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Plakataktion "Vermisst"

Fatima hat die Schnauze voll

Was will uns das Bundesinnenministerium mit der Plakataktion „Vermisst“ eigentlich sagen und interessiert uns das? Diesen und weiteren Fragen geht Anja Hilscher nach und schreibt, was sie an dieser Kampagne am meisten stört.

Was hat Herrn Friedrich eigentlich genau zu dieser Plakataktion bewogen? Was veranlasste ihn, Plakate in Auftrag zu geben, die an das radikale Potential in Ahmed, Hassan und Fatima gemahnen (als ob man das vergessen könnte…)? Wer ist wirklich als Zielgruppe intendiert? Wird man sie mit dieser Aktion erreichen, und wenn ja, wird die Reaktion sein wie erhofft? Was löst der Anblick dieser Plakate in dem ständig wachsenden Teil der Mehrheitsbevölkerung aus, die ohnehin latent ausländerfeindlich und islamophob ist? (Sicher nichts Gutes!) Was löst ihr Anblick in denen aus, die sich mit den auf dem Plakat abgebildeten Personen identifizieren? (Mit Sicherheit nicht das kleinste bisschen Gute!) Und zu guter Letzt die wichtigste aller Fragen. Die Frage, die alle Ahmeds, Hassans und Fatimas bewegt: Ging’s nicht noch ein bisschen platter?

Doch! Es wäre gegangen. Wenn man „Tim“ weggelassen hätte. Tim ist nämlich auch „vermisst“ und will nicht so ganz da reinpassen, in die Riege. Aber Tatsache ist ja nun mal, dass unter den Nachwuchsterroristen einige Tims, Daniels und Erics waren. Dem muss man ja, nolens volens, Rechnung tragen. Dafür hat man bei der Auswahl der andern Namen umso tiefer in die Klischeekiste gegriffen. Im Nachhinein betrachtet ist es ja für unsere schwarzhaarigen Mitbürger, also die Ahmeds, Fatimas und Hassans, ja sicher irgendwie erleichternd, dass die im Kopf des latent islamophoben Otto Normalverbraucher wenigstens nicht mehr lautet „Orientalischer Schwarzkopf = potentieller Terrorattentäter“. Die Gleichung lautet nun „Moslem = potentieller Terrorattentäter“. Günstig für orientalische Schwarzköpfe, die mit dem Islam nichts am Hut haben. Ärgerlich dagegen für alle Moslems. Speziell die hellhaarigen und blauäugigen, die bis dato lediglich in der Schublade der nicht ganz für voll zu nehmenden Konvertiten gesessen hatten. Solche, denen man eher geneigt ist, eine Therapie zu bewilligen, statt sie im Hochsicherungtrakt versauern zu lassen. Kategorie „dumm, aber lieb“. Damit ist ja nun Schluss. Nix mehr mit Mitleidsbonus für seelisch Labile.

Als ich eins der Plakate zum ersten Mal sah – ich glaube, es war die Fatima-Version – dachte ich (ich gebe es zu): „Naja. Ein bisschen hilflos, ein bisschen dümmlich, aber irgendwie muss man ja anfangen…“ Ich persönlich habe keine Bedenken, zu Protokoll zu geben, dass mich weder mit Terrorattentätern noch mit deren Sympathisanten geschwisterliche Liebe verbindet. Hotlines für Neonazi-Aussteiger gibt es ja auch. Und Tatsache ist nun mal, dass Hardcore-Fraktionen überall Zulauf haben. Dass das so ist, dafür braucht man keine Statistiken zu studieren. Die Fronten verhärten sich, und Politiker und Prediger mit schlichten Botschaften haben überall Zulauf. Bei den Muslimen wie anderswo, und es ist prinzipiell sinnvoll und wichtig, dagegen was zu tun. Freilich drängte sich mir erstens bald die Frage auf, ob die Verhältnismäßigkeit da eigentlich auch nur ansatzweise gewahrt bleibt. Ist wirklich ganz Kreuzberg von Al-Qaida-Sympathisanten unterwandert? Wer hat hierzulande mehr Menschenleben auf dem Gewissen – aus dem Ruder gelaufene Dschihadisten oder Neonazis? Wir alle kennen die Antwort. Zweitens stellt sich die Frage, ob diese Plakataktion uneingeschränkt als pädagogisch ausgeklügelt bezeichnet werden kann. Angesichts der wachsenden Islamophobie, angesichts des Verfassungsschutzskandals und der nicht abreißenden Debatte um Burka- und Beschneidungsverbote und ob der Islam irgendwie und überhaupt zu Deutschland gehöre, fragt es sich, ob es sehr diplomatisch ist, noch Öl ins Feuer zu gießen. Da muss die „Integrationswilligkeit“ eines Moslems ihrerseits schon ans Radikale grenzen, damit jemand einen Verwandten, der „irgendwie komisch“ geworden ist, ausgerechnet bei Herrn Friedrich anschwärzt – dem Politiker des Vertrauens aller Moscheegänger. Die Aktion wird vielmehr einen Solidarisierungseffekt hervorrufen und manch einen „Kulturmoslem“ zu seinem islamischen Coming-Out zu veranlassen.

