vorurteilen in Deutschland („Deutsche Zustände“ Folge 8, Suhrkamp Verlag, 2010) vor. Demnach sind 52,5% der Befragten Bundesbürger der Meinung, der Islam sei eine „Religion der Intoleranz“. Dr. Haci-Halil Uslucan merkte an, dass „mangelnde Bildung“ und „Ausschluss aus der gesellschaftlichen Partizipation“ dazu beitragen, dass sich antidemokratische Einstellungen bei Jugendlichen festigen – dies betrifft alle Jugendlichen und nicht nur solche mit Migrationsgeschichte. Laut Dr. Uslucan spielt für 60% der Muslime in Deutschland die Religion im Alltag keine große Rolle. Lediglich 10% identifizieren sich über ihre Religion. Des weiteren machte er darauf aufmerksam, dass grundsätzlich zu klären sei, über welche Muslime man denn eigentlich diskutiert. Er mahnte auch an, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Thema nicht vergessen dürfe, über die sogenannte „Mehrheitsgesellschaft“ zu sprechen, von der immerhin 30% der Meinung sind, dass Muslimen die Einwanderung nach Deutschland verboten werden sollte. Aus solchen Vorurteilen entstehen Ängste innerhalb der muslimischen Gemeinde: Rund 40% fühlen sich durch antimuslimische Einstellungen bedroht.
Innerhalb der Diskussion war man sich nun auch nicht mehr darüber einig, ob es ein Feindbild Islam überhaupt gibt. Der Berliner Innensenator Dr. Erhart Körting warf ein, dass es ein „Angstbild“ gebe und dieses habe auch seine Gründe, „unter anderem durch die Ereignisse 2001, 2004 und verschiedener Videos.“ Dr. Herbert Landolin Müller vom baden-württembergischen Verfassungsschutz stellte fest, dass antimuslimische Feindbilder „in vielfältiger Form existieren“ und dass sich unter den sogenannten „Islamkritikern“ oft Rechtsextremisten tummeln. Hierzu ergänzte Dantschke, dass gerade die sogenannten „Pro“-Gruppierungen, also Rechtspopulisten das „Feindbild Islam“ prägen.
Wie emotional und vielschichtig dieses Thema ist, zeigten auch so manche Äußerungen der Experten. Plötzlich wurden persönliche Erfahrungen und Gedanken zu allgemeingültigen Fakten.
So auch Ali Ertan Toprak, von dem man als 2. Vorsitzenden der Alevitischen Gemeinde Deutschlands mehr erwartet hätte, als den Hinweis, dass der Islam, unter Verweis auf das Sivas-Massaker an den Aleviten 1993 in der Türkei, nicht tolerant sei. Er forderte eine Aufarbeitung der „muslimischen Geschichte“, wobei er sich scheinbar wieder auf das Massaker in Sivas bezog und offen ließ, wer eigentlich wo, welche Geschichte aufarbeiten müsse. Eine kritische Reflexion der Religionsgeschichte sei notwendig für die Weiterentwicklung und Entstehung eines modernen europäischen Islams, doch wie dies geschehen sollte, darüber ließ er das Publikum im Dunkeln.
Dr. Körting machte seinen Standpunkt aus der Sicht eines „Evangelikalen“ deutlich, wonach der Islam – und jede andere Religion – per se „intolerant“ sei, da er andere neben sich nur duldet und nicht akzeptiert. Ergänzend fügte Ayten Kilicarslan hinzu, dass die religiösen Menschen, egal welcher Konfession, zu wenig über ihren Glauben und dessen „wahren Ursprung“ wissen.
Der Abend bot insgesamt wenig Neues, keine Lösungsansätze oder tiefgreifende Erkenntnisse. Wie immer wurde kaum über Gemeinsamkeiten, sondern nur über die Unterschiede philosophiert. Erfreulich waren die Aussagen von Dr. Uslucan und Frau Dantschke. Letztere wies noch mal darauf hin, dass die gesamte Debatte in einem Kreislauf aus pro und contra Pauschalisierungen gefangen ist. Die sinnvollste Forderung des Abends konnte man von ihr mit nach Hause nehmen: Sie sprach sich dafür aus, die Diskussion in die „Kieze zu tragen“ und dort miteinander zu sprechen, wo man miteinander lebt und arbeitet.
Als das Publikum gegen Ende der Veranstaltung aufgefordert wurde Fragen zu stellen, wurde es noch einmal spannend. Ein Zuschauer warf das Schlagwort Ehrenmord in die Runde, woraufhin Dr. Körting zurecht darauf hinwies, dass überhaupt erst einmal definiert werden müsse, was ein Ehrenmord ist und das dies für ihn eindeutig kein Phänomen des Islams sei. Schließlich ermorden und bekämpfen sich auch Rockerclubs wie „Bandidos und Hells Angels […] im Namen der Ehre.“
Im Laufe der Fragerunde geisterten auch altbekannte rassistische Vorurteile durch den Raum. „Die hatten doch jetzt 40 Jahre Zeit sich zu integrieren und Deutsch zu lernen […] das ist doch Steuergeldverschwendung hier“ schnaufte ein Anwesender ins Mikrofon. Trotz Buhrufen aus dem Publikum erntete er Verständnis bei Innensenator Körting. Der befand, dass man doch auch diese Stimmen erhören und ertragen muss. Die Motivation für die inkriminierenden Äußerungen aus dem Publikum schuf das Podium teilweise selbst. Etwa als Ali Ertan Toprak davon sprach „keinen Christen oder Juden“ zu kennen, der „sich in die Luft sprengt“. Da war sie plötzlich wieder, die alte und hinkende Gleichsetzung von Fundamentalisten und Muslimen.