Die Autoren lesen sich wie das „Who is Who“ der interkulturellen Forschung sowie der Orient-Forschung: Kai Hafez, Werner Ruf, Dieter Oberndörfer, Navid Kermani, Jochen Hippler, Yasemin Karakasoglu, Sabine Schiffer usw.
Kritisieren will gelernt sein – erst recht wenn es konstruktive Kritik geht. Die Autoren haben daher den Anspruch, berechtigte von unberechtigter Kritik zu trennen und jene Aspekte des Islam in den Blick zu nehmen, die „angesichts der Herausforderungen der Moderne tatsächlich einer Weiterentwicklung bedürfen.“ (S. 14) So wird in diesem Band der „Bogen vom europäischen Islamhass früherer Jahrhunderte bis zur heutigen Hetze im Cyberspace“ (S. 14) gespannt.
Islamfeindlichkeit – Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen jetzt bei Amazon bestellen (Broschiert: 483 Seiten, Verlag: Vs Verlag; Auflage: 1 (15. September 2009), ISBN-13: 978-3531162577).
Herausgeber ist Thorsten Gerald Schneiders. Er ist Islam- und Politikwissenschaftler und lehrte zuletzt am Centrum für Religiöse Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Wer hingegen mehr über die Sichtweise mancher Muslime in Deutschland erfahren möchte, der sollte den zweiten Band des Herausgebers lesen. Unter der Überschrift „Islamverherrlichung – wenn die Kritik zum Tabu wird“, wird auf die dogmatische Verteidigungshaltung mancher Muslime eingegangen, welche jedwede Kritik am Islam am liebsten verbieten würden.
Der Sammelband besteht aus vier Kapiteln: Im ersten Kapitel geht es um „Ausgangspunkte islamfeindlichen Denkens in der deutschen Gesellschaft“. Hier werden historische Islambilder aufgedeckt und die Entstehung einer „Islamfeindlichkeit“ verdeutlicht. Im zweiten Kapitel geht es „zur aktuellen Lage der Islamfeindlichkeit“, worin z. B. auf den historischen und kontextlosen Umgang von Zitationen aus den Suren des Koran seitens Navid Kermani genauso eingegangen wird wie auf den „Islam als Störfaktor an den Schulen“ seitens Yasemin Karakosoglu. Im dritten Kapitel geht es um „institutionalisierte Islamfeindlichkeit“. Hier werden u. a. „islamkritische“ Aktivitäten in Webblogs von Sabine Schiffer vorgestellt und auf die Positionen der Pax Europa-Anhänger genauso eingegangen wie seitens Wolf-Dieter Just auf die der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im vierten Kapitel wird im Rahmen der „personellen Islamfeindlichkeit“ auf die Islamkritik von Ralph Giordano, Hans-Peter Raddatz, Necla Kelek, Seyran Ates wie Alice Schwarzer eingegangen.
Die Beiträge verdeutlichen die Ganzleistung interkultureller Selbstwahrnehmung zum Zwecke des Beginns eines interkulturellen Dialogs.
So ist auch das Gesamtwerk eine beachtliche Sammlung von exzellenten Beiträgen, die zum Nachdenken anregen. Je nach Interessengebiet können Themenschwerpunkte besondere Bedeutung erhalten. Für denjenigen, der eine Erklärung für die Ursachen der Islamfeindlichkeit sucht, ist das erste Kapitel des Gesamtwerkes sicherlich eine Glanzleistung neuer Betrachtungsarten und eine vollkommen neue Sichtweise auf bisherige Darstellungen der Geschichte und Politik bezogen auf den Islam und die Muslime.
In den Beiträgen der Autoren wird deutlich, wie sehr sie um eine ausgleichende Darstellung bemüht sind: sie möchten nicht dem Dilemma erliegen, was sie bei anderen kritisieren: die tendenziell unkritische Reflexion des Islam aus europäisch-christlicher/atheistischer/wissenschaftlicher Sicht oder die tendenziell rein kritisierende Sicht.
