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Neukölln ist überall

Rassismus im „Volkstheater“

Drei Monate nach der Veröffentlichung des offenen Briefes „Wir sind keine Schlitzaugen!“, der die Ausstellung eines rassistischen Bildes im Berliner Heimathafen Neukölln problematisiert, lässt der Mitinitiator Kien Nghi Ha diese Kampagne Revue passieren und zieht eine Zwischenbilanz.

Ende Januar 2014 machte die junge Musikerin Suki Osman im Berliner „Heimathafen Neukölln“ eine verstörende Entdeckung: In dem Theater, das sich seiner programmatischen Auseinandersetzung mit Migration und multikulturellen Leben rühmt, wurde in der Ausstellung „I love NK – Neukölln wird in die Welt getragen“ ein merkwürdiges Foto präsentiert:

Eine blonde weiße Frau ist in einem weißen T-Shirt mit dem Aufdruck „I love NK“ aus dem Heimathafen-Fanshop in einem ostasiatisch wirkenden Park zu sehen. Ihre Augen hat sie mit ihren Fingern schlitzartig hochgezogen. Diese denunziatorische Geste macht ihr Spaß, sie fühlt sich sichtlich wohl dabei und lächelt in die Kamera.

Suki Osman empfindet etwas anderes und schreibt einige Tage später einen Beschwerdebrief: „Dieses Foto aber scheitert auf verschiedene, peinliche Ebenen: Dass die Person im Foto auf die Idee gekommen ist; dass der Fotograf gern das Foto aufgenommen hat, und die Entscheidung das Foto abzuschicken sind wohl problematisch, aber dass der Heimathafen das Foto ausgestellt hat und niemand dieser Entscheidung widergesprochen hat, ist verächtlich.“ (28.1.2014).1

Alltagsrassistische Entgleisung der künstlerischen Leitung
Was die Musikerin zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt, ist die Tatsache, dass ihr eben jene Darstellerin dieser taktlosen Chinoiserie in Gestalt von Stefanie Aehnelt, der künstlerischen Leiterin und Geschäftsführerin des Heimathafen Neukölln, antworten wird. Nicht zufällig unterlässt Stefanie Aehnelt in ihrer Replik jeglichen Hinweis, der über ihre eigene Rolle bei der Produktion und Ausstellung des rassistischen Bildes informiert. Auf diese Weise kann aber kein Mindestmaß an Transparenz, Aufklärung und Verantwortungsübernahme hergestellt werden. Mit dieser Verschleierungs- und Vertuschungstaktik sind die weiteren Schritte auf Seiten des Heimathafens vorgezeichnet, denn eine Offenlegung und aufrichtige Auseinandersetzung hätte von Anfang an das wahre Ausmaß des Schlamassels aufgezeigt. Auch die holprige Rechtfertigungsstrategie wäre durch eine respektvollere und ehrlichere Umgangsweise gefährdet, so dass der Heimathafen sich dazu entscheidet, die bereits angeschlagene Glaubwürdigkeit mit der gebotenen Professionalität vollends zu ruinieren.

Wie so häufig nehmen Rassismus und die damit einhergehenden Abwiegelungsversuche absurde Züge an, die immer absurder werden, je banaler die dahinterstehende Realität ist. Mit der vorweggenommenen Auflösung nimmt das Lehrstück über Rassismus in einem deutschen Schauspielhaus eine irrsinnige Wendung an, die über den konkreten Einzelfall hinaus bedeutsame Probleme im hiesigen Kulturbetrieb offenbaren. Damit beginnt der nächste Akt in dieser Neuköllner Posse.