Imageproblem, das Buch von Anja Hilscher, erscheint am 23. April 2012.

Drittens haben solche Plakate meiner Meinung nach in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Dort werden sie aber hängen. Warum? Ja, wo denn sonst? In einschlägigen Dschihadisten-Treffs wird man sie, aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen, gar nicht erst aufhängen . Irgendwo muss man aber hin mit den Dingern, die immerhin satte 300.000 Eier gekostet haben. Will man, wie behauptet, wirklich nur Muslime ansprechen? Viertens: Warum ein Kopftuch? Warum so platt? Warum Fatima? Warum nicht Kadriye oder Najar-Sofia? Die klischeehafte Auswahl der Bilder und Namen, von Tim abgesehen, signalisiert (beabsichtigt oder nicht): Es geht nicht um reale Personen. Es geht nicht um einzelne Personen. Die Botschaft der Plakate ist eben nicht, dass ganz vereinzelte, verirrte Muslime Gefahr laufen können, sich zu radikalisieren, so wie auch jeder andere Mensch Gefahr läuft, sich irgendwie ideologisch zu vergaloppieren. Es geht vielmehr um den Standard-Moslem. Den Standard-Hassan. Den kleinen, schwarzhaarigen Hassan oder Ali in den Köpfen derer, die in Wirklichkeit keinen einzigen Hassan oder Ali näher kennen. Geschweige denn seine Lebenseinstellung. Meine erste, uneindeutige Reaktion war wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass ich weder Fatima heiße noch aussehe wie sie. Ich habe, obwohl ich Muslima bin, nicht in dem Maße am eigenen Leib erfahren müssen, wie es sich anfühlt, bereits in zweiter oder dritter Generation offen oder unterschwellig diskriminiert zu werden. Ich denke jetzt: Die Wirkung, die diese Plakate haben, dürfte fatal sein. Ich erkläre Ihnen, anhand einer kleinen Begebenheit, die mir in diesem Zusammenhang wieder eingefallen ist, warum.

Neulich saß ich mit einer Freundin im Café. Sämtliche Plätze waren besetzt und der Geräuschpegel enorm. Meine Freundin bestellte einen Latte, ich eine Tasse Kakao. „Eine Frage!“ sagte ich, in einem Anfall von Entschlossenheit, zu der Bedienung, als die die Bestellung aufgab. „Diese superleckeren Rumkugeln, die es immer zum Kakao gibt – ist das echter Rum oder nur Rumaroma?“ Jetzt war sie raus, die Frage, um die ich mich seit 23 Jahren gedrückt hatte. Die sind nämlich verdammt lecker, diese Rumkugeln, aber Rum ist Alkohol, und ich trinke als Muslima keinen Alkohol. Freiwillig. Aus Überzeugung. Und überhaupt nicht. Manchmal – wie im Falle der Rumkugeln – legt man es natürlich nicht gerade darauf an, zu erfahren, ob irgendwelche Buletten möglicherweise doch Schweinefleisch enthalten oder irgendwo Alkohol drin ist. Man soll den Islam prinzipiell nicht so praktizieren, dass er „schwer zu befolgen“ ist. Aber irgendwo zieht man halt für sich selbst die Grenze. Nichtmuslime sind regelmäßig geschockt, wie früh die meist gezogen wird. Tatsache ist, dass selbst „gemäßigt praktizierende“ Muslime auf Nichtmuslime weit prüder und „strenger“ wirken als jeder mittelalterliche Benediktinermönch.

Meine Freundin sah mich aus den Augenwinkeln bestürzt an, als ich die Frage stellte. Übrigens war es echter Rum, und ich verzichtete schweren Herzens auf das Ding. Nachdem wir eine Weile über religiöse Themen gesprochen hatten, und sich herausstellte, dass unsere Ansichten weitgehend überein stimmten, wirkte meine Freundin irgendwie irritiert. Sie versuchte, ihrer Irritation Ausdruck zu verleihen, was in Anbetracht des besagten Geräuschpegels sehr schwierig war. Zirka eine Minute starrte sie vor sich hin, um ihre Gedanken zu ordnen. Dann begann sie, untermalt von lebhafter Gestik, um Worte zu ringen. „Ich sehe da irgendwie eine Diskrepanz bei dir…“ Eine Denkpause folgte. „In welcher Hinsicht?“ fragte ich interessiert. „Naja. Wie soll ich sagen?“ fuhr sie fort. „Einerseits zeichnest du ein so tolerantes Bild des Islam. Du erzählst von einem Gott, der allbarmherzig sei und den Namen ‚Wahrheit’ und ‚Leben’ trage. Eine Wahrheit, die so groß sei, dass sie sich dauernd wandele. Du sprichst von einem angeborenen Gewissen, dem Gebrauch des Verstandes, der gefordert werde. Andererseits befolgst du doch auf – nun ja, sagen wir mal – ziemlich stringente Weise ziemlich viele Gebote… Wie passt das zusammen?“

