In der Schule

Anja ist die schlechteste

Eine fiktive Geschichte einer unmöglichen Lehrerin und der kleinen Anja, die jegliche Lust und Motivation an der Schule verliert weil Sie zu Unrecht als Verliererin und als die schlechteste Schülerin der Schule bezeichnet wird. Fortan hänseln und belästigen ihre MitschülerInnen Sie als doof, unwillig und unfähig.

Man stelle sich eine Lehrerin vor, diein der Schule einen Wettbewerb startet. Dazu nominiert sie jeweils ein Mädchen und einen Jungen aus den Jahrgangsstufen fünf bis zehn. Sie möchte die SchülerInnen in den Disziplinen Kopfrechnen, 100-Meter Sprint und Englischvokabeln gegeneinander antreten lassen und nach deren Leistung benoten.

Bevor der Wettbewerb beginnt, erläutert Sie in aller Ausführlichkeit, weshalb beispielsweise Jungs im Vergleich zu den Mädchen aufgrund unterschiedlicher körperlicher Voraussetzungen leistungsstärker im Sport sind oder SchülerInnen aus den höheren Jahrgängen im Vergleich zu denen aus den Jüngeren besser in Mathe und Englisch sein werden.

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Anschließend beginnt der Wettbewerb. In Mathe und Englisch erhalten SchülerInnen aus der Jahrgansstufe zehn – sagen wir mal – im Schnitt 100 Punkte; die aus der neunten Jahrgangsstufe 90 usw. In Sport kommt es zwar teilweise zu Überschneidungen, doch schneiden Jungs überwiegend besser ab als Mädchen.

Schließlich kommt es zur Notenvergabe. Um ein vermeintlich gerechtes System zu entwickeln, erstellt die Lehrerin ein Bewertungsskala von eins für „sehr gut“ bis sechs für „ungenügend“. Gemessen an den Bestleistungen in Sport, Mathe und Englisch, erhalten SchülerInnen aus den oberen Jahrgangsstufen bessere Noten als jüngere Schülerinnen aus den unteren Jahrgangsstufen.

Die Lehrerin addiert nun die Noten der einzelnen Schülerinnen und dividiert es durch drei. Marco aus der zehnten Klasse schneidet aufgrund besonderer sportlicher Leistungen am besten ab, obwohl er in Mathe und Englisch einige Schwächen zeigt. Die kleine Anja aus der fünften Klasse hingegen am schlechtesten. Besonders im 100-Meter-Sprint hat sie im Gesamtvergleich besonders schlecht abgeschnitten.

Nachdem der Wettbewerb abgeschlossen ist, übergibt die Lehrerin die Ergebnisse des Wettbewerbs der Redaktion der Schülerzeitung. Die Nachricht erscheint in der neuen Ausgabe der Schülerzeitung mit dem Titel „Anja aus der 5b ist die schlechteste in der Schule“.

Traurig über diese Schlagzeile, verliert die kleine Anja die Lust an der Schule, da sie fortan von den übrigen SchülerInnen gehänselt wird. MitschülerInnen kritzeln, wohin sie nur können „Anja ist die schlechteste in der Schule“, bis auch der/die letzte SchülerIn vom schlechten Abschneiden der kleinen Anja mitbekommt. Die meisten Lehrer hingegen finden die Ergebnisse des Wettbewerbs äußerst interessant und meinen, dass man Dank der Ergebnisse sehe, wo am meisten Handlungsbedarf sei und welche SchülerInnen am meisten gefördert werden müssen.

Als die Eltern von Anja über die Stimmung gegen ihre Tochter erfahren, beschweren sie sich und stellen die Lehrerin zur Rede. Die aber führt aus, dass sie vorab über die unterschiedlichen Voraussetzungen der SchülerInnen aufgeklärt habe. Außerdem seien die Ursachen nicht in die Endergebnisse des Wettbewerbs eingeflossen. Schließlich handele es sich lediglich um eine statistische Auswertung, die lediglich eine Momentaufnahme darstelle.

Absurd? Unmöglich? Keinesfalls!

