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Critical und Incorrect

Muslime und Pawlow

Der Islam gehöre historisch eigentlich nicht zu Deutschland, so der neue Innenminister Friedrich. Und mit kalkulierbarer Zuverlässigkeit liefern sämtliche islamische Institutionen, Verbände, Initiativen und selbsterklärte Muslimvertreter, in Voll- und Teilzeit, empörte Stellungnahmen ab – über unsinnige Erklärungen und Pressemitteilungen.

Die CSU hat nach dem Abgang Karl-Theodor zu Guttenbergs anscheinend ein Profilierungsproblem. Und wie es in den letzten Jahren üblich geworden ist, könnte ein kleiner Skandal um Islam und Muslime hier helfen. Der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich erfüllt damit alle Erwartungen. Der Islam gehöre historisch eigentlich nicht zu Deutschland – oder so ähnlich, erklärt er. Und mit kalkulierbarer Zuverlässigkeit liefern sämtliche islamische Institutionen, Verbände, Initiativen und selbsterklärte Muslimvertreter, in Voll- und Teilzeit, empörte Stellungnahmen ab. Und dann befinden wir uns wieder mitten drin im üblich gewordenen Reigen von Meinungen versus Tatsachen.

Das erinnert an den Pawlowschen Hund, der das klassische Konditionieren so schön vorführt. Beim Experiment mit dem Hund führt Pawlow vor, wie zwei unterschiedliche Reize miteinander verknüpft werden können. Zunächst wurde der Hund mit Futter und einem Klingeln gleichzeitig gelockt. Später dann erfolgte nur noch das Klingeln und der Hund kam angedackelt in freudiger Erwartung seines Futters. So wie jahrelang die Themen Islam und Terror miteinander verknüpft wurden, so funktioniert der eine Reiz inzwischen auch ohne den anderen – und hat sich auf die Innenpolitik verlagert. Und gut konditioniert reagieren viele Betroffene: Empörung ergießt sich ins Internet und darüber hinaus. Ja, sogar das Selbstverständliche wird extra erklärt. Sollte jemand den fast bösartigen Gedanken gehabt haben, dass hier Aufregung inszeniert werden soll, um von anderen Problemen abzulenken, dann ließe sich so eine Szenerie mit den langjährig abgerichteten Muslimen und „Muslimfreunden“ kalkulieren. Das Ganze ist so lächerlich, dass man in Verzweiflung ausbrechen könnte über die pawlowschen Reiz-Reaktionen.

Nun, auf die historischen Reduktionen von Herrn Friedrich gehen wir hier gar nicht ein. Auch das wäre zu lächerlich, wie sich gleich herausstellen wird. Versuchen wir es mit einer Gegenprobe – um etwas Licht ins aufgeregte Dunkel zu bringen: Beginnen wir mit der Fragestellung, wann eigentlich Deutschland anfängt und was demnach historisch dazu gehört und was nicht? Die Aufklärung ist jedenfalls eine französische Erfindung und die Demokratie gehört historisch wohl auch nicht zu Deutschland. Dennoch wollen wir sie nicht mehr hergeben! Ja, und je nach zeitlicher Definition müsste man feststellen, dass weder das Christentum, das Judentum, noch der Islam, weder das Bier, die Kartoffeln, die Pizza, die Nudeln noch der Döner, weder das Farbfernsehen, das Internet noch Bayern historisch zu Deutschland gehören. Und sicher noch vieles mehr, das man heute sogar als urdeutsch empfindet – wie beispielsweise das Bier, das im alten Ägypten zuerst gebraut wurde.