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Erens Grenzgang

Liberaler vs. konservativer Islam?

Am Kern oder den Grundwahrheiten einer Religion festzuhalten, hat nichts mit konservativ zu tun. Liberal ist heute ein genauso substanzloser Begriff wie konservativ. Der Unterschied ist allein: liberal wird positiv aufgefasst und konservativ negativ.

Es sind nur Schlagworte, mit denen man freilich kräftig zuschlagen kann. Eine Religion sollte doch aus ihren eigenen Wahrheiten zu Selbstbestimmungen gelangen. Denn ihre Wahrheit hat es nicht mit den schwankenden und leicht veränderlichen Mutmaßungen oder Wünschbarkeiten des gesellschaftlichen oder politischen Lebens zu tun. Von heute auf morgen kann die CDU in der Frage der Nutzung der Atomkraft zu völlig neuen Entschlüssen gelangen. Eine Partei beruht nicht unbedingt auf Prinzipien, sie kann ihre Grundsätze so hoch halten, dass man bequem darunter hinweg laufen kann.

Religionen reden von der Wahrheit, die nicht der Zeit und der Aktualität unterworfen sind, die vielmehr den in den wechselnden Zeiten Lebenden Halt und Orientierung geben können. Zeiten, in denen nur noch mit stets überholbaren Wissensbeständen auf einem Markt der Möglichkeiten gerechnet wird, empfinden den Wahrheitsanspruch als Herausforderung. In einer auch geistig vollendeten Marktwirtschaft, die neuwertige Angebote verlangt, täglich frisch auf den Tisch, ist die dauernde Wahrheit ein Skandal. Eine Religion, die sich dazu entschließt, Meinungen und Möglichkeiten in bunter Vielfalt anzubieten, um Kunden zufriedenzustellen, verfehlt ihre Aufgabe. Bei aller Vielfalt in zweitrangigen Sachen – eine Einheit muss die Vielfalt schon zusammenhalten, ein Band, das viele Blüten umschlingt und sie damit zu einem Strauß macht und die Vielen geeint beieinander hält.

Sowohl der sogenannte „liberale“ als auch der „konservative“ Islam, der sich in der aktuellen Islamdebatte kristallisiert, sind Ausformungen eines politischen Islam. Bisher hatten immer äußere Faktoren dazu geführt, dass mal die eine und mal die andere Form des ideologischen Islams Hochkonjunktur hatte. Der von der herrschenden Meinung kritisierte „konservative“ politische Islam ist vor allem in Folge der Krise des arabischen Nationalismus entstanden. Der französischer Politikwissenschaftler Gilles Kepel etwa sieht zurecht in der Reduktion des Islam auf eine politische Bewegung ein neues Phänomen, mit einer Mischform westlich-politischen Denkens und Islam. In der deutschen Islamdebatte versuchen beide Formen des politischen Islam, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, den alleinigen Vertretungsanspruch geltend zu machen. Während „konservative“ Verbände wie etwa Milli Görüş stolz auf ihre zahlreichen Moscheen und Mitgliederzahlen verweisen, betonen die Vertreter eines ‚liberalen‘ Islam wie etwa der Liberal-Islamischer Bund (LIB), dass sie die „schweigende Mehrheit“ der Muslime vertreten würden, die sich eben nicht durch die ‚konservativen‘ Verbände angesprochen fühlen. Wie viel Mitglieder der LIB in Wirklichkeit hat, ist nicht bekannt.