Nichts anderes ist vor wenigen Wochen in Deutschland im großen Stile passiert. Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung [3]hat in der Integrationsstudie „Ungenutzte Potenziale [4]“ aus zwanzig Indikatoren versucht herauszufinden, welche Migrantengruppe am besten integriert ist. Dabei wurden beispielsweise Spätaussiedler, die per Gesetz ausnahmslos die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben, mit Türken und anderen Migrantengruppen verglichen. Spätaussiedler erhielten hierbei wenig überraschend die Bestnote, während Türken vergleichsweise schlechter abgeschnitten haben. Viele weitere Indikatoren, die aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen der Vergleichsgruppen für direkte Vergleiche ungeeignet [5] waren, wurden ausgewertet, addiert und durch die Anzahl der Indikatoren dividiert.

Die Ergebnisse dieser sog. Studie wurden dem Nachrichtenmagazin Spiegel exklusiv zur Verfügung gestellt, die in der Printausgabe 5/2009 auf Seite 32 vollkommen an den dynamischen Indikatoren der Studie vorbei „Für immer Fremd“ titelte mit dem Hinweis, dass „Vor allem Türken“ zu den „Verlierern“ zählen. Einige Tage zuvor (24.01.2009) warb Spiegel Online für die Printausgabe mit dem Titel „Türken sind mit Abstand am schlechtesten integriert [6]“. Nahezu die gesamte Presselandschaft folgte dieser Aussage.

Die Welt (26.01.2009) beispielsweise meinte zu wissen „Warum Türken bei der Integration nicht mitspielen“. Die FAZ meinte noch einmal die Studienergebnisse mit eigenen Worten wiedergeben zu müssen: „Türken haben den größten Nachholbedarf“.

In den Folgetagen meldeten sich Islamwissenschaftler und Migrantenverbände zu Wort und machten auf die Defizite der Studie aufmerksam. Die deutsche Presselandschaft zeigte sich verwundert über die „Empörung“ (Süddeutsche Zeitung vom 27.01.2009). Die Frankfurter Rundschau titelte „Türken wehren sich“. Das Berliner Institut verteidigte seine Arbeit und machte darauf aufmerksam, dass die Ergebnisse der Studie lediglich eine Auswertung des Mikrozensus seien. Die Ergebnisse würden mögliche Ursachen gänzlich außen vor lassen.

Jedenfalls beschäftigten die Ergebnisse der Studie die deutsche Öffentlichkeit mehrere Tage mit einem äußerst negativen Grundtenor zu Lasten der Türken. Politiker aller Couleur kamen zu Wort: Von Angela Merkel bis hin zum Kreisverbandsstellvertretenden meinten, die Ergebnisse der Studie für interessant und erkenntnisreich erklären zu müssen.

Die Moral der Geschichte lässt sich am anschaulichsten wieder am Beispiel der kleinen Anja aus der fünften Klasse veranschaulichen. Obwohl von Anfang klar war, dass ungleiche Voraussetzungen zu ungleichen Ergebnissen führen, wurde die kleine Anja öffentlich und vollkommen zu Unrecht als Verliererin dargestellt.

Das Beispiel zeigt aber offen, wie es um das Integrationsland Deutschland steht. Migranten werden allzu gerne und bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Verlierer, unwillig oder schlecht dargestellt. Dabei beruft man sich nicht selten auf vermeintliche Studien oder sogar Einzelmeinungen. Rechtfertigen tut man sich oft mit dem Argument, dass man wichtige Themen nicht Totschweigen dürfe. Was allerdings solche und ähnliche öffentliche Brandmarkungen bei Migranten verursachen, wird nahezu immer unberücksichtigt gelassen.

Einer Übertragung der Situation der kleinen Anja auf die vermeintlichen „Verlierer“ der Integrationsstudie – die Türken – ist an dieser Stelle nicht notwendig. Die Auswirkungen der öffentlichen Brandmarkung bei den Türken kann man sich denken. Sie verlieren die Motivation. Ob sich Deutschland das leisten kann, darf zu Recht bezweifelt werden.

Selbstverständlich müssen wichtige gesellschaftliche Themen angesprochen und erörtert werden. Insbesondere dort, wo Probleme verortet werden, müssen diese diskutiert werden. Allerdings wäre es hilfreich, wenn man dabei sachlich bleibt und ein Mindestmaß an Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit wahrt. Die „Studie“ des Berliner Instituts ist offensichtlich ungeeignet gewesen, um daraus generelle Schlussfolgerung zu ziehen. Allenfalls einzelne Indikatoren bieten eine Momentaufnahme. Entsprechend hätten sich – wenn nicht schon die Medien – zumindest verantwortliche Politiker zu benehmen wissen müssen. So aber haben sie sich von den MitschülerInnen der kleinen Anja in keinster Weise unterschieden.