Theater

Mauererinnerungen auf Türkisch

Nach einer längeren Pause wurde das Theaterstück „Die Schwäne vom Schlachthof“ im Ballhaus Naunynstrasse in Berlin-Kreuzberg für kurze Zeit wieder aufgeführt. Gülseren Ölcüm und Maik Baumgärtner trafen den Berliner Regisseur und Autor des Stücks Hakan Savaş Mican und sprachen mit ihm über andere Sichtweisen auf die Mauer, seine Jugend in der Türkei und Klischeebilder in deutschen Medien.

Im vergangenen Jahr war das Thema „20 Jahre Mauerfall“ in den Medien dauerpräsent. Doch wenn man von der Wiedervereinigung Deutschlands sprach, redete niemand über die Migranten auf beiden Seiten der Mauer. Eine Lücke, die das Stück „Die Schwäne vom Schlachthof“ zu schließen versucht.

Als sich Hakan Savaş Mican auf die braunen Holzstühle des Theatersaals setzt, ist die erste Aufführung der Wiederaufnahme seines Stücks gerade vorbei.

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Man sieht dem Mann – der von sich sagt, zehn Jahre mit „diesem migrantischen und ungesunden Gefühl“ gelebt zu haben, morgen wieder die Stadt in Richtung Türkei zu verlassen – die Freude darüber an. Heute kann er sagen: „Ich bin Berliner und ich bleibe hier!“

„Ich bin Berliner und ich bleibe hier!“

Zu Beginn des Interviews erzählt er mit ruhiger Stimme über eine Art „kollektive Mauer-Erinnerung“ innerhalb der türkischen Migrantenfamilien im Kreuzberg der 1980er und 1990er Jahre. Diese ist eng verbunden mit den Geschichten von drei in der Spree ertrunkenen türkischen Kindern. „Wenn man über das Wasser sprach, über die Spree, über die Trennung, dann sprach man auch über die Kinder, die ertrunken sind“. Als Mican sich Gedanken darüber machte, ein Stück über die Mauer zu schreiben, dachte er „sofort an die Geschichte der Kinder“.

Der junge Regisseur ist bei seiner Großmutter in der Türkei aufgewachsen. Die Sommerferien verbrachte er aber immer bei seinen Eltern in Berlin, der Stadt in der er geboren wurde und in die es ihn nach dem Abitur verschlug. Die Mauer ist damit auch ein Teil seiner eigenen Kindheitserinnerung, genau wie die Geschichte der ertrunkenen Kinder. Die Frage was diese Kinder wohl heute machen würden, hätten sie überlebt, war die Grundlage für die Entstehung des Stücks. Während seines Studiums der Architektur arbeitete er fünf Jahre für Radio Multikulti und den WDR. Aus dieser Zeit stammen nicht nur die Kontakte zu den Menschen, deren Biografien die Grundlage für „Die Schwäne vom Schlachthof“ bilden, damals entflammte ihn ihm auch der Wunsch, „Filme und Theater zu machen“.

Viele Migranten, die heute in Berlin leben, kommen aus der ehemaligen DDR und waren sogenannten Arbeitsmigranten, vor allem aus Vietnam und Mosambik, es gab aber auch unzählige politische Flüchtlinge aus Chile, Griechenland, Spanien und der Türkei.

Micans Stück erzählt auch ihre Geschichte. Besonders emotional inszeniert ist das Leben der türkischen Kommunistin Cengaver, gespielt von Sesede Terziyan, die vor der türkischen Militärjunta in das Land ihrer Träume geflohen ist. Ihr Ideal zerbricht aber an der Wirklichkeit der DDR: Die Überwachung durch die „Staatssicherheit“ (Stasi), die von der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) gewollte Isolation von der deutschen Bevölkerung, der ungebrochene Stalinismus und das Verbot des freien Wortes. Zwar entstammt Mican einem unpolitischen Elternhaus, doch zu dieser Szene hat er eine ganz besondere „persönliche und emotionale Bindung.“

„Natürlich kamen auch Teile aus feudalen Verhältnissen, aber zu sagen, die hatten keine Erziehung, die hatten keine Ausbildung, stimmt einfach nicht. Die ersten, die hier hergekommen sind, waren qualifizierte Arbeiter, also mindestens bis 1973.“

Er sagt von sich selbst, dass er „ein Kind des Putsches“ (1980 putschte das türkische Militär zum dritten Mal in der jüngeren Geschichte des Landes) ist und in einer Zeit die Schule besuchte, als sich die Gesellschaft auf ihrem antiliberalen und militaristischen Höhepunkt befand. Damals lebte Mican mit seinem Bruder, einem linken Aktivisten in einer „Art Studenten-WG“. Mit 13 Jahren nahm er an Demonstrationen gegen die Militärjunta teil. Von der damaligen linken Bewegung ist nicht viel übrig geblieben. Heute sagt er, stecke die Linke weltweit in einer Krise.

Spricht man Mican auf die Berichterstattung zum Thema Migration und Integration in deutschen Medien an, wird er plötzlich sehr ernst. „Einfach schwachsinnig“ nennt er zum Beispiel Berichte, die immer wieder versuchen, die erste Generation der türkischen Arbeiter in Deutschland als „dumme Bauern aus Ostanatolien“ zu diffamieren, denn man „sollte nicht immer alles verallgemeinern“. Mittlerweile sei er es aber leid, aufgrund vieler schlechter Medienberichte ständig wütend zu sein. Umsomehr hofft er, durch seine Kunst andere Sichtweisen auch in die Medien tragen zu können und ein differenzierteres Bild zu schaffen.

Am Ende des Gesprächs betont er, kein „politisches Theater“ machen zu wollen. Es geht einfach um „Kunst und Geschichten, die mich interessieren“. Ob es dabei um Migranten geht, ist ihm egal. „Mit Politik“, so sagt er, „kann man keine Kunst machen“.