In der kurzen Antwort von Stefanie Aehnelt gelingt ihr das Kunststück, rassistisch Sensibilisierte erneut vor den Kopf zu stoßen. Anstatt sich ohne einschränkenden Relativierungen konsequent zu entschuldigen und aufzuklären, spricht sie sich ausgerechnet im Kontext dieser Beschwerde für das vermeintlich demokratische Recht auf kulturelle Verspottung aus einer dominanten Position aus: „Wir legen Wert auf inhaltlichen Idealismus und wollen uns nicht an oberflächlicher political correctness oder Dogmen aufhalten. Wir begegnen allen Kulturen mit Respekt und Humor – einschließlich unserer eigenen. Das ist Volkstheater im besten Sinne. Und das ist Neukölln.“2 (29.01.2014)

Mit dieser Durchhalteparole wird die fadenscheinige Bekundung des eigenen Bedauerns nachhaltig hintertrieben und in eine uneinsichtige Apologie überführt, die seitens der Beschwerdeführerinnen als weiteren Schlag ins Gesicht empfunden wird. Eine deutsch-japanische Rechtsanwältin, die lange Zeit in Neukölln gelebt hat, reagiert fassungslos auf das Antwortschreiben der Verantwortlichen im Heimathafen:

„Als eine aus Asien stammende Mitbürgerin trifft mich das Foto sehr. Sowohl in meiner Schulzeit als auch später als junge Erwachsene wurde ich in Deutschland – auf dem Schulhof, auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, am Arbeitsplatz – auf Grund meines asiatischen Aussehens nicht selten gehänselt und schikaniert. Und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die das durchmachen muss. […] Sie sind offenbar der Auffassung, dass das Nachstellen von ‚Schlitzaugen‘ Humor sei und dass Sie dadurch ‚Respekt vor anderen Kulturen‘ zum Ausdruck bringen und ‚inhaltlichen Idealismus‘ verfolgen, ohne sich an ‚oberflächlicher Political Correctness oder Dogmen‘ aufzuhalten. Was für einen ‚inhaltlichen Idealismus‘ Sie verfolgen, ist mir nicht ganz klar. Selbst wenn Sie dies mit Ihrem Programm tatsächlich täten, wäre es kein Freibrief dafür, sich öffentlich über Andersaussehende lustig zu machen. Vielleicht finden Sie es lustig – ich finde es nicht lustig. Für mich ist das kein Humor, es ist einfach eine Respektlosigkeit und ein Alltagsrassismus: Rassismus deshalb, weil Sie Menschen mit anderer Hautfarbe und anderem Aussehen herabsetzen. Alltag deshalb, weil diese Art von Rassismus in Deutschland alltäglich vorkommt.“ (1.2.2014)

Neuköllner Parallelwelt: Buschkowskys Heimathafen
Obwohl die begründete Kritik gut nachvollziehbar ist und niemanden intellektuell überfordern dürfte, ist der Heimathafen außerstande, sich aus den engen Begrenzungen seines monokulturellen Bildungshorizonts zu befreien. Die unverständliche Reaktionsweise hängt auch mit der Struktur des Theaters zusammen, das in einem Bezirk beheimatet ist, der auch im bundesweiten Vergleich zu den Orten mit hohem Migrantenanteil zählt. Diese interkulturelle Lebensrealität spiegelt sich aber in keiner Weise im Personaltableau des vermeintlichen Volkstheaters wider, das in den eigenen Räumen auf verschiedenen Ebenen die migrantische Bevölkerung wie Deutsche of Color ausschließt. Interkulturelle Öffnung ist im gegenwärtigen Leitungsteam ein Fremdwort: Dem Frauenkollektiv gehören mit Stefanie Aehnelt, Carolin Huder, Julia von Schacky, Nicole Oder, Inka Löwendorf und Lucia Jay von Seldeneck ausschließlich Angehörige der Mehrheitsgesellschaft an. Gnädigerweise wurde eine Auszubildende mit Migrationshintergrund eingestellt. Es ist kein Zufall: Das diskriminierende Bild, das nach Aussage der Ausstellerin zwei jahrelang unbehelligt im Heimathafen ein zu Hause fand,3 zeigt welche Art von Volkstheater in diesen Strukturen möglich ist.

