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Beheimatet

Der erste russlanddeutsche Abgeordnete im Bundestag

Heinrich Zertik wanderte 1989 nach Deutschland ein und engagierte sich bald in der CDU. Nun sitzt er im Bundestag und will sich für die Wähler seiner Region und die Belange der Spätaussiedler einsetzen.

„Das war wie ein Blitz vom Himmel“, erinnert sich Heinrich Zertik an den Morgen nach der Bundestagswahl. Schließlich hatte es zunächst nicht so ausgesehen, als könnte es der Kommunalpolitiker von einem der hintersten Plätze der nordrhein-westfälischen Landesliste ins Parlament nach Berlin schaffen. Doch dank des guten Wahlergebnisses der CDU, klappte es für den Projektmanager aus Kasachstan doch. Er ist heute der erste russlanddeutsche Abgeordnete im Deutschen Bundestag.

„Ich bekam Anrufe aus der ganzen Welt“, schildert der Politiker die vielen Glückwünsche, die ihn seither erreichten. „Sogar Heinrich der Erste wurde ich schon genannt.“ Dabei wirkt der 56jährige in seinem grauen Anzug zum hellblauen Hemd zunächst eher unauffällig und zurückhaltend. Aber im Gespräch ist zu spüren, mit wie viel Engagement und Verantwortungsgefühl er sich seiner neuen Aufgabe stellt.

Wichtiges Signal
Für die Spätaussiedler in Deutschland ist Zertiks Wahl ein wichtiges Signal, denn die Bevölkerungsgruppe mit rund 2,5 Millionen Menschen ist politisch bislang wenig repräsentiert. „Die Russlanddeutschen haben sich von der Politik ferngehalten“, sagt auch Zertik. Den Grund dafür sieht er vor allem in der sowjetischen Erfahrung, wo die deutsche Minderheit sehr unter der Diktatur gelitten hat. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden viele Familien aus westlichen Landesteilen der Sowjetunion zwangsdeportiert und sahen sich weiter Diskriminierungen ausgesetzt. Deshalb kamen die Einwanderer seit 1988 nach den Bestimmungen des Bundesvertriebenengesetzes nach Deutschland und erhalten als Angehörige der deutschen Minderheiten mit ihrer Ankunft den deutschen Pass.

Zertik wuchs als Angehöriger der deutschen Minderheit in Südkasachstan auf und gehört damit zur ersten Einwanderer-Generation aus der Sowjetunion. Zu Hause in der Ortschaft Kastek sprach die Familie deutsch mit jenem schwäbisch anmutenden altdeutschen Dialekt, der Zertiks Aussprache bis heute färbt. Seine Eltern hatten 1941 als Kinder die gewaltsame Deportation unter Stalin erlebt und stammten aus dem ukrainischen Dnepropetrowsk. „Zu Hause wurde die deutsche Sprache und Kultur gepflegt“, erinnert sich Zertik an seine Kindheit. In der Schule sprach er wie die anderen Kinder russisch. Aber die christlichen Feiertage wie Ostern und Weihnachten feierte die Familie lieber heimlich, um den sowjetischen Funktionären nicht aufzufallen.

Hier ist Demokratie
Zu Hause sei immer klar gewesen, dass die Familie nach Deutschland ausreisen wollte. Der Großvater war schon als Wehrmachtssoldat nach Deutschland gekommen. „Ich war immer der einzige, der einen Opa in Deutschland hatte“, erinnert sich Zernik. Die Familie stand im Briefkontakt mit dem Großvater, von dem ab und zu ein Päckchen mit Süßigkeiten eintraf. 1989 klappte es mit der Familienzusammenführung und Zertik wanderte mit seiner Frau und der neunjährigen Tochter nach Deutschland aus.

