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Es heißt Lahmacun und nicht türkische Pizza

MiGAZIN: Ihr erstes Rezept haben Sie am 27. Januar 2007 auf „Koch Dich Türkisch“ online gestellt – „Tahin-Pekmez ~ Süßer Brotaufstrich aus Sesampaste und Trauben-Sirup“. Wie kamen Sie auf die Idee, türkisch auf deutsch zu kochen?

Orhan Tançgil: In meiner Studienzeit hatte ich Sehnsucht nach der leckeren türkischen Küche meiner Mutter. Die Familie war in dieser Zeit in Düsseldorf, ich in Stuttgart. Da fiel es schwer, mal eben zur Mama zu gehen und Börek zu essen. Die Kochleidenschaft zu türkischer Hausmannskost war geweckt. Das bot ich meinen Freunden an und sie fragten mich immer wieder nach dem Rezept. Das war aber nicht immer so leicht, weil die für türkische Küche üblichen Maßeinheiten, Gewürze und Handgriffe nicht leicht zu erklären waren. Daher wuchs die Idee das ganze in einem Video (Podcast) festzuhalten und ins Internet zu stellen. Zusätzlich noch ein paar Geschichten um die Rezepte sollten die türkische Kultur widerspiegeln, denn es ist so viel mehr in der türkischen Küche zu entdecken als Döner & Co.

MiG: Haben Sie Ihr Ziel erreichen können, neben der türkischen Küche auch die Kultur zu vermitteln? Wie ist die Resonanz Ihrer Leser und wer kocht nach Ihren Rezepten?

Tançgil: Ja – einen – wenn auch kleinen, kulturellen Einblick vermitteln wir unseren Lesern mit unseren Rezepten. Das Kochen typischer Gerichte ist für uns der Türöffner zu einem harmonischen Miteinander bei einem guten Essen….Integration geht bei uns durch den Magen. Die Geschichten zu Bräuchen und Ritualen aus dem türkischen Kulturkreis tragen unserer Meinung nach zum besseren gegenseitigem Verständnis bei. Wir merken das immer wieder an den Rückmeldungen unserer Leser. Manchmal bekommen wir Fotos der nachgekochten Gerichte, manchmal auch sehr persönliche Fragen und Kommentare zu Erlebnissen mit der türkischen Kultur. Ein Leser hat mal geschrieben, dass er als Kind türkische Pflegeeltern in Heidelberg hatte und die ihm ein bestimmtes Gericht immer wieder gekocht haben. Dann war der Kontakt durch Umzug abgebrochen. Er sehnte sich nach diesem Essen. Durch unseren Blog hat er uns gefragt und nun weiß er wie es heißt. Demnächst kochen wir es auch mal nach: Izmir Köfte.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=TS6Es3vKKfQ[/youtube]

MiG: Verbinden Sie mit „KochDichTürkisch“ einen ganz besonderen Moment oder ein Ereignis?

Tançgil: Als meine Mutter das erste Mal ihre Hände im Internet gesehen hat wurde sie ganz emotional und fragte mich, ob ihr Hände und die in mehreren Generationen weitergegebenen Rezepte nun auch verewigt wären. Das hat sie und mich sehr glücklich gemacht. Ein weiterer Moment war, als YouTube zwei Jahre später unsere Videos für die Dauer von einer Woche auf der Homepage vorgestellt hat. Es prasselte ein Kommentar-Regen auf uns ein. Da wurde mir klar, dass es viele positive Stimmen gibt, die uns sehr motivieren, aber leider auch die extremen Meinungen laut waren. Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

MiG: Ist das der Grund, weshalb KochDichTürkisch mit einer Prise Gesellschaftspolitik gewürzt wird?

Tançgil: Ja das auch. Wir hatten uns von Anfang an die Aufgabe gesetzt das Ganze mit einem Augenzwinkern zu produzieren. Die türkische Kultur in die deutsche Gesellschaft mit Kochrezepten zu integrieren ist nur die Einstiegsdroge. Der einzige Weg aus der derzeitigen Krise besteht unserer Meinung nach darin zu kommunizieren, zu debattieren oder manchmal einige Dinge auch in leicht satirischen und selbstkritischen Texten auszudrücken. Die dezent gewürzten Artikel sind unsere Beilage, dessen Geschmack man immer mal wieder kosten sollte – darum ist Yosef auch ein Döner.