In der seltsamen Welt des Neuköllner Volkstheaters gelten künstlerische Freiheit und Diskriminierungsfreiheit als Gegensätze, so dass nach dieser Logik die wahrhaftige Kulturarbeit der deutschen Mehrheitsgesellschaft offensichtlich nur auf Kosten marginalisierter Minderheiten möglich erscheint. Ob dieses Kulturkonzept besonders clever ist, sei dahingestellt. Ebenso sind Zweifel an der politischen Zukunftsfähigkeit und an den Fairplay-Qualitäten dieser Arbeitsweise erlaubt. Die Positionierung als deutsches Heimattheater passt jedenfalls gut zur Regentschaft des umstrittenen Neuköllner Bezirkspatriarchen Heinz Buschkowsky. Der urige Lokalpatriot hat bundesweit die polarisierenden Thesen seines Buches „Neukölln ist überall“ (2012) in unzähligen Fernsehauftritten und Interviews an ein Millionenpublikum verkauft. Mit seinen islamophoben Warnungen vor der angeblich grassierenden „Überfremdung“ und „Deutschenfeindlichkeit“ macht er seinem Parteifreund Sarrazin ernsthaft Konkurrenz. Als Hardcore-Integrationspolitiker mobilisiert er vor allem die rassistischen Ressentiments des abstiegsbedrohten Kleinbürgertums und der weißen Mittelschicht.4 Der Heimathafen fühlt sich anscheinend diesem ideologischen Biotop durchaus verpflichtet und dankt Buschkowsky als Schutzherrn des Hauses ganz besonders für „Entgegenkommen und moralische Unterstützung“.5 Mit diesem Selbstverständnis ist auch eine mehrheitsdeutsche Deutung von postmigrantischem Theater verbunden: Anstatt in erster Linie dominante Sehgewohnheiten zu brechen und minoritäre Perspektiven zu fördern, hat der Heimathafen es sich wiederholt zur Aufgabe gemacht, die vorurteilsbelasteten Bilder der Mehrheitsgesellschaft zu bedienen. Wie bei den frenetisch gefeierten Bühnenstücken „Madame Butterfly“ und „Miss Saigon“ stellt sich auch hier die Frage, ob der Mainstream in der westlichen Theaterkritik tatsächlich macht- und rassismuskritisch arbeitet. Zu den Aushängestücken des Heimathafens gehören insbesondere die klischeebeladenen und Rassismus entthematisierenden Arbeiten „Arabboy“ und „ArabQueen“ von Güner Balcı,6 die wie Ayaan Hirsi Ali und Necla Kelek mit dieser fortgeschrittenen Form des Migrantenbashing Karriere macht7 und öffentlich Sarazzin in Schutz nimmt.8

Diskriminierung als interkulturelle Kompetenzressource?
Nachdem die Beschwerden sich häuften, versuchte die Intendanz des Heimathafens es mit einer anderen Beschwichtigungstaktik und löste damit eine neue Welle des Protestes aus. Erneut bestätigte sich, dass diese Institution weder ernsthaft gewillt ist, sich mit kulturellen Rassismus, noch mit ihrer eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen: „Der Heimathafen Neukölln beschäftigt sich seit Jahren unter anderem mit den Themen Migration und Heimat, wir machen Stücke über junge Menschen mit arabischen Wurzeln, wir arbeiten mit Autoren und Künstlern aus Syrien und Marokko zusammen und wir zeigen mit der Bühne für Menschenrechte seit über einem Jahr erfolgreich die Asyl-Monologe. Auf unserer Bühne standen schon hessisch sprechende Iraker und Österreicher, die die Hosen runterlassen mussten“ (4.2.2014). Statt die Hintergründe und Prozesse für die Produktion und Publikation des rassistischen Bildes – sei es auch nur ansatzweise – öffentlich aufzuarbeiten, schreiben die Macherinnen des Heimathafens sich in dieser knappen E-Mail – sichtlich unbeirrt – weiterhin interkulturelle Kompetenz groß auf die eigene Fahne, während das Bedauern nur im Konjunktiv ausgesprochen wird. Man muss sich nicht wundern, wenn diese surreale Eskapade im Rahmen der aktuellen Beschwerde wie eine Verhöhnung des berechtigten Anliegens wirkt.