Die Lebenswirklichkeit der Muslime
Diese beiden Ausformungen des politischen Islam spiegeln jedoch in keiner Weise die Lebenswirklichkeit der Muslime wider. Den Muslimen ist aus ihrer Geschichte heraus ein durchorganisierter Islam mit Mitgliederverzeichnissen und Vereinsstrukturen eher fremd. Vielmehr haben zivilgesellschaftliche Initiativen wie etwa die Stiftungen (Awqaf) eine wichtige Rolle gespielt. In den Stiftungen geht es nicht wie bei den Verbänden mit ihrem Vertretungsanspruch um den Willen zur Macht, sondern es geht um eine zivilgesellschaftliche Beteiligung. Lokale Einrichtungen wie etwa die Moscheen, Märkte und Stiftungen haben das gesellschaftliche Leben ausgemacht und waren spiritueller, sozialer und ökonomischer Natur. Der politische Islam – egal welcher Couleur – löst eben diese gemeinschaftliche Lebenspraxis auf. Dabei kopiert der politische Islam westliche Vorbilder und die Idee, dass Macht organisierter Wille sei. Gerade heute spielt etwa die Etablierung von Stiftungen als eine Ausprägung authentisch islamischer Gemeinschaftsstrukturen eine wichtige Rolle, um schlussendlich einen Mittelweg zwischen Individualismus und Verbandskultur zu finden. Denn Stiftungen sind mehr als nur Politik oder Kultur.

Hier kann die neue Initiative junger Muslime mit dem Namen „Alternative Islamkonferenz“, die von dem Schriftsteller und ehemaligen Teilnehmer der Islamkonferenz Feridun Zaimoğlu unterstützt wird, einen fruchtbaren Impuls geben. Denn es ist höchste Zeit, dass die deutschen Muslime die ewige Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam überwinden und eine Debattenkultur etablieren, um die relevanten Fragen unserer Zeit auch kontrovers zu diskutieren. Statt nur in der Öffentlichkeit übereinander zu sprechen und dabei durch die Verwendung von Labels wie „liberal“ oder „konservativ“ die Dialektik zu vertiefen, muss mehr miteinander debattiert werden.

Politisierung der Lehre
Bisher hat sowohl der von Politik und Medien geförderte „liberale“ politische Islam als auch der sich ethnisch abgrenzende „konservative“ politische Islam die freie islamische Zivilgesellschaft verhindert und durch Kontrolle ersetzt. Der natürliche Feind der Stiftung ist der Verbandsfunktionär, denn der politische Islam stellt mit seinem Willen zur Macht die Politik über das Recht und gefährdet somit auch die Unabhängigkeit der Lehre. Ein muslimischer Denker sagte einmal, dass der Islam korrupte Politiker überlebe, nicht aber korrupte Ulama (Theologen). Diese Politisierung der islamischen Lehre mündet in dem Denken, dass jemand, der nur einmal in der Woche das islamische rituelle Gebet verrichtet – überspitzt formuliert – als „liberal“ und „aufgeklärt“ gilt, wohingegen jemand, der das Gebet gemäß der Orthodoxie praktiziert als „konservativ“ oder „nicht aufgeklärt“ markiert wird.

Diese von außen seitens der Politik und Gesellschaft aufgezwungene Dialektik wird bewusst oder unbewusst von den „liberalen“ Vertretern des politischen Islams bedient. Der entscheidende Punkt ist aber, dass man weder „liberal“ noch „konservativ“ beten kann, weswegen sich auch die Muslime gegen die Politisierung ihrer über Jahrhunderte unumstrittenen Riten der islamischen Lebenspraxis wehren. Der öffentliche Druck, der einen „guten Islam“, also einen relativierenden Islam schaffen will, findet an der Basis keine Resonanz.

Aber auch unter deutschen Islamwissenschaftlern melden sich immer mehr kritische Stimmen, die sich gegen diese Politisierung richten. Der Islamwissenschaftler Dr. Rainer Brunner, der am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris forscht, beobachtet mit einer gewissen Ambivalenz die Etablierung der Lehrstühle für Islamische Theologie an deutschen Universitäten. „Die ganze Angelegenheit einer Gründung der islamischen Theologie scheint mir politisch gewollt zu sein. Das hat natürlich dann wiederum in Verbindung mit verschiedenen anders gelagerten politischen Debatten der letzten zehn Jahre – etwa die Sicherheitspolitik – eine wie ich finde geradezu groteske Überforderung und auch Erwartungshaltung der Politik zur Folge“, so Brunner. Man wolle hier einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür im Augenblick sichtbar irgendwelche strukturellen und personellen Voraussetzungen gebe, betont Brunner. An deutschen Universitäten sollen zukünftig nicht nur Imame ausgebildet werden, sondern gleichzeitig auch Kompetenzen in Sozial- und Integrationsarbeit den zukünftigen Imamen vermittelt werden. Dadurch betreibe man – und das ist Brunners Hauptkritikpunkt – eine weitgehende „entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte“.