Daher ist der Sammelband hervorragend geeignet, um gegenüber einer sehr einseitigen Kritik am Islam eine fundierte wissenschaftliche Argumentationshilfe entgegenzustellen. Es wird in der Diskussion ein Ausgleich zwischen den „Nur-Kritisierern“ und den „Nur-Beschönigenden“-Verteidigern des Islam hergestellt.
In vielen Beiträgen sind hervorragende neue Erklärungsansätze angeführt, welche zum besseren Verständnis füreinander und zum Ausräumen der gegenseitigen Irritationen dienen. Sehr kritisch und konstruktiv ist der Umgang mit der eigenen, als europäisch und christlich bezeichneten Kultur, jedoch nach wie vor in einigen anderen Beiträgen problematisch, wenn es um die Charakterisierung eines manchmal doch zu schön gefärbten Islambildes in Europa und den Staaten mit mehrheitlich islamischer Zugehörigkeit geht.
Rezensentin Dr. Askim Müller-Bozkurt, geb. 1966 in Kayseri/Türkei, lebt in Kerpen. Zu ihren beruflichen Aufgabenschwer- punkten zählen politische Vergleiche und Analysen von interkulturellen, interreligiösen und migrationspolitischen Bereichen. Seit Mitte 2006 verfolgt sie diese Schwerpunkte im Rahmen ihrer freiberuflichen Tätigkeit beim Internationalen Forschungsinstitut für Wirtschaft, Politik und Bildung e.V. (IFWPB). Zudem ist sie sachkundige Bürgerin im Lenkungsausschuss Integration der Stadt Kerpen.
Wenn die Frage bei Werner Ruf gestellt wird. „Wo denn die „schleichende Islamisierung“ unserer Gesellschaft wäre (S: 124), oder dass es im Islam keine „Zwangstaufe“ gebe (Thomas Naumann, S. 24), ruft dies sogleich die Kritiker auf den Plan, welche genau dieses behaupten. Hier wäre es m. A. n. sehr konstruktiv, wenn auch auf die Literatur hingewiesen werden würde, welche von gläubigen Muslimen verfasst und mit einer Fundamental-Kritik an der Islam-Praxis versehen werden (wie bspw. Professor Ilhan Arsel aus der Türkei).
Der wachsende islamische Fundamentalismus, Extremismus und Terrorismus darf bei solchen Darstellungen erst recht nicht fehlen, da erst in der zur Kenntnisnahme auch der kritikwürdigen Punkte innerhalb der Gesellschaften mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung m. A. n. ein Verständnis für die Gesamtentwicklung hergestellt werden kann. Die differenzierte Art der Betrachtung des deutsch¬europäischen Denkens und der Denkrichtungen und der Kenntnis über die Vielfalt der miteinander konkurrierenden Ideen und Ideologien in Deutschland und Europa erfordert ein genauso differenziertes Bild der Menschen mit islamischer Zugehörigkeit sowohl in Europa als auch in den Ländern, aus denen sie stammen. Und genau hier – stimmen sich alle Wissenschaftler überein – besteht ein Mangel an wissenschaftlicher Forschungstätigkeit. Dies ist auch eine wesentliche Ursache dafür, dass die Ausführungen teilweise eher vom Sach- und Fachkenntnis der eigenen Kultur als der Kultur und Religion der Menschen und Bevölkerungen mit islamischer Zugehörigkeit zeugen.
Es ist ein Standardwerk für eine ausgleichende Darstellung „des Islam“ und im Zugang zueinander– teilweise bewusst unter Ausschluss seiner kritikwürdigen Punkte. Die Kritik wurde besonders effektiv und wirkungsvoll zunächst an der eigenen europäisch-christlichen Denke angesetzt. Die fundierte Kritik am Gegenüber erfolgt in einem weiteren Sammelband mit der Überschrift „Islamverherrlichung – wenn die Kritik zum Tabu wird“. Daher ist es sicherlich auch empfehlenswert, den zweiten Band des Herausgebers zu lesen. Denn genau diese „kritische“ Lücke beansprucht er im zweiten Band zu schließen.