Die vietnamesisch-deutsche Bloggerin Danger Bananas beurteilt diese Erklärung wie folgt: „Es ist eine typische Mail, die PR-Profis formulieren, um als Krisenkommunikation schnell die Wogen zu glätten. Sie illustriert, dass der Heimathafen Neukölln sein soziales Engagement für Menschen mit Migrationshintergrund als eine Art Erlaubnis nutzt, um in anderen Zusammenhängen rassistische Stereotype wiederholen zu dürfen. Der ‚Ich-bin-eine-Stunde-gelaufen-also-darf-ich-mir-jetzt-Sahnetorte-genehmigen‘-Effekt. Man ist nicht automatisch vor rassistischen Denkstrukturen geschützt. Ähnlich wie mit Didi Hallervoorden in seiner ‚Ich bin nicht Rappaport‘-Aufführung [wo Weiße Schauspieler ihr Gesicht in Blackfacing-Manier schwärzen] hat sie [Stefanie Aehnelt] sich nicht ausreichend damit beschäftigt, was Rassismus alles bedeutet. Das ist nicht nur Steine und Brandsätze auf Asylbewerberwohnheime zu werfen oder PoC [People/Personen of Color] auf offener Straße zusammenzuschlagen. Sondern auch beleidigende Gesten. Es geht nicht um Humor oder Humorlosigkeit, sondern um Sensibilisierung für implizite Privilegienstrukturen.“9 (6.2.2014)

Fundamentalismusverdacht: Öffentliche Diskussionsverweigerung und institutionelle Abschottung
Letztlich wurde das verletzende Bild nach mehr als einer Woche doch noch entfernt. Warum dieser Vorgang so lange gedauert hat, ist ungeklärt. Klar ist nur, dass der Heimathafen zunächst fahrlässig handelte und in seinem Beschwerdemanagement zu spät und unzureichend reagiert hat. Um eine Reihe offener Fragen zu klären, die öffentliche Diskussion zu diesem Problemfeld zu fördern und die Leitung des Heimathafen Neukölln zur Übernahme von Verantwortung durch eine öffentliche Stellungnahme zu bewegen, initiierten korientation und Korea Verband mit anderen asiatisch-deutschen Organisationen den offenen Brief „Wir sind keine Schlitzaugen!10 (7.2.2014). Diese herkunfts- und generationsübergreifende Zusammenarbeit, die bisher sehr selten stattfindet, ist eine positive Auswirkung dieses Falls. Erstmalig fand auch eine Community-übergreifende Bündnispolitik statt, so dass die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland und der Migrationsrat Berlin-Brandenburg den offenen Brief als Erstunterzeichnende von Anfang an mittragen. Genauso positiv ist die breite Unterstützung des offenen Briefes, der inzwischen von rund 30 Organisationen und mehr als 80 Einzelpersonen unterschrieben wurde, darunter Bühnenwatch, Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen, Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde in Deutschland, LesMigraS, Berlin Postkolonial und der Rat für Migration.

Trotz des zunehmenden zivilgesellschaftlichen Drucks und dem ansteigenden Klärungsbedarf aus den Communities entschloss sich der Heimathafen dazu das Problem auszusitzen. Mehr als sechs Wochen lang hüllte sich der Heimathafen komplett in Schweigen und verweigerte sich hartnäckig der aufklärerischen Wirkung öffentlicher Diskussionen. Erst als im Zuge journalistischer Recherchen die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin als Urheberin des diskriminatorischen Performance ermittelt wurde,11 sah sich der Heimathafen zu einer öffentlichen Stellungnahme genötigt: „Wir haben erkannt, dass die dargestellte Geste eine Form von Alltagsrassismus ist und verletzend wirken kann. Gerade als Theater, das sich inhaltlich viel mit Multikulturalität beschäftigt, hätten wir die Sensibilität haben sollen, dies zu erkennen. Wir glauben, dass es wichtig ist, Sprache und Gestik immer wieder auf ihre denunzierende Wirkung zu hinterfragen. Wir entschuldigen uns für den Vorfall. Es war ein Fehler, dass wir das Foto unbedacht aufgehängt haben und dass wir es versäumt haben, es sofort abzunehmen.“12 (19.3.2014)

Ungeachtet der großen Verzögerung und den wenig vertrauenserweckenden Begleitumständen begrüßte das antirassistische Aktionsbündnis in einer Pressemitteilung diese Entschuldigung.13 Damit ging auch die Hoffnung einher, dass der Heimathafen seine Abschottungspolitik aufgibt und sich für weitergehende Dialogangebote öffnet. Um den Heimathafen bei seiner angekündigten Aufarbeitung zu unterstützen, verteilte das Aktionsbündnis am 22.3.2014 Informationsflugblätter an das Publikum und trug die Beschwerdebriefe im Freien vor. Der Heimathafen versuchte die Aufklärungsarbeit bereits im Vorfeld durch inakzeptable Konditionen zu behindern und drohte mit dem Hausrecht. So wurde den Community-Aktivist_innen auf Anfrage nur eine fünfminütige Rede im Foyer zugestanden, wobei der Heimathafen das Schlusswort halten sollte. Ebenso durchsichtig war die kurzfristige Ansetzung einer nicht-öffentlichen Diskussionsrunde, die die Informationsaktion ersetzen sollte.