Zähmungsinteresse des Staates
Erst kürzlich sprach der Münsteraner Jurist, Christian Walter, im Zusammenhang mit der Einrichtung islamisch-theologischer Zentren von einem „legitimen Zähmungsinteresse“ des Staates. Diese Herangehensweise ist aber mehr als bedenklich. Denn es gehört nicht zu den Aufgaben eines Staates, was für eine Theologie gelehrt wird oder nicht. Das ist allein die Aufgabe der Muslime selbst. Auch wenn die Bundesbildungsministerin Annette Schavan darauf hinweist, dass ein aufgeklärter Islam die Muslime vor Aberglaube oder Irrglaube schützen solle, ist es nicht Aufgabe des Staates zu beurteilen, was nun Aberglaube oder Irrglaube ist. Von einem wie auch immer gearteten Zähmungsinteresse des Staates hält Brunner wenig: „Was nun diese Erwartung anbelangt ein ‚Zähmungsinteresse‘ zu haben, halte ich es da eher mit dem französischen Islamwissenschaftler Olivier Roy, der die These vertritt, die Entkoppelung der Religion – er spricht dabei nicht nur von einer Religion, sondern von Religion allgemein – von der umgebenden Kultur sei ein Hauptmotiv oder ein Hauptgrund für die Radikalisierung von Religionen.“ Wenn man dieser These folge, so Brunner, dann mute ihm der Versuch über eine staatlich protegierte Theologie, eine Religion zähmen zu wollen, eher wie dem Versuch den Senf wieder in die Tube zurückzudrücken.

Auch den gläubigen Christen ist dies sehr vertraut, da viele katholische Christen und noch mehr die protestantischen vor dem Anspruch der Politiker, alles zu politisieren, kapituliert haben.

Von Carl Schmitt weißt man, dass man alle Lebensbereiche politisieren, ideologisch – politisch durchdringen kann. Religiöse und nicht politische Christen – ein Unterschied, den der Kirchenrechtler Hans Barion machte – kämpfen um einen Freiraum in der Gesellschaft und auch in ihrer Kirche, in dem sie unbelästigt von politischer Manipulation und gesellschaftlicher Indoktrination ihrem Glauben mit Glaubensgenossen leben können.

Ohne Etikette
Manche muslimischen Gemeinschaften machen die gleichen Fehler wie schon längst die Christen. Ein liberaler oder konservativer Islam ist eine ähnlich inhaltslose Ärgerlichkeit, wie ein liberales oder konservatives Christentum. Sowohl im Islam wie im Christentum geht es um die Wahrheit, die den Einzelnen aufruft und verpflichtet. Sie steht jenseits und über den wechselnden politischen Konstellationen.

Immer wieder gibt es die Klage deutscher Politiker, dass der Dialog mit den Muslimen so schwer falle, weil keine Einrichtung wie die Kirche mit Autorität für alle sprechen könne. Der Staat lechzt aus Angst vor der Freiheit, die seine Verfassung verspricht, nach Funktionären, die mit ihresgleichen, eben mit Funktionären verhandeln und Verträge schließen. Der Staat denkt in Apparaten und will, dass Glaubensgemeinschaften in diesem Sinne funktionieren. Die meisten Muslime wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturelles Bekenntnis bedeutet. Auch Christ zu sein, bedeutet keineswegs, sich zu einer Leitkultur zu bekennen.

Im Grunde geht es in beiden Fällen um die Freiheit. Keiner hat das Recht, jemanden vorzugeben, wie er seine Freiheitsrechte lebt, übrigens auch nicht die Funktionärskirche, die teilweise dem Leben so entrückt ist, wie der staatliche Verwaltungsapparat. Ein Mensch muss Muslim oder Christ sein können, ohne weitere politische Etikette, die seinen Glauben verzerren oder ihm entschieden widersprechen.