Migranten-Milieu Studie

Ein Kompass für die Stadtgesellschaft

Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu, Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Universität Bremen, kommentiert die Studie „Migranten-Milieus“ [pdf] des Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung (wir berichteten).

Die Studie wurde in zwei aufeinander aufbauenden Schritten mit qualitativen (2007) und quantitativen Methoden (2008) durchgeführt. Im qualitativen Teil wurden 100 (mehrsprachige) Tiefeninterviews mit Angehörigen ausgewählter, unterschiedlicher Migrantengruppen durchgeführt, die die sieben größten Herkunftsgruppen repräsentieren. Im quantitativen Teil umfasste die repräsentative Stichprobe der Studie insgesamt 2.072 Personen. Auch hier wurden persönliche, mündliche Interviews durchgeführt, bei denen durch mehrsprachiges Interviewpersonal und -material den Interviewten die freie Sprachwahl ermöglicht wurde. Neben einem allgemeinen Teil mit Fragen zu Migration/Integration, Lebenswelt und Sozialstatistik wurden in einem zusätzlichen Themenblock Fragen zu den Themen Lokales Engagement, Wohnen und Wohnumfeld gestellt.

Es stellt sich heraus, dass sich die Befragten nicht spezifischen nationalen Herkunftsgruppen oder auch sozialen Schichten zuordnen lassen, sondern sich insgesamt in acht Milieus aufteilen, die sich zu vier Segmenten gruppieren lassen. Interessanterweise sind die Migranten auf diese vier Segmente zu je einem Viertel nahezu gleich verteilt: bürgerliche Migranten- Milieus (28 Prozent), traditionsverwurzelte Migranten-Milieus (23 Prozent), ambitionierte Migranten-Milieus (24 Prozent) und prekäre Migranten-Milieus (24 Prozent). In den Milieus bilden sich kulturelle Zwischenwelten und Überschneidungspraktiken ab, die sich nicht mit Zuordnungen wie ‚Herkunftsgesellschaft’ oder ‚Aufnahmegesellschaft’ beschreiben lassen. Darin zeigt sich, dass Migranten mit ihren in sich pluralen Milieus einen einschlägigen und nachhaltigen Einfluss auf die Pluralität von Lebenswelten der Stadtgesellschaft haben. Debatten über kulturelle Rückschritte in überkommene Wertmodelle, ethnische Abschottungstendenzen oder eine zunehmende Bedeutung religiöser Werte und Dogmen bei Migranten werden durch die Befunde der Studie entkräftet. Anti-Fundamentalismus und eine Orientierung an kultureller Vielfalt kennzeichnen den Großteil der Migranten-Milieus. Die Studie straft alle Unkenrufe um die ethnischen Parallelgesellschaften Lügen, die die Stadtgesellschaft angeblich bedrohten, denn dies geht offensichtlich an der lebensweltlichen Realität des Großteils der Migranten deutlich vorbei.

___STEADY_PAYWALL___

In der Untersuchung wird ein dezidiert partizipatorischer Ansatz verfolgt. Migranten sollen als aktive (Mit-)Gestalter der Stadtgesellschaft in den Blick genommen werden, die integrativen Potenziale ihrer Milieus sollen herausgearbeitet und dadurch sichtbar und nutzbar gemacht werden. Die innovative Idee der Studie ist es, durch ein aktives Aufsuchen von Ansprechpartnern aus den einzelnen Milieusegmenten, aber auch durch die Nutzung einzelner Milieus als Vermittler zu anderen Migranten-Milieus eine Integrationspolitik auf Augenhöhe zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu gestalten. Die Studie bestätigt Ergebnisse der ersten Sinus-Studie zu Migranten-Milieus, in denen erneut festgestellt wird, dass Migranten über alle Milieus hinweg stark an Leistung und Teilhabe interessiert sind. Die Studie verdeutlicht, dass jedoch die Potenziale, die sich aus den Einstellungen der Migranten zu diesen Bereichen ablesen lassen, in keinem Verhältnis zu den realen Möglichkeiten und Erfolgen stehen.

Migranten-Milieus sind heterogener als diejenigen der Personen ohne Migrationshintergrund. Das zeigt sich darin, dass die Milieus nicht eindeutig bestimmten Wertabschnitten zuzuordnen sind, sondern sich meist über zwei Wertachsen erstrecken. Die Autoren bewerten dies als möglichen Ausdruck einer besonders starken Dynamik des Wertewandels sowie der Bereitschaft zur Veränderung, bikulturelle Kompetenz und Flexibilität bei Migranten. Damit belegt die vhw-Studie migrationswissenschaftliche Annahmen über die erhöhte interkulturelle Kompetenz bei Personen mit Migrationshintergrund. Migranten-Milieus unterliegen in ihrem Wandel allerdings einer eigenen Dynamik. Während die gesellschaftliche Modernisierung im Allgemeinen dazu führt, dass moderne Lebensstile zunehmen und traditionelle Lebensstile seltener werden, führt Neuzuwanderung bei den Migranten dazu, dass gleichzeitig auch das Religiös-verwurzelte Milieu und das Entwurzelte Milieu weiterhin Zulauf erhalten.