Hier beende ich meine kleine Erzählung, um mich an einer Analyse zu versuchen. Nach den Worten meiner Freundin war ich zunächst etwas verwirrt. Ich vermute, ich hätte schneller verstanden, worauf sie hinaus wollte, wenn sie statt „stringent“ „starr“, „rigide“ oder „kleinkariert“ gesagt hätte. Was nicht heißen soll, dass sie diese Worte tatsächlich im Hinterkopf hatte. Ich fürchte es aber. Tatsache ist: Die Praktizierung islamischer Geboten wird von Außenstehenden oft als „streng“ oder „starr“ wahrgenommen– zumal, wenn es sich nur um eine Momentaufnahme handelt – obwohl das keineswegs zutreffen muss. Das Einhalten von festen Gebetszeiten oder Bekleidungsvorschriften, das Ablehnen von Rumkugeln wird von den meisten Mitmenschen als unvereinbar mit einer offenen Geisteshaltung empfunden. Man geht auch davon aus, dass diese äußerlich sichtbaren Gebote entweder die einzigen oder die einzig wichtigen seien. Was ebenfalls ein Trugschluss ist.

„Fatima zieht sich immer mehr zurück“ heißt es im Text des vom Innenministerium in Auftrag gegebenen Plakates. An der Frage, warum sie das tut, scheint aber kaum jemand Interesse zu haben, denn niemand fragt Fatima. Möglicherweise befindet Fatima sich einfach in einer akuten pubertären Selbstfindungskrise. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hat Fatima einfach die Schnauze voll. So wie die islamischen Verbände, die nun die Sicherheitspartnerschaft mit dem Innenministerium aufgekündigt haben. Fatima hat vielleicht die Schnauze voll davon, trotz ihrer Offenheit, ihrer Dialogbereitschaft, ihrer Kritikfähigkeit und ihrem offensichtlich aufgeklärten Denken, trotz ihrer Kompromissfähigkeit und der Teilnahme an allen möglichen sozialen Aktivitäten wie Cafébesuchen und Gesprächen mit Andersdenkenden abgestempelt zu werden. Als potentielle Fanatikerin. Jede Form von praktischer Befolgung von religiösen Geboten wird de facto als beängstigend fanatisch empfunden. Man bezeichnet das nicht so, aber man empfindet es so. Und zwar weitgehend unabhängig davon, ob jemand auch in seiner Einstellung, seiner geistigen Haltung fanatisch ist oder nicht. Religiosität und geistige Offenheit, eigenständiges Denken und Handeln gelten als antagonistischer Widerspruch. Wenn Fatima das nicht einsehen will, so unterstellt man, macht sie entweder sich selbst oder dem Rest der Welt etwas vor.

In Wirklichkeit lässt sich in keiner Weise aus der Befolgung von Geboten, die uns heutzutage fremd, rigide und mittelalterlich erscheinen, per se auf eine fanatische, potentiell radikale Gesinnung schließen. Tatsächlich wird dieser Schluss aber selbst bei Muslimen gezogen, die sich nicht in einer akuten Selbstfindungphase befinden, sich nicht zurückziehen und in ihrem Gesamtverhalten völlig unauffällig sind. Denn verhalten sie sich unauffällig, wird perfiderweise oft davon ausgegangen, dass sie entweder verrückt oder doppelgesichtig seien. Wie man es macht, macht man es also verkehrt!

Ist es da ein Wunder, dass Fatima die Schnauze voll hat? Die Wahrheit ist womöglich kaum zu glauben, aber wahr: Es gibt auch Muslime, die spirituelle Erfahrungen machen. Auch Anhänger des Islams durchleben, im Zuge ihrer Persönlichkeitsentwicklung, verschiedene Phasen. So wie jeder andere Heranwachsende auch. Die allerwenigsten Muslime enden als Opfer eines Drohnenangriffs oder ihres eigenen Selbstmordattentates. Die allermeisten durchschreiten vielmehr die Phase des Rückzugs, der Kompromisslosigkeit, der Fixierung auf starre, äußerlich messbare Gebote. Gerade durch die Existenz dieser Riten und Regeln, die nicht immer und überall in derselben Weise praktikabel und alltagstauglich sind, und durch die Ergründung ihres tieferen Sinnes, schärft sich bei vielen das Gewissen.

Diese Kategorie von Muslimen würde sich als Gesprächspartner, als Brückenbauer anbieten. Als Bauer einer verdammt langen, hoffentlich mit Kruppstahlträgern ausgestattete Brücke, die vom Nachwuchsterroristen bis zum deutschen Innenministerium reicht. Diese Plakataktion wird allerdings nur wenig dazu beitragen, die realen Fatimas, Hassan und Ahmads dazu zu motivieren. Zumal man von ihnen nichts wissen will. Interessant sind sie nur als Projektionsfläche für diffuse Überfremdungsängste.