Damit können wir keine fremdenfeindliche Stimmung umkehren, aber wir können versuchen auf einer anderen Ebene das Bild des Türken in ein besseres Licht zu rücken…so, wie wir auch sind…so, wie wir wahrgenommen werden wollen. Als ein wichtiger Teil der deutschen Gesellschaft der mehr als „nur“ eine Daseinsberechtigung hat, sondern der sich einbringt und engagiert.

MiG: Das Bild der türkischen Küche ist ja bereits zu einem großen Teil geprägt von beispielsweise dem Dönerladen um die Ecke. Was machen Sie anders?

Mehr: Multimedial anspruchsvoll aufbereitete türkische Rezepte abseits der Döner-Thematik stellen das Grundgerüst KochDichTürkisch-Projektes. Diese werden mit Beiträgen zur türkischen Sprache garniert und mit Betrachtungen der aktuellen deutsch-türkischen Entwicklungen ergänzt. Des weiteren gehören Rezensionen von entsprechender Literatur und regelmäßige Kolumnen und Glossen zu Themen innerhalb der gelebten Mischkultur zu den Inhalten von KochDichTürkisch. Die Macher möchten ihre Erfahrungen, Emotionen und Hintergründe teilen und Menschen verschiedenster Ethnien und Glaubensrichtungen zusammenbringen. Auf Basis von Neugier, Offenheit, Respekt und frei von politischen oder religiösen Zwängen. Denn sie glauben fest an die Vorstellung, dass man Kulturen und Menschen mit ihrer Küche kennenlernt! „Also schaut uns in die Töpfe!“, so die Macher. Mehr unter KochDichTurkisch.de.

Tançgil: Gute Frage, wobei ich sagen muss, dass die türkische Küche in Deutschland nur als Döner bekannt ist. Wenn man Türken ärgern will, fragt man nach dem besten Döner in der Stadt. Ein nervige Frage! Woher soll man das wissen? Türken essen meiner Ansicht nach weniger Döner als Deutsche. Gibt es dazu eine Untersuchung? Wenn es hochkommt ist noch die „türkische Pizza“ bekannt. Eine Katastrophe! Das heißt „Lahmacun“ und hat nichts mit Pizza zu tun. Man nennt Tortellini ja auch nicht italienische Maultaschen, oder?

Wir sind anders, zeigen nur türkische Hausmannskost und wollen die variantenreiche Küche demonstrieren. Wenn man erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, ist das Bild nicht mehr der Fastfood Döner um die Ecke, sondern die gesunde leckere Mahlzeit zu Hause. So wie Spaghetti Bolognese hat auch Kuru-Fasulye-Pilav die Chance ein Standard-Rezept im deutschen Haushalt zu sein.

MiG: Wieso ist Ihnen so wichtig, dass die „türkische Pizza“ Lahmacun genannt wird? Darauf legen Sie ja auch in Ihren Videos sehr viel Wert.

Tançgil: Wie gesagt, Tortellini sind ja auch keine italienische Maultaschen. Wir sollten die Rezepte beim Namen nennen und nicht die vermeintliche Übersetzung als Richtlinie. Ansonsten verlieren wir dieses türkische Kulturgut in Deutschland. Wir verändern ja auch nicht unsere eigenen Namen, oder? Das ist uns auch sehr wichtig. In Deutschland werden auf Grund der Tastatur die türkischen Buchstaben verändert. Ein Ç wird ein C, ein Ğ wird ein G, usw. Das müssen wir bewahren! Schade, dass es Sport-Vorbilder wie der Dortmunder Spieler Şahin nicht vormachen. Alle Zeichen sind möglich, man ist nur zu faul, es nachzuschauen und einzufordern.

MiG: Sie haben exklusiv für die MiGAZIN Leserinnen und Leser „Cevizli ve kaymaklı Kabak tatlısı bzw. Süßer Kürbis mit Wallnuss auf Kaymak“ vorbereitet? Wieso haben Sie sich für eine Süßspeise entschieden?

Tançgil: In der türkischen Kultur haben Speisen und Getränke auch symbolische Bedeutungen, die das zwischenmenschliche Fördern sollen. So sagt man beispielsweise, dass schon eine Tasse Kaffee vierzig Jahre gut in Erinnerung bleibt. Und über Süßspeisen sagt man wörtlich übersetzt „Lasst und süß essen und süß reden“. Das hat einen wahren Kern: Süßes fördert die Bildung von Glückshormonen und die entspannen. In diesem Sinne wollte ich den MiGAZIN Lesern und süße und entspannte Diskussionen wünschen.

Afiyet olsun, guten Appetit!