Partizipation und Teilhabe
Migranten sind interessiert an Mitbestimmung und der aktiven Beteiligung an Veränderungsprozessen in ihrem unmittelbaren lokalen Umfeld. Bereits jetzt engagiert sich ein Fünftel dieser Personengruppe hier, jedoch wären sogar mehr als 40 Prozent bereit, dies zu tun. Das heißt, nicht alle Gruppen, die auch ein entsprechendes Interesse an lokaler Beteiligung haben, können dies auch umsetzen. Das unmittelbare Engagement in der Nachbarschaft ist geprägt durch eine interethnische Zusammensetzung der Interessensgruppe, an der überwiegend auch einheimische Deutsche beteiligt sind. Darüber hinaus werden regelrechte Engagement-Milieus identifiziert, die als bevorzugt anzusprechende Partner in der Integrationspolitik bezeichnet und deren Bedarfe für Anreize zu weiterem Engagement ganz konkret ausbuchstabiert werden.

Wohnbedürfnisse
Ebenfalls interessant sind die Ergebnisse zum Bereich Wohnen, da hier die Ergebnisse den aktuellen Diskurs um ethnische Parallelgesellschaften konterkarieren. So wird festgestellt, dass bei der Wohnungswahl und den Umzugsmotiven die Frage nach der ethnischen Struktur des Wohnumfeldes auf weit abgeschlagenen Plätzen rangiert. Überhaupt erweist sich dieser Bereich, in dem sowohl diejenigen, die in durch Migranten dominierten Wohngebieten, wie auch solche, die in von einheimischen Deutschen dominierten Wohngebieten wohnen, mit diesem Zustand zufrieden sind, als wenig gestaltbar durch externe Faktoren, wie die Autoren feststellen. Sie verweisen daher darauf, dass weniger eine Wohnungsmarkt- als vielmehr eine Bildungs- und Engagementpolitik „die wahren Treiber“ der Integrationspolitik wären.

Dennoch wären, und hier bleibt die Studie in ihrem Appell etwas blass, Befunde wie die in vielen der Migranten-Milieus vorherrschende qualitative Unterversorgung im Wohnbereich auch als Zeichen für politischen Handlungsbedarf zu interpretieren. Während die Mehrheitsbevölkerung mehrheitlich in individuellen Wohnformen (Einfamilienhaus, Doppelhaushälfte, Reihenhaus, Zweifamilienhaus) wohnt, findet sich die Mehrheit der Migranten in Mehrfamilienhäusern. Vor allem die Wohnfläche je Person fällt erheblich gegenüber jener von einheimischen Deutschen ab. Angesichts dieser Gesamtsituation ist es wenig verwunderlich, wenn Migranten insgesamt eine geringere Wohnzufriedenheit aufweisen, auch wenn sie dem Wohnen insgesamt eine geringere Bedeutung beimessen, als einheimische Deutsche.

Die Studie des vhw ist verbunden mit einem spezifischen gesellschaftspolitischen und wissenschaftsethischen Credo. Die Ergebnisse sollen – und dies ist ausdrücklich zu begrüßen – gezielt mit den verschiedenen Migranten-Milieus und Vertretern von Migranten-Organisationen diskutiert werden. Zukünftig will die Organisation weitere Forschungen zum Thema Migration und Stadtgesellschaft in Kooperation mit Migranten und Migranten-Organisationen durchführen, d.h. den partizipatorischen Ansatz auch im Forschungsdesign aktiv umsetzen.

Mit ihren Ergebnissen, die – teilweise etwas euphorisch formuliert – recht prägnant den aktuellen Diskurs um die destruktiven Anteile von Migranten an der Entwicklung der Stadtgesellschaft widerlegen, liefert die Untersuchung viele anregende Argumente für eine konstruktive Debatte um den (auch positiven) Zusammenhang zwischen Migration und Stadtentwicklung, die hoffentlich von den beteiligten Diskussionspartnern aus Wissenschaft, Medien und Politik bald breit kommuniziert werden.

Quelle: Verbandszeitschrift des vhw [3] Forum Wohnen und Stadtentwicklung