Seither ist er im Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen zu Hause und trägt am Revers seines Jacketts stolz den Lippischen Ehrenring. Mit dieser Auszeichnung wurde er für sein ehrenamtliches Engagement als Vorsitzender des Vereins „Freundschaft Druschba“ für die Integration von Aussiedlern geehrt. In der CDU ist er bereits seit 23 Jahren aktiv und als Aussiedlerbeauftragter auf Kreisebene gut vernetzt. Zertik versucht dafür zu werben, dass seine Landsleute sich stärker engagieren: „Es ist hier nicht so wie in der Sowjetunion, hier ist Demokratie und jeder Bürger hat das Recht, sich einzubringen.“

Passiv im Vergleich zu Türken
Der langjährige Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), begrüßt die Wahl des Parteifreundes: „Das ist eine wirkliche Bereicherung für die Arbeit, die mir wichtig ist.“ Bergner betont, dass er seit Jahren darauf drängt, dass die Russlanddeutschen stärker politisch vertreten seien müssten. Alle Parteien sollten stärker um diese Klientel werben. „Sie treten im Vergleich zu den türkischstämmigen Einwanderern weniger in Erscheinung, obwohl sie die gleiche Größenordnung haben“, sagt er.

Auch in den Landtagen sind bisher nur zwei russlanddeutsche Abgeordnete vertreten. In Hamburg wurde der CDU-Politiker Nikolaus Haufler 2011 Mitglied der Bürgerschaft und engagiert sich in der Fraktion als deren integrationspolitischer Sprecher. Haufler wurde 1984 in Tscheljabinsk geboren, kam aber schon als 11jähriger Junge nach Hamburg und wuchs dort auf. Er gehört also bereits zur zweiten Generation der Einwanderer.

Stolz auf Zertik
In Bremen zog die in Russland geborene Sozialpädagogin Valentina Tuchel ebenfalls 2011 in die Bürgerschaft ein. „Ich komme aus Russland – und nach meinen Erfahrungen dort wollte ich eigentlich mit Politik überhaupt nichts zu tun haben“, steht auf ihrer Webseite. Tuchel hat diese Berührungsängste längst überwunden und fühlte sich als Kind einer Arbeiterfamilie in der SPD gut aufgehoben. Als die Politikerin 2011 im Landtagswahlkampf stand, machte sie selbst die Erfahrung, wie verbreitet das Misstrauen ist: „Was beschmutzt Du Dich mit der Politik“, bekam sie bei ihrer Klientel häufig zu hören.

Sie sieht auch mit Sorge, dass viele Russlanddeutsche nicht zur Wahl gehen und sich von der politischen Beteiligung fernhalten, weil sie mit der Demokratie wenig Erfahrung haben und ihr kein Vertrauen entgegen bringen. „Wenn wir Spätaussiedler als Deutsche nach Deutschland kommen, müssen wir aktiver werden und in der Demokratie mitwirken“, ist Tuchels Antwort darauf. Auch die SPD-Politikerin begrüßt Zertiks Wahl und erzählt, dass viele Russlanddeutsche stolz auf ihn seien. „Er wird Verantwortung übernehmen müssen.“ Tuchel hofft, Zertik bald zu begegnen und würde gerne sehen, dass er sich nicht nur als Sprecher der Aussiedler sieht, sondern sich allgemein für Integrationspolitik engagiert.

Nicht integriert, sondern beheimatet
Aber Zertik legt Wert darauf, dass er als Angehöriger einer deutschen Minderheit einen anderen Bezug zu Deutschland hat, als beispielsweise türkische Zuwanderer: „Wir haben uns nicht integriert, sondern uns beheimatet“, sagt er, um den Unterschied zu verdeutlichen. „Die CDU bekennt sich zum Deutschtum und zur deutschen Kultur, was andere Parteien übersehen.“

Fragt man Zertik, ob er sich im Bundestag auch außenpolitisch als Brückenbauer nach Russland oder Kasachstan engagieren will, schüttelt er sogleich den Kopf: „In diesen Themen bin ich nicht drin“, sagt er freundlich, aber bestimmt. Er sieht seine politischen Aufgaben in Deutschland selbst und fühlt sich als Abgeordnete in erster Linie seiner Region verpflichtet. Aber natürlich werde er sich im Bundestag auch für die Anliegen der Russlanddeutschen besonders einsetzen und seine Erfahrungen einbringen.