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Ismail Ertuğs Meinung

Sarrazin schafft Muslime ab

Der Sarrazin-Mythos: Kaum einer hat ihn gelesen, aber eine Mehrheit gibt ihm Recht. Womit er Recht haben soll, würde ich gerne wissen. Ein verlegenes Schulterzucken ist die häufigste Reaktion auf die Frage, auf welche Thesen des promovierten Volkswirts aus Gera sich die Zustimmung bezieht.

Die Vermutung, dass es nicht Sarrazins Argumente sind, die eine Mehrheit der Deutschen überzeugen, wird bestätigt durch Beobachtungen der hysterischen Mediendebatte der letzten Tage. Da sitzt der Bundesbankvorstand wie ein Häuflein Elend in der Wohlfühlsendung von Starmoderator Reinhold Beckmann und kommt gegen die wortgewaltigen Gäste Ranga Yogeshwar (Wissenschaftsjournalist), Aygül Özkan (CDU-Integrationsministerin in Niedersachsen), Renate Künast (Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen) und Thomas Sonnenburg (Sozialpädagoge und Streetworker) kaum zu Wort – nicht etwa, weil ihn die Kontrahenten niedergeschrien hätten, sondern weil seine Thesen nicht stand hielten.

Sarrazin trifft natürlich ein Bauchgefühl, dass gar nicht widerlegt werden möchte.

Viel Bauch, wenig Hirn
Dennoch war die Zustimmung für das SPD-Mitglied auf Abruf überwältigend – etwa 70 Prozent fanden das Stottern des Bundesbankers triftiger als die freundlich und mit Quellenangaben formulierte Gegenposition der Praktiker aus Politik, Wissenschaft und Sozialarbeit. Die Schlussfolgerung, dass es nicht am überzeugenden Auftritt des frisch gebackenen Bestseller-Autors gelegen haben kann, sei erlaubt. Sarrazin trifft natürlich ein Bauchgefühl, dass gar nicht widerlegt werden möchte. Nur: Mit einem Bauchgefühl lässt sich keine verantwortungsvolle Politik für ein ganzes Land gestalten.

Deshalb an dieser Stelle einige Gegenthesen zu den Behauptungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators, die im Kern lauten: Muslimische Mitbürger sind genetisch bedingt dümmer, aus kulturellen Gründen nicht integrierbar und aufgrund ihrer vermuteten höheren Geburtenrate dabei, die „deutsche“ Ur-Bevölkerung zu verdrängen.

Zur Kompetenz eines Bankers
Thilo Sarrazin ist promovierter Volkswirt und kein Evolutionsbiologe. Wäre er wie Yogeshwar Wissenschaftsjournalist, würde er zumindest über Methoden verfügen, sich einer fachfremden Materie objektiv zu nähern und den aktuellen Forschungsstand objektiv zu reflektieren. Sarrazin kann und will dies nicht. Er bedient sich wie jeder Laie wahllos in der historischen Fundgrube des Wissenschaftsbetriebs und pickt sich passende Fragmente heraus – von Darwin bis zur höchst umstrittenen Zwillingsforschung von Charles Murray und Richard Herrnstein. Gemein haben seine Quellen: Sie sind überholt, mitnichten common sense und zusammen dann ungefähr so wissenschaftlich wie die nationalsozialistische Rassenideologie.

Biologie aus der Klamottenkiste
Leitmotiv des Buches ist das Auslesepostulat des Biologen Harry Laughlin (1880-1943): „Die Gesellschaft muss Erbgut als etwas betrachten, das der Gesellschaft gehört und nicht allein dem einzelnen.“ Die Konsequenz formulierte Irving Fisher 1912, als er eine neue Einwanderungsgesetzgebung in Amerika forderte – nach den Maßstäben einer sozialdarwinistischen Auswahl der Besten. Jenseits der moralischen Fragwürdigkeit dieser Position sprechen schon die Jahreszahlen für sich. Die Vorstellung eines von Genen determinierten Menschen ist längst widerlegt.

Nahezu alle angeblichen Entdeckungen vom „Methusalem-Gen“ über das „Kettenraucher-Gen“ bis zu diversen Krankheitsgenen erwiesen sich bisher als Fälschungen oder Fehler. Es bleibt lediglich eine Hand voll bereits bekannter Erbkrankheiten. Die Neuro-Wissenschaftler Michael Meaney und der Pharmakologe Moshe Szyf (McGill University in Montreal/Kanada) wiesen nach, dass Erfahrungen, Gefühle, Umwelteinflüsse, Schadstoffe und der Lebensstil die Arbeitsweise von Genen in wenigen Monaten verändern können – mit anderen Worten: Gene sind weit lern- und anpassungsfähiger als Thilo Sarrazins überkommene Gedankenwelt.

