Schwarz und Weiß

Eine überfällige Diskussion über den sichtbaren und unsichtbaren Rassismus

Der Dokumentarfilm „Schwarz auf Weiß“ des Undercoverjournalisten Günter Wallraff sorgt bundesweit für Aufsehen, stößt jedoch auch auf Ablehnung und Empörung.

Wallraff wird u.a. als „Kölner Kostümjournalist“ betitelt, der sich wieder einmal in die Requisite begeben habe oder mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er Minderheiten nachäffe. Durch solch eine Kritik, wird der Verdienst Wallraffs, mit seinem filmischen Werk die Normalität und Alltäglichkeit des Rassismus in Deutschland schonungslos auf die Leinwand projiziert zu haben, überschattet.

Rassistische Diskriminierung trifft Menschen hauptsächlich aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Nationalität, ihres Aufenthaltsstatus, ihrer Hautfarbe oder äußeren Erscheinung. Sie findet auf verschiedenen Ebenen statt und tritt in unterschiedlichen Formen in Erscheinung: In öffentlichen Institutionen und Behörden, im Bereich der Beschäftigung, in privaten und öffentlichen Einrichtungen der schulischen Aus-und Weiterbildung, in öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Zugang zum Gesundheitswesen, in der Gesundheitsversorgung selbst, im Unterhaltungs-und Freizeitgewerbe, in Gaststätten, bei der Wohnungssuche/ -anmietung, im öffentlichen Raum, bei Personal-und Verkehrskontrollen, in und durch Medien.

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Im Unterschied zu anderen EU-Staaten ist in Deutschland die öffentliche und politische Sensibilität für Rassismus äußerst gering ausgeprägt. Rassistische Diskriminierungen werden am ehesten in Form gewaltsamer körperlicher und verbaler Übergriffe auf ethnische Minderheiten, meist verursacht von rechtsextremistisch orientierten Gruppierungen wahrgenommen. Dabei wird allzu oft verkannt, dass Rassismus und Diskriminierung schon längst keine Randerscheinungen mehr sind, sondern aus der „Mitte der Gesellschaft“ kommen.

Selbstverständlich sind diese Erkenntnisse nicht neu. Erst jüngst – Ende Juni 2009 – besuchte der UN-Sonderberichterstatter zu zeitgenössischen Formen des Rassismus, rassistische Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und verwandte Formen von Intoleranz, Githu Muigai, Deutschland und forderte die Bundesregierung zum Abschluss seines Besuches auf, mehr gegen alltäglichen Rassismus zu unternehmen.

Umso grotesker wirkt die vermeintliche Aufgeklärtheit mancher Medien und ihren VertreterInnen, wenn sie Günter Wallraff vorwerfen, dass die Erkenntnisse seines Films, dass Deutschland nicht „ausländerfreundlich“ ist, längst bekannt seien. Und dennoch musste erst Günter Wallraff kommen und das den Medien allzu bekannte Thema „Alltäglichkeit und Normalität von Rassismus in Deutschland“ in das öffentliche und mediale Bewusstsein lancieren.

Diese Kritik wird von jenen Medien und ihren Vertretungen geäußert, die die zivilgesellschaftlich Tätigen Antirassismus-und Antidiskriminierungsstellen als „Opferagenturen“ in Anspruch zu nehmen versuchen, wenn nach einem rassistisch motivierten Übergriff ein medienwirksamer „Opfer-Typus“ gesucht wird – meist männlich, Schwarz, von Rechtsextremisten fast zur Tote geprügelt, fließend Deutsch sprechend und lieber gestern als heute der Presse ortsnah zur Verfügung stehend. Solche Geschichten lassen sich auflagenstark nicht nur Kleingärtnern, Hundetrainern und Vermietern, wie sie im Wallraff-Film vorkommen, verkaufen, sondern auch denjenigen, die sich selbst zu den „Bekehrten“ dieser Gesellschaft zählen – den „liberalen Anderen“, die ihrerseits mit zurückhaltendem Kopfschütteln die rassistischen Geschehnisse hierzulande als „Einzelfälle“ zur Kenntnis nehmen und sich gleichzeitig auch von eben diesen „einfach gestrickten“ Kleinbürgern abgrenzen.

Der alltägliche Rassismus dahingegen lässt sich in den Medien schwieriger platzieren – zu hintergründig, zu komplex und ohnehin nicht änderbar, da in der Gesellschaft fest verwurzelt. Für diese Aufgabe gibt es Akteure und Aktivisten, die sich bereitwillig „empören“, mit entsprechenden Positionierungen und Stellungnahmen als „kurzweilige Feuerlöscher“ agieren, um dann ernüchternd feststellen zu müssen, dass sich der Beitrag vieler deutscher Medien zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung nur mit Mühe erschließen lässt. Genau das hat jedoch der neue Wallraff-Film geschafft – ohne ihn wäre das Thema jetzt nicht in allen Medien, nicht in aller Munde.

Unumstritten mutet die Verkleidung Wallraffs vielerorts grotesk an, auch polarisiert der Film und bedient in der einen oder anderen Szene Ressentiments – hierüber muss und sollte öffentlich diskutiert werden. Jedoch nicht in einer Weise, in der verkannt wird, dass „Schwarz und Weiß“ die längst überfällige Diskussion über den sichtbaren und unsichtbaren Rassismus in diesem Lande nachhaltig entfacht hat.