Schweden

Blaugelbe Integration

Schweden ist Vorreiter in Sachen Integrationspolitik und gilt ohnehin als der moderne Wohlfahrtsstaat par excellence. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt: nicht alles, was glänzt, ist blaugelb, aber vieles.

Zunächst die Fakten: Das Immigrationsprofil Schwedens ähnelt dem der meisten europäischen Länder. Den Gastarbeitern folgten ab den 1980er Jahren Flüchtlinge aus Ländern des Nahen Ostens und Südamerikas. In den 1990er Jahren kamen vorrangig Bosnier, später Kosovoalbaner, nunmehr stellen Iraker und Somalier die mit Abstand größte Immigrantengruppe. 2008 erhielten 90.021 Personen in Schweden eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Aufenthaltserlaubnis, also immerhin ein Hundertstel der Gesamtbevölkerung. 25 % von ihnen kamen als Arbeitskräfte, meist aus dem europäischen Ausland, weitere 16 % als Studierende. Ausländische Angehörige schwedischer Staatsbürger stellen mit 33 % die größte Gruppe dar. Asylbewerber und Angehörige von Flüchtlingen machen jeweils 12 % aus. Heute haben rund 17 % der schwedischen Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Laut Integrationsindex MIPEX ist Schweden Spitzenreiter in Sachen Integration, was die Fragen evoziert: Wie sieht das schwedische Integrationssystem eigentlich aus?

Primäres Ziel schwedischer Integrationspolitik ist es den Neuankömmlingen alsbald die Selbstversorgung und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Unter dem Terminus „Neuankömmling“ werden all diejenigen subsumiert, die weniger als zwei Jahre im Land leben. In diesen zwei Jahren werden ihnen gemäß staatlicher Richtlinien Unterstützungen zugebilligt, die das Selbstbild des Individuums stärken sollen, genauer: „ihre Selbständigkeit, Selbstwert, Eigeninitiative, ihr Vermögen Probleme selbstständig lösen zu können, sowie ihre Partizipation und Eigenverantwortung.“ Jede betreffende Person soll einen individuellen Einführungsplan erhalten, der die persönlichen Voraussetzungen und Bedürfnisse berücksichtigt. Obschon diese individuelle Herangehensweise löblich ist, begeht sie erstens den Kardinalfehler Immigranten per se als Problemfälle aufzufassen. Zweitens liegen mitunter Welten zwischen Gesetzestexten und der Realität, etwa dann, wenn wie im Falle der Landkreise Hedemora, Orsa und Älvdalen nur diejenigen einen individuellen Einführungsplan erhalten, die sich im arbeitsfähigen Alter befinden. Kinder und Rentner gehen hier leer aus.

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Es sind folglich die Landkreise, die die Einführungen durchführen. Sie schließen mit der Migrationsbehörde Verträge ab, in denen geregelt ist, wie viele Neuankömmlinge aufgenommen und versorgt werden können. Sie verpflichten sich den Neuankömmlingen Schwedischkurse, genannt SFI, einen Praktikumsplatz und ein Einführungsprogramm in Form von Informationsveranstaltungen zur Verfügung zu stellen. Jeder Ausländer hat in Schweden Anrecht auf Schwedischunterricht und besitzt per Gesetz die freie Wahl zwischen unterschiedlich ausgerichteten Schwedischkursen. Doch es gibt Probleme: Wartezeiten für die Kurse von über drei Monaten sind keine Seltenheit, neun von zehn SFI-Lehrern sind nicht entsprechend ausgebildet, Qualitätssicherungen gibt es bei den oft privaten Kursanbietern kaum. Maciej Zaremba hat in seiner Reportage „I väntan på Sverige” mehrere Fälle aufgezeigt, in denen Neuankömmlinge trotz individuellem Einführungsplan in den falschen Schwedischkursen landen, von freier Wahl keine Spur. 1 [1]

Denn – und hierin liegt ein gravierendes Problem des schwedischen Integrationssystems – die Quote muss stimmen. Die Landkreise erhalten nämlich neben einem jährlichen Grundbetrag eine Kopfpauschale pro aufgenommenem Immigranten: rund 17600 Euro für Erwachsene, 10800 für Kinder, 6500 Euro für Rentner. Von diesem Geld werden nicht nur Schwedischkurse, Praktikumsplätze und die Wohnungen der Immigranten finanziert, von diesem Geld bezahlt der Landkreis auch seine eigenen Mitarbeiter. Integration ist demnach für viele Landkreise ein lohnenswertes Unterfangen, zumal eine effektive Integration noch durch ein zusätzliches Bonussystem vom Staat belohnt wird. Die Kehrseite dieses Wettkampfes der Landkreise ist ihre mangelnde Zusammenarbeit. Sie sind darauf bedacht ihre registrierten Neuankömmlinge und die damit verbundenen Einnahmen im Landkreis zu halten, selbst wenn dies im Einzelfall nicht der ideale Integrationsstandort ist. So gibt es beispielsweise in Göteborg spezielle Schwedischkurse für Mediziner. Einem Arzt aus dem Irak, der zufällig im Landkreis Sunne registriert ist, nützt dies jedoch nichts.

Auf dem Gebiet der Arbeitsmarktanbindung, bedient man sich in Schweden einer Reihe innovativer und höchst interessanter Maßnahmen. Der Staat bemüht sich ausländische Abschlüsse und Examina adäquat anzuerkennen. Die so genannten Neustartjobs bieten Arbeitgebern finanzielle Anreize Immigranten einzustellen, wobei der Staat bis zu 63 % des Lohnes übernimmt. Firmengründungen von Bürgern mit Migrationshintergrund werden mit Hilfe von einem Mentorprogramm unterstützt. Eine weitere Maßnahme ist die Anonymisierung von Bewerbungsunterlagen. So erfährt der Arbeitsgeber erst beim Vorstellungsgespräch ob es sich bei seinem zukünftigen Arbeitsnehmer um einen Lars Svensson oder einen Abdulhafif Kaya handelt. Überdies führt und fördert der Staat den Dialog über demokratische Werte, die Menschenrechte und gegen Diskriminierung.

Evident ist: nicht alles, was glänzt, ist blaugelb. Auch in Schweden gibt es Segregation, Alltagsrassismus, Missverständnisse und Übereifer. Dennoch, im Großen und Ganzen ist Integration in Schweden eine Erfolgsgeschichte, ganz ohne Einbürgerungstest. Viele meinen dies läge an der Geschichte Schwedens, einem Land ohne sichtbare Altlasten und mit sichtbaren Errungenschaften. Die Migrationsforscherin Anne Sofie Roald meint die Inkorporation neuer und oppositioneller Modelle in die nationale Agenda sei ein elementares Kennzeichen der schwedischen Gesellschaft. 2 [4] Integration wird als gesamtgesellschaftliches Projekt, der einzelne Neuankömmling als transkulturelle Ressource wahrgenommen. Neben den politischen Weichenstellungen, die dies ermöglichen, ist es meinem Erachten nach vor allem der offene und reflektierte Umgang mit der Thematik Erfolgsgrund. Die schwedische Gesellschaft ist kritikfähig und verbesserungswillig, getreu dem Motto: Erfolg verpflichtet. Er verpflichtet indes nicht nur Schweden, sondern durchaus auch Deutschland.

  1. Zaremba, Maciej: „I väntan på Sverige”, Dagens Nyheter, März 2009.
  2. Roald, Anne Sofie: „New Muslims in the European context: the experience of Scandinavien converts”, 2004. [5]