In diesem Stil ging es dann weiter: Zunächst sollte nach Ansicht der Heimathafens bei einem Arbeitstreffen ergebnisoffen über eine öffentliche Veranstaltung zum Thema „Rassismus in der Kulturarbeit“ diskutiert werden, während das Aktionsbündnis über die Modalitäten dieser Veranstaltung sprechen wollte. Da diese Forderung von Anfang an bekannt ist, stellt sich die Frage, warum der Heimathafen keine klare Position in dieser Frage einnimmt, sondern hier bewusst verschleiert. Die Aussichten wurden wenige Tage vor dem ersten Arbeitstreffen erneut vernebelt, da der Heimathafen nun ankündigte, vor jeder öffentlichen Diskussion einen Schlussstrich ziehen zu wollen: „Wir möchten gerne [bei diesem Treffen] alle noch offenen Fragen zu dem Vorfall klären und sind gerne bereit, Ihre Vorschläge anzuhören. Eine öffentliche Diskussionsveranstaltung zum Thema Alltagsrassismus ist von uns nicht geplant.“ (7.4.2014)

Trotzdem erklärt sich das Aktionsbündnis bereit am 11.4.2014 an dem lang geplanten Arbeitstreffen teilzunehmen, um jede Chance für einen konstruktiven Dialog zu nutzen. Am Ende des zweistündigen Gruppengesprächs, das auf Wunsch des Heimathafens von Christian Römer (Kulturreferent der Heinrich Böll Stiftung; früherer Geschäftsführer der Neuköllner Oper) moderiert wurde, wurde einvernehmlich eine Perspektive für ein weiteres Treffen erarbeitet, welches dann unter der Moderation von Mekonnen Mesghena (Referent für Migration und Diversity der Heinrich Böll Stiftung) die nächsten Schritte für eine gemeinsame Veranstaltung besprechen sollte. Eine Woche später sagte der Heimathafen den angepeilten öffentlichen Dialog mit einer bemerkenswerten Begründung wieder ab: „Ihre Forderung, eine gemeinsame Diskussionsveranstaltung zum Thema ‚Rassismus in der Kulturarbeit‘ durchzuführen, haben wir intern ausführlich diskutiert. Dabei sind wir zu dem Entschluss gekommen, es nicht verantworten zu wollen, dass man sich durch die Anwendung öffentlichen Drucks Zugang zu unserer Bühne oder unserer Mitarbeit verschafft. Wir stehen daher als Veranstaltungsort und Kooperationspartner für diese Veranstaltung nicht zur Verfügung.“14 (18.4.2014).

Zwischenbilanz und Ausblick
Die Auseinandersetzung mit dem rassistischen Vorfall im Heimathafen ist für alle Beteiligte lehrreich, spannend und in wichtigen Teilbereichen auch erfolgreich verlaufen. Durch die Berichterstattung in der Zeit, der taz, dem Neuen Deutschland und anderen Medien im In- und Ausland15 wurde eine größere Öffentlichkeit für die zugrundeliegende Problematik hergestellt. Dadurch ist eine gesellschafts- wie kulturpolitische Diskussion über anti-asiatischen Rassismus in Gang gebracht worden. Nicht zuletzt wurde durch die aktivistische Medienarbeit im Internet und den sozialen Netzwerken die eigenen Kommunikationsstrukturen ausgebaut und unterschiedliche Communities stärker inhaltlich und politisch miteinander vertraut gemacht. Im Verlauf der Kampagne konnte eine partielle Aufklärung über die Hintergründe dieser diskriminatorischen Bildproduktion bewirkt werden. Der Heimathafen wurde dazu gebracht, seine politische Verantwortung ein stückweit zu übernehmen. Es ist davon auszugehen, dass der Heimathafen – ungeachtet seiner blamablen Kommunikationspolitik und Außendarstellung – intern sich stärker mit der extern eingeforderten Diskussion auseinandersetzen muss und schon aus strategischen Erwägungen und Eigeninteressen daran arbeitet, diese Fehler zukünftig zu vermeiden. Das entbindet aber die Intendanz nicht von der Pflicht, sich der kulturpolitischen Debatte zu stellen. So bleibt der Wunsch bestehen, dass der Heimathafen sich endlich erwachsen benimmt und den Zugang zu einer politisch vernünftigen Problembearbeitung findet.

