Cem Özdemir

Der Grüne Gesellschaftsvertrag

2009 ist für Deutschland ein Superwahljahr. Politische Präferenzen konnten und können zum Ausdruck gebracht werden bei der Bundestagswahl im September, bei 8 Kommunal-, 5 Landtagswahlen und nicht zuletzt bei der Europawahl am 7. Juni. Die Parteien werben vor allem mit ihrer Kompetenz zur Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise. Keine Rettung ist ihnen im Wahljahr zu teuer. Doch wie halten sie es mit gesellschaftspolitischen Themen wie der Inklusion und Integration von MigrantInnen und Minderheiten?

Interview mit Cem Özdemir 1 [1]

Herr Özdemir, für viele vor allem türkischstämmige Jugendliche haben Sie eine Vorbildfunktion. Wer ist ihr Role-Modell?

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Ich hatte ein Role Model, das ich sogar kennen gelernt habe, der aber leider nicht mehr lebt. Das war Hrant Dink, ein türkisch-armenischer Schriftsteller in der Türkei, mit dem ich sehr gut befreundet war. Wie eine Art Bruder. Er wurde von Ultranationalisten umgebracht. Neben meinem Schreibtisch hängt ein Bild von Martin Luther King. Auf eine gewisse Weise sind auch meine Eltern Role Models für mich, die sich in den 60er Jahren auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, ohne die Sprache zu sprechen, ohne sich hier auszukennen und sich hier durchgebissen haben. Sie mussten sich zurecht finden in einer Gesellschaft, wo ihnen niemand erklärt hat, was auf sie zukommt. Übrigens auch nicht in der Türkei.

Wie ändert sich der Alltag eines Politikers, wenn er Parteivorsitzender wird?

Es ist schon etwas anderes, wenn man Parteivorsitzender ist, obwohl ich nicht neu in der Politik bin. Das fängt schon beim Terminkalender an. Absolut vollgepackt. Sachen, die mir wichtig sind, dürfen dennoch nicht zu kurz kommen. Beispielsweise lege ich großen Wert darauf, dass ich morgens meine Tochter in den Kindergarten bringe und mit ihr ein bisschen reden kann. Außerdem versuche ich nach Möglichkeit, sonntags zusammen mit den Jungs am Kotti Fußball zu spielen. Der Job dauert aber im Prinzip eher 24 Stunden an 7 Tagen die Woche.

Im Mai stimmte Ihre Partei über ihr Wahlprogramm ab, bei dem es auch um einen „neuen grünen Gesellschaftsvertrag“ geht. Wofür brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag und was verstehen Sie darunter?

Der alte Gesellschaftsvertrag, der sicherlich früher lange Zeit gut funktioniert hat, hat aus unserer Sicht ein großes Problem, weil er soziale Gerechtigkeit nicht mehr gewährleistet. Im Kreissaal ist schon bei vielen klar, ob sie später auf die Hauptschule oder auf das Gymnasium gehen werden. Das hängt zunehmend vom Elternhaus ab und nicht von der eigenen Begabung. Wer in die Familie von Arbeitslosengeld-II-EmpfängerInnen geboren wird, hat bei uns keine großen Chancen, daraus auszubrechen. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß, dass er oder sie selber auch Arbeitslosengeld II empfängt. Das ist ein skandalöser Zustand. Das zweite Problem ist, dass der alte Gesellschaftsvertrag ökologisch blind ist. Er schafft es nicht, so zu wirtschaften, dass wir nicht zu Lasten künftiger Generationen oder zu Lasten anderer auf der Welt wirtschaften. Also brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag, der beides gewährleistet. Einerseits soll er dafür sorgen, dass wir eine Chancengleichheit in der Gesellschaft haben, dass wir Blockaden überwinden und alle gleiche Chancen bekommen – unabhängig davon, ob sie aus einer reichen oder armen Familie kommen, ob ihre Eltern schon immer Deutsch waren oder ob die Vorfahren einen Migrationshintergrund haben. Andererseits muss der neue Gesellschaftsvertrag dafür sorgen, dass wir die Wirtschaft so umbauen, dass sie keinen Widerspruch zur Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlage darstellt. Das ist der grüne Neue Gesellschaftsvertrag.

An Grundschulen hat ein beachtlicher Teil der Kinder mit Migrationshintergrund Probleme mit der deutschen Sprache. Sie haben auch eine Tochter im Kindergartenalter. Welche Sprache bringen Sie ihr zuerst bei?

Meine Frau ist Argentinierin. Sie spricht mit ihr konsequent Spanisch und ich mit ihr Deutsch. Wenn ich mit ihr Türkisch und Deutsch sprechen würde, wäre das nur ein Sprachchaos. Außerdem spreche ich besser Deutsch als Türkisch. Meine Tochter geht in einen deutsch-spanischen Kindergarten. Sie spricht mittlerweile beide Sprachen fließend. Sie kann hin und her switchen und auch hin und her übersetzen. Ich bin ganz erstaunt, wie gut sie das hinkriegt. Türkisch lernt sie außerdem über meine Eltern und über die Baby-Sitterin, die ein wenig Türkisch mit ihr spricht, so dass sie auch auf Türkisch zählen kann, fragen kann, wie es einem geht und natürlich singen kann. Wenn es nach dem Papa geht, dann würde er sich natürlich darüber freuen, wenn sie neben Spanisch und Deutsch später auch noch richtig gut Türkisch spricht.

