EU-Agenda Türkei

EU-Beitritt und Integration aus der Sicht des Türkischen Botschafters

„Business as usual“ in den EU-Beitrittsverhandlungen ist alles, was die Türkei fordert, so der Türkische Botschafter Ahmet Acet. Die EU soll am Ende des Prozesses entscheiden, ob man die Türkei tatsächlich will. Acet verrät außerdem, warum in einer „Türkei von Morgen“ die Absage der EU keinen Widerspruch auslösen würde, warum ein enges Verhältnis zum Iran keine „Appeasement“-Politik ist, und warum Türken Deutsche werden sollten.

EU-Mitgliedschaft
„Ich denke, dass größte Missverständnis der meisten kritischen Politiker ist, auf die heutige Türkei zu blicken, die nicht perfekt ist,“ sagt der Türkische Botschafter Ahmet Acet im Gespräch mit EurActiv.de [1] und fügt hinzu „Sie sollten auf eine Türkei von Morgen schauen ein Land, das die Verhandlungen abgeschlossen hat.“

Man solle die Türkei danach beurteilen was wir morgen sein wird. „Wenn dieses ‚Morgen‘ gekommen ist, werden wir nicht widersprechen, wenn man uns nicht in der EU haben will.“ Aber wenn man heute sage, die Türkei sei nicht europäisch oder sollte nicht Mitglied sein oder eher ein ‚privilegierter Partner‘, dann sei das so, als ob man mitten in einem Fußballspiel „die Regeln ändert, und der einen Mannschaft erlaubt, mit zwei Bällen zu spielen. Das ist nicht fair.“

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Daher würde die Türkei es begrüßen, wenn Deutschland eine größere Rolle dabei spielt, auf der politischen Ebene Beitrittsschwierigkeiten zu vermeiden. Auch fordert er dass die „Freunde mehr tun, um das Zypern-Problem zu lösen, indem sie ihren Einfluss nutzen. Die großen EU-Mitglieder sollten Führungsstärke zeigen und beweisen, dass sie in der Lage sind, Probleme zu lösen, anstatt sie zu nur zu beobachten.“

Wenn Nicolas Sarkozy und Angela Merkel sagen, dass ein Beitritt der Türkei den EU-Interessen zuwiderläuft, würden dass die Menschen so empfinden, als ob die gesamte EU die Türkei nicht haben will. Das stimme natürlich nicht. Solche Äußerungen würden die Motivation verringern. Was man aber brauche, sei eine Motivationssteigerung, „weil es in jedermanns Interesse ist, dass die Türkei beitritt.“

Türkische Außenpolitik
Außenpolitisch wolle die Türkei lediglich Frieden. „Wir wollen einen sicheren Mittleren Osten. Wir möchten eine Lösung in der Gaza- und Palästinafrage. Wir wissen, dass die wirtschaftlichen Vorteile des Friedens so groß sein werden, dass dabei niemand verlieren wird. Die Türkei ist ein Land, das vom Frieden im Mittleren Osten extrem profitieren wird, wenn die Grenzen offen sind, und die Menschen frei reisen können.“

Und bevor es zu UN-Sanktionen gegen den Iran komme, wolle die Türkei sicherstellen, dass „alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, eine Lösung zu finden“. Das sei der Grund, warum der Türkische Premierminister und der Außenminister in den Iran gereist seien, um mit der politischen Führung dort zu reden. „Sie haben dem Westen mitgeteilt, dass immer noch ,Bewegungsspielraum‘ da ist.“ Der Iran sei Nachbar der Türkei. Daher wolle man sicherstellen, dass alles getan werde, um eine harte Konfrontation zu vermeiden.

Zur Integration von Türken in Deutschland
In Bezug auf die Integrationsfrage türkischstämmiger Migranten in Deutschland sagte Acet: „Um glücklich in einem Land zu leben, muss man sich sicher darin fühlen. Das liegt in der menschlichen Natur. Und man muss sich akzeptiert fühlen, was noch mehr in der menschlichen Natur liegt, auf der emotionalen Seite. Wenn sich jemand weder sicher noch akzeptiert fühlt, wird er in einem Land nicht glücklich und erfolgreich sein können.“

„Jene mit einem deutschen Pass sind Deutsche. Jene mit einem türkischen Pass sind Türken“, fuhr Acet fort. Allerdings würden sie Türken dazu anregen, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen, wenn sie sich dazu entschieden haben, in Deutschland zu bleiben. „Sie anzunehmen bedeutet ein verantwortungsbewusster Bürger zu sein, an den Wahlen teilzunehmen und zum deutschen ‚Way of Life‘ beizutragen. Sonst bleibt man ein Gast“. Das reiche nicht.

„Wir spornen Menschen dazu an, die deutsche Staatsangehörigkeit in guten wie in schlechten Zeiten anzunehmen. Sie können jetzt schon beobachten: Menschen aus der Türkei nehmen an nationalen Katastrophen wie dem Amoklauf in Winnenden Anteil. Sie sind traurig, wenn die deutsche Nationalmannschaft ein Spiel verliert. Wer derart Anteil nimmt, ist integriert.“ In den Köpfen und Herzen sollten Türken „Teil Deutschlands sein. Ich sehe eine junge Generation, die Deutschland viel näher steht als der Türkei.

Dabei sei der Spracherwerb ein „entscheidender Punkt“. Dafür müsse das Bewusstsein der Türken geschärft werden, dass ihre Kinder möglicherweise scheitern, wenn sie kein Deutsch lernen. „Wir möchten, dass sie für ihre Kinder Verantwortung übernehmen“, so Acet abschließend.