Innerhalb des Aktionsbündnisses ist eine Arbeitsgruppe entstanden, die auch ohne Mitwirkung des Heimathafens eine Diskussionsveranstaltung organisieren will. Kultur und Rassismus bilden nicht notwendigerweise Gegensätze, sondern stehen häufig in einer komplementären wie symbiotischen Beziehung zueinander, da sie jeweils Element des anderen sind. Wie etwa das Blackfacing verweist auch der Vorfall im Heimathafen auf das Grundproblem der strukturellen Reproduktion von rassistischen Stereotypen im Kulturbereich, die eine kritische Selbstreflektion erforderlich macht. Anti-asiatische Klischees und rassistische Stereotype gegen ostasiatisch Aussehende haben in der westlichen Welt eine weitzurückreichende Tradierung. International bekannt sind beispielsweise die von der westlichen Theaterkritik gefeierten Stücke „Madame Butterfly“ (1904) von Giacomo Puccini und „Miss Saigon“ (1989) von Claude-Michel Schönberg und Alain Boublil, deren gegenderten wie rassifizierenden Mißrepräsentationen auf vielfachen Protest in Asien wie in der Diaspora gestoßen ist.16

Auch auf deutschen Bühnen wird mit anti-asiatischen Klischees und grenzwertigen Nachahmungen Theater gespielt. Hier einige Beispiele: Ende 2011 riefen sowohl das Stück „Chinesen zum Frühstück – Plagiatssicherer Humorexport bis zum Abwinken“ des Hamburger Alma Hoppes Lustspielhauses als auch die veralbernen Werbeplakate mit verkleideten „Chinesen“ Unmut hervor.17 Im Sommer 2012 produzierte die Neuköllner Oper das Stück „Aufstand der Glückskekse“, das aktuelle Diskurse und Bedrohungsszenarien aufgreift: Im Jahr 2030 hat China die Welt erobert und Deutsche müssen sich als geknechtete Gastarbeiter in chinesischen Keksfabriken verdingen. Eine Kritikerin beschrieb die Aufführung als Mischung aus Ressentiments und Überheblichkeit, garniert mit einem Phantasie-Kauderwelsch, das die chinesische Sprache verulkt: „Alle reden in Phantasie-Chinesisch (‚Tsching-tschang-tschung, ling-ling‘) und bewegen sich dazu, wie sich der kleine Fritz vorstellt, daß sich Asiaten bewegen, nämlich steif, zackig, hart, kalt. Sie schwingen Waffen und grinsen dazu falsch unter pechschwarzem Haar, bei einem noch mit Zopf. […] Alles verschwindet unter der Lehre, die man mühelos zu ziehen genötigt wird, daß nämlich die armen Deutschen sich aus der drohenden Fremdherrschaft Chinas rechtzeitig befreien sollten. Am besten präventiv“.18 Und zuletzt stand das zum Theatertreffen eingeladene Stück „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ u.a. wegen problematischen Yellowfacing-Praktiken in der Kritik.19

Bereits diese kurze unsystematische Theaterschau macht deutlich, dass der Heimathafen-Fall nicht alleine für sich steht, sondern in einem größeren kulturhistorischen wie geopolitischen Kontext zu sehen ist. Gleichzeitig ist erkennbar, dass der kritische Zugang zu diesem Thema stark unterrepräsentiert ist und kein öffentliches Bewusstsein besteht. Dazu tragen auch deutsche Medien bei, da sie teilweise als Orte und Träger negativer wie einseitiger Berichterstattung anti-chinesische Diskurse und Vorurteile weitertransportieren.20 In diesem Zusammenhang stellt sich die hypothetische Frage, wie der Heimathafen und das Feuilleton reagiert hätten, wenn kein anti-asiatisches Stereotyp, sondern ein Bild mit homophoben oder antisemitischen Nachstellungen entdeckt worden wäre? Hätte die Kulturinstitution und weite Teile der Öffentlichkeit diese Meldung dann auch so unbeteiligt und desinteressiert zur Kenntnis genommen?