Die Mär von der vererbten Intelligenz
Wie beim Schachern auf dem von ihm so gering geschätzten Basar geht es bei Sarrazin zu, wenn er versucht den Grad des erblichen Anteils der Intelligenz festzulegen. Bei Beckmann sprach er von einem Mischungsverhältnis zwischen vererbt und gelernt von fünfzig bis achtzig Prozent, im Buch von sechzig Prozent, in einer Fußnote heißt es, eine „Erblichkeitsannahme von 80 Prozent“ sei „grundsätzlich schlüssig“. Das sind Unterschiede! Würde der IQ nur zu fünfzig Prozent vom Genpool abhängen, bestünde eine exakt gleich große Wahrscheinlichkeit, ihn durch Bildung zu verbessern. Bei achtzig Prozent wäre der Bildungsweg nahezu vorbestimmt.

… nicht nur eine rassistische Unverschämtheit, sie ist eine peinliche Dummheit.

Verschiedene Studien von Intelligenzforschern wie dem Psychologen Eric Turkheimer (University of Virginia in Charlottesville/USA) oder den französischen Psychologen Christiane Capron und Michel Duyme führen zu dem Schluss, dass Intelligenzunterschiede zwischen Kindern reicher und armer Familien nicht erblich bedingt sind – von Mittelschichtseltern adoptierte Kinder haben im Schnitt einen um 12 Punkte höheren IQ als die in ihren armen Familien verbliebenen Geschwister. Daraus folgt: Die These von der Verdummung der deutschen Gesellschaft durch die angebliche höhere Fertilität muslimischer Mitbürger ist nicht nur eine rassistische Unverschämtheit, sie ist eine peinliche Dummheit.

Die Legende von den nicht integrierbaren Muslimen
Über die Feststellung, dass die Integration muslimischer, also vor allem türkischer Einwanderer, nicht vollständig geglückt ist, herrscht weitgehend Einigkeit. Nicht allerdings über die Ursachen. Während Sarrazin drei Millionen Menschen pauschal Integrationswillen und Intelligenz abspricht, sprechen Integrationserfolge in Kanada und den skandinavischen Ländern eine ganz andere Sprache – eine exzellente Betreuung etwa durch Paten und konsequenten Sprachunterricht haben dort zu einer raschen Identifikation mit der neuen Heimat geführt. Sarrazin lädt die Folgen der verfehlten deutschen Anwerbungspolitik der 1960er Jahre allein auf den Schultern von Menschen ab, die mit ihrem Fleiß den deutschen Wohlstand mit aufgebaut haben.

Angeworben wurden damals Bauern und Hilfsarbeiter aus Anatolien, die vielleicht eine zwei jährige Volkschulbildung genossen. Kann man ihnen, denen deutlich gemacht wurde, dass sie nur Gäste auf Zeit seien, vorwerfen, dass sie zuhause mit ihren Kindern nicht deutsch kommunizierten oder froh waren, dass nebenan Menschen einzogen, die dieselbe Geschichte erlebten? Dass diese Menschen trotz ihrer Herkunft nicht dümmer sind, zeigen die zahlreichen Karrieren, die sie selbst und ihre Kinder dennoch trotz widriger Umstände hingelegt haben: Türkische Unternehmer haben in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland mehr als 75 000 Unternehmen aufgebaut und beschäftigen heute fast 330 000 Arbeitskräfte. Übrigens: Trotz aller Unkenrufe passen sich Muslime auch bei der rapide sinkenden Geburtenrate deutschen Gepflogenheiten an.

Nur ein toter Muslim ist ein integrierter Muslim
Am Ende der Lektüre, die eine Ansammlung von pseudowissenschaftlichen Fundstücken aneinanderreiht, bleibt die Frage: Was will uns Herr Sarrazin damit sagen? Denn seine abschließende Forderung nach mehr Bildung klingt doch außerordentlich seltsam, nachdem er sich redlich bemüht hat, die Unbelehrbarkeit von Muslimen genetisch abzuleiten. Ich muss deshalb ein Zitat bemühen, das der selbst ernannte Tabubrecher im „Lettre“-Interview im letzten Herbst abgesondert hat: Araber und Türken, die keine andere produktive Funktion außer dem Gemüsehandel hätten oder gar von Hartz IV und Transfereinkommen lebten, müssten sich „auswachsen“. Die Nachfrage bestätigte die Befürchtung des Lettre-Redakteurs, Sarrazin könne mit dieser Aussage wirklich meinen, Muslime in unserem Land ließen sich nur integrieren, sofern sie aussterben.

Der Mann ist ein notorischer Spalter, der durch sein mediales Mitteilungsbedürfnis den inneren Frieden in Deutschland und das Ansehen der Bundesrepublik gefährdet.

Fazit
Fassen wir zusammen: Thilo Sarrazins Weltsicht beruht auf von der aktuellen Forschung längst überholten sozialdarwinistischen Annahmen. Insofern könnte man sein Buch als absurd ignorieren. Nur: Der Mann ist ein notorischer Spalter, der durch sein mediales Mitteilungsbedürfnis den inneren Frieden in Deutschland und das Ansehen der Bundesrepublik gefährdet. Kann so ein Mann als Vorstand der Bundesbank unser Land international vertreten? Wir hören die Bedenken, dass es juristisch keinen Weg gebe, ihn von seinem Posten zu entbinden. Eine ketzerische Frage: Ist es vorstellbar, dass ein Bundesbankvorstand auch den Holocaust leugnet und im Amt bleibt, weil er sich fachlich nichts zuschulden kommen ließ?