Also sind sie dafür, dass man Kinder bilingual aufwachsen lässt.

Überall da, wo es möglich ist. Voraussetzung dafür ist, dass die Eltern die Sprache gut können. Das schlimmste ist, wenn die Eltern die Sprache schlecht sprechen und die Sprache, die sie schlecht sprechen, dem Kind dann entsprechend schlecht beibringen. Darum ist es auch Quatsch, wenn deutsche Politiker der Meinung sind, dass Migranten-Eltern Deutsch mit ihren Kindern sprechen sollen. Das gilt ja nur dann, wenn sie gut Deutsch sprechen. Wenn sie nicht gut Deutsch können, versündigt man sich an dem Kind eher, weil man den falschen Satzbau, den man dem Kind beibringt, nicht so schnell korrigieren kann. Es ist völlig verheerend. Da merkt man, dass viele bei diesem Thema mitreden, die keine Ahnung haben. Man soll die Sprache mit Kindern sprechen, die man gut spricht. Und wenn es Kurdisch ist, soll es Kurdisch sein. Wenn es Türkisch ist, soll es Türkisch sein. Wenn es Spanisch ist, soll es Spanisch sein. Was auch immer. Wenn man allerdings zu Hause nicht Deutsch spricht – was normal sein kann – dann muss man wenigstens dafür sorgen, dass das Kind so schnell wie möglich in eine Kinderbetreuungseinrichtung geht. Dann muss man dafür sorgen, dass das Kind mit deutschen Kindern zusammen kommt, dass es vielleicht in den Sportverein geht, dass es Möglichkeiten hat, außerhalb des Elternhauses mit Deutschen in Berührung zu kommen. Das erwarte ich von allen Eltern, gerade von denjenigen, die zu Hause nicht Deutsch sprechen können.

Aber das Problem für Eltern, die in Kreuzberg oder in Neukölln wohnen, ist, dass die Schule dort v.a. von anderen Migranten-Kindern besucht werden. So ist es schwierig, mit Deutschen Kindern in Kontakt zu kommen. Was auch noch auffällig ist – v.a. bei türkischen Jungen- dass sie sich wie Machos benehmen. Woran liegt das?

Deshalb ist es so wichtig, dass gerade in Stadtteilen wie Kreuzberg, Neukölln oder Wedding besonders gute Schulen und Kindereinrichtungen angeboten werden. Die Schulklassen sollten dort also möglichst klein sein und möglichst junge, motivierte Lehrer sollten hier den Unterricht machen. Ansonsten wandert die Mittelschicht weiter ab, im Übrigen auch die Migranten-Mittelschicht. Und was die Jungen angeht: Man sagt ja mittlerweile „Migrant, männlich, loser“. Mädchen schneiden zum Beispiel besser in der Schule ab. Das hängt aber auch damit zusammen, dass die vormoderne Erziehung – paradoxerweise und vielleicht ohne Absicht des Elternhauses – den Mädchen eher nutzt und den Jungen eher schadet. Für die Mädchen ist die Schule eine Möglichkeit, sich aus der häuslichen Enge heraus zu entwickeln, während für die Jungen der laxe Erziehungsstil in Verbindung mit leider auch häufiger Gewalt im Elternhaus eher dazu führt, die Tendenz, in der Schule gut zu sein, nicht zu stärken, sondern zu schwächen. Einerseits verbringen die Jungen viel Zeit auf der Straße, andererseits lernen sie sehr früh, dass Gewalt ein Mittel der Konfliktlösung ist, weil sie es zu Hause so erleben. Also sind naheliegende Lösungen – und es gibt keine einfachen: Erstens brauchen wir diese Jugendlichen früher und länger in den Bildungseinrichtungen. Sie sollten im Idealfall ab dem ersten Lebensjahr in den Kitas sein. Zweitens brauchen wir überall Ganztagesschulen, damit sie auch nachmittags dort sind. So bekommen die Kids auch die Möglichkeit, in Anwesenheit von kompetentem Personal sich zu öffnen, von ihren Problemen zu erzählen. Wir müssen aber auch die Elternarbeit intensivieren. Wir müssen mit den Eltern darüber reden, ob in jedem Kinderzimmer ein Fernseher sein muss. Es gibt statistische Untersuchungen vor Professor Pfeiffer in Hannover, die zeigen, dass Fernseher im Kinderzimmer und Probleme in der Familie in einem Zusammenhang stehen. Dazu gehört, dass man auch über Erziehungsstile reden muss, also über die Gewalt in der Familie. Auch da haben wir das Problem, dass viele Eltern überfordert sind. Sie machen das ja nicht, weil sie schlechte Eltern sind, sondern weil sie es von ihren Eltern auch so erlebt haben. Also muss man Eltern zur Seite stehen und ihnen erklären, dass Prügel, Gewalt und der Fernseher im Kinderzimmer den Kindern nichts Gutes tun – ganz im Gegenteil.