Info: Die Stellungnahme von Heimathafen Neukölln können Sie hier lesen.

Nicht nur im Kontext des Neuköllner Heimathafens wäre es notwendig, diese Prozesse zu initiieren, um die Kulturarbeit für interkulturelle Perspektiven und Strukturen zu öffnen und besser gegen diskrimininatorische Effekte zu wappnen:

  1. Die individuellen Beschwerdebriefe wurden als private E-Mail verschickt. Mit Zustimmung der Beschwerdeführerinnen wurde sie in einer Dokumentation veröffentlicht (4.5.2014).  []
  2. Alle hier zitierten Erklärungen des Heimathafen Neuköllns wurden als E-Mail an die Beschwerdeführerinnen bzw. dem Aktionsbündnis verschickt. Der vollständige Wortlaut wurde in einer Dokumentation veröffentlicht. Siehe Anmerkung 1.  []
  3. Vgl. Teresa Dapp: Asiaten in Deutschland: Wir sind keine Schlitzaugen!, Zeit-Online, 21.02.2014. (4.5.2014).  []
  4. Vgl. Alke Wierth: Multikulti mit dem Kleinbürger. die tageszeitung. 21.09.2012. (4.5.2014).  []
  5. Siehe Heimathafen Neukölln (3.5.2014)   []
  6. Vgl. etwa Anjana Shrivastava: Milieu-Roman „Arabboy“: Berliner Elendsgesichter. Der Spiegel. 27.09.2008. (4.5.2014).  []
  7. Siehe auch Patrick Bahners: Fanatismus der Aufklärung. Zur Kritik der Islamkritik. Blätter für deutsche und internationale Politik. 9/2010, Seite 105-118. (4.5.2014).  []
  8. Güner Balci: Sarrazin ist in Kreuzberg nicht willkommen. Die Welt. 15.07.11. (4.5.2014).  []
  9. Danger Bananas: Liebe für Neukölln – Alltagsrassismus für AsiatInnen: Der Heimathafen. 06.02.2014 (4.5.2014).  []
  10. Siehe hier: Wir sind keine Schlitzaugen (4.5.2014). Englische Fassung (4.5.2014).  []
  11. Susanne Memarnia: Siehe Entgleiste Gestik – „Heimathafen“ entschuldigt sich. die tageszeitung, 21.3.2014. (4.5.2014).  []
  12. Stellungnahme des Heimathafens Neukölln zur Debatte um ein Foto der Aktion „I love NK – Neukölln wird in die Welt getragen“. 19.3.2014. (5.5.2014) oder hier  []
  13. Rassismus im Heimathafen Neukölln. Pressemitteilung 21.3.2014. (5.5.2014).  []
  14. Antwortschreiben des Heimathafen Neukölln  []
  15. Eine Presseübersicht ist auf www.korientation.de verfügbar. Siehe Anmerkung 10.  []
  16. Vgl. Amy Iggulden: Opera expert says Puccini’s Butterfly is ‚racist. The Telegraph. 14.2.2007. Avi Steinberg: Miss Saigon, the anti-show. Group targets Asian stereotypes in hit musical. Boston Globe. 23.1.2005.  []
  17. Rassistische Plakate vom Alma Hoppe Lustspielhaus. 2.12.2011. Nicht alle können lachen. Das Kabarettstück „Chinesen zum Frühstück“ sorgt für Protest. 24.02.2012. (4.5.2014).  []
  18. Anja Röhl: Aufstand der Glückskekse. Junge Welt. 18.7.2012. (4.5.2014)   []
  19. Kunstmittel oder Beleidigung? Vier Stimmen zum Blackfacing in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“. 14.5.2013.  []
  20. Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung: Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien, 2010  []