Sie wohnen seit 2007 in Kreuzberg, in Nähe von Kottbusser Tor. Dort ist das Drogenproblem sehr stark. Ihre Partei verfolgt eine „rationale Drogenpolitik“. Was bedeutet diese Politik für die Menschen bspw. am Kottbusser Tor, die drogensüchtig sind?

Die Drogenkranken sind Teil unserer Gesellschaft und gehören dazu. Insofern sind wir alle gemeinsam aufgefordert, dieses Problem anzunehmen und zu lösen. Sie auf der Straße zu lassen, löst das Problem ja nicht. Diese Situation ist für sie unwürdig. Es ist aber auch für die anderen Betroffenen, die Anwohner mit Kindern und die Ladenbesitzer, eine absolute Zumutung. Viele von ihnen sagen: „In unserem Viertel gibt es die größte Drogenszene. Hat das etwa damit zu tun, dass wir nicht wählen können und dass viele von uns nicht eingebürgert sind, dass wir nicht so gut Deutsch können, dass wir uns weniger gut organisieren können? Was wäre eigentlich, wenn die Drogenszene nicht hier, sondern ein paar 100 Meter weiter auf der anderen Seite vom Paul-Linke-Ufer wäre, wo das schönere, vornehmere Kreuzberg beginnt? Wie lange würde es dort dauern, bis die verantwortlichen Politiker reagieren würden, bis es Gebäude gäbe, wo man die Leute vernünftig betreuen kann, wo es einen Raum gäbe für Alkoholkranken und Heroin-Kranken?“ Diese Meinung höre ich jeden Tag, wenn ich durch die Straßen laufe. Ich widerspreche dann zwar, aber man muss diese Meinung ernst nehmen. Man kann nicht einfach darüber hinweggehen. Also muss man sich um das Problem kümmern, nicht indem man die eine Gruppe gegen die andere ausspielt, sondern indem man Lösungen präsentiert, die beiden Bedürfnissen gerecht werden. Die Bedürfnisse derer, die sich Sorgen um ihre Kinder machen und nicht wollen, dass ihre Kinder mit Drogenbesteck auf dem Spielplatz aufwachsen und auf der anderen Seite die Bedürfnisse der Drogenkranken, für die man eine Lösung braucht.

Sie betonen immer wieder, dass Sie sich wünschen, dass es irgendwann egal ist, welchen Migrationshintergrund jemand hat. Aber auf der anderen Seite bezeichnen Sie sich gern als „anatolischen Schwabe“. Also betonen Sie schon ein bisschen Ihren Migrationshintergrund, was bei türkisch-stämmigen Migranten auf Sympathie trifft.

Den Begriff des „anatolischen Schwaben“ habe ich 1994 geprägt. In einigen Zeitungen stand „Spätzle-Türke“, in anderen „Deutsch-Türke“, „Euro-Türke“. Sie haben schon fast einen Wettbewerb daraus gemacht. Da dachte ich, kreiere ich mir selbst einen Begriff, bevor die anderen mir da etwas ankleben. „Anatolischer Schwabe“ deshalb, weil ich im Schwabenland aufgewachsen bin, und anatolisch, weil mir immer sehr viel daran lag, dass alle Menschen aus Anatolien mich als ihren Abgeordneten sehen können. Die Türken, die Kurden, Armenischstämmige, Syrischstämmige, Alewiten, Sunniten, Christen, was auch immer. Ich habe in meiner Bewerbungsrede für den Bundesvorsitz auf dem Parteitag in Erfurt ganz bewusst das Thema Migration mit keinem Wort erwähnt. Die Tatsache, dass ich nicht Hans oder Gustav oder Eberhard, sondern Cem Özdemir heiße, ist ja für sich genommen schon eine Botschaft. Wenn ich mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks rede oder mit dem Gewerkschaftsbund ein Gespräch habe und komme mit meinem Aussehen, mit meinem Namen, dann transportiere ich ja damit schon die Aussage, wie wir uns als Grüne das Zusammenleben von Deutschen und Nicht-Deutschen vorstellen. Und das ist natürlich spannend an meinem Job.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Filiz Keküllüoglu im Mai 2009.
Das Interview wurde zuerst auf www.migration-boell.de [4] veröffentlicht.

  1. Cem Özdemir war zwischen 1994 und 2002 Bundestagsabgeordneter und von 1998 bis 2002 innenpolitischer Sprecher der Bündnis 90/Die Grünen. Seit 2004 ist er Abgeordneter des Europäischen Parlaments und seit 2008 Bundesvorsitzender seiner Partei.