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Türkische Presse Europa

23. bis 31.12.2009 – SPD, Moschee, Weihnachten, Türkei, Religionsfreiheit

In den Europaausgaben der türkischen Zeitungen wurden in der Ferienzeit eine Reihe diverser Themen behandelt. So werden unter anderem der Vorwurf der Radikalisierung in den Moscheen und die Unterstellung, die Türkei verhindere die Integration in Deutschland, hinterfragt. Weitere Themen sind die interkulturelle Öffnung innerhalb der SPD, Weihnachtsbotschaften islamischer Religionsgemeinschaften, das Integrationsgesetz, Religionsfreiheit und der muttersprachliche Unterricht.

23.12.2009

Sigmar Gabriel: „Wir brauchen Migranten in der SPD“
SPD-Chef Sigmar Gabriel bezeichnete es als ein Fehler, beim vergangenen Parteitag in Dresden keinen Migranten in den Parteivorstand gewählt zu haben, berichtet die ZAMAN. „Wir haben zwar eine Reihe von herausgehobenen Politikern mit Migrationshintergrund in den Ländern und der Bundestagsfraktion. Aber das reicht nicht“, so Gabriel. Die SPD müsse für Migranten Strukturen schaffen, ähnlich wie sie es mit den Arbeitsgemeinschaften auch für Frauen, Senioren und Arbeitnehmer getan habe. Ein entsprechendes Arbeitsprogramm solle im Januar beschlossen werden.

Radikalisierung in den Moscheen?
In der ZAMAN hinterfragt Mustafa Yeneroglu die Äußerung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, dass die Radikalisierung von Muslimen fast immer rund um die Moscheen stattfindet. Dabei sei inzwischen bekannt, „dass der Rekrutierer der Sauerland-Gruppe jahrelang auf der Gehaltsliste des Verfassungsschutzes stand und quasi unter dem Schutz der Sicherheitsbehörden als Imam einer „Moschee“ Jugendlichen Hass einimpfte.” Unter Angabe weiterführender Literaturnachweise führt Yeneroglu weiter aus, dass auch weitere mutmaßliche Mitarbeiter von Geheimdiensten bekannt seien, die Hass gepredigt und Terrorvorbereitungen unterstützt haben sollen. „Obwohl dort, wo konkrete Beweise für Gewaltverherrlichung und sogar Rekrutierung vorliegen, wenig unternommen wird, sind alle Moscheen in Deutschland einem Verdacht ausgesetzt und sollen Präventionsarbeit auf Grundlage islamophober Definitionen der Sicherheitsbehörden vornehmen”, kritisiert Yeneroglu und erinnert dabei an die Ergebnisse des sogenannten Sicherheitsdialogs, die er ebenfalls kritisch hinterfragt, dass keine unmittelbare Terrorgefahr aus dem Umfeld von Moscheen und muslimischen Predigern in Deutschland ausgeht.

„Es wäre im Sinne Aller zu hoffen, dass de Maizière eine Sprache gebraucht, die nicht ausgrenzt oder stigmatisierend wirkt, sondern Empathie zeigt und die wertvolle Arbeit, die Moscheegemeinden in den letzten Jahrzehnten zur Integration der Muslime in der Gesellschaft geleistet haben, anerkennt“, erhofft Yeneroglu.

24.12.2009

Islamische Religionsgemeinschaften wünschen frohe Weihnachten
Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) und die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) haben eine Grußbotschaft zu Weinachten und zum Jahreswechsel veröffentlicht, berichtet die ZAMAN. „Auch für die Muslime ist die Geburtsstunde Jesus Grund zur Freude, da er für uns mit froher Botschaft und dem Ruf zum Wege Gottes gekommen ist, weil wir ihn ehren als Gesandten Gottes. Umso mehr teilen wir die Freude mit unseren Nachbarn und wünschen gesegnete und friedvolle Feiertage”, schreibt der Vorsitzende der DITIB, Sadi Arslan.

Im Namen der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş wünschte der Generalsekretär der IGMG, Oguz Ücüncü, den christlichen Mitbürgern ein frohes Weihnachtsfest. “Zeiten des besonderen spirituellen Erlebens sind sehr bedeutungsvoll für Gemeinschaften wie auch Individuen – ermöglichen sie doch eine besonders intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun und eröffnen uns immer wieder die Möglichkeit, besinnliche Augenblicke in der Gemeinschaft zu erfahren. Diese Zeiten führen uns aber auch Missstände um uns herum vor Augen”, so Ücüncü.

28.12.2009

Öney: Rückschritte trotz Integrationswille
Nach Ansicht der Berliner SPD-Abgeordneten Bilkay Öney kommt die Integration der Türken in Deutschland nicht voran, berichten SABAH und MILLIYET. „Mir kommt es so vor, als gäbe es jedes Jahr Rückschritte“, sagte die 39-Jährige. Laut Öney geben die Deutschen vor, wie weit Integration gehen darf. „Du kannst dich noch so sehr integrieren oder assimilieren, irgendwann kommt ein Punkt, an dem sie dir sagen: Stopp, bis hierher und nicht weiter.“ Öney kritisierte zudem, dass immer dieselben Personen in der deutschen Medienlandschaft zu Wort kommen, wenn es um Türken und Integration geht, und zwar Necla Kelek, Seyran Ates und Kenan Kolat. Dabei seien eine Reihe kluger Menschen vorhanden, die gehört werden müssten. Dafür sei gesellschaftliche Teilhabe wichtig.

29.12.2009

„So viele Migranten sind genug!“
Unter diesem Titel berichtet die SABAH von der Forderung des stellvertretenden Landesvorsitzenden der Berliner CDU, Thomas Heilmann, dass der Zuzug von Ausländern nach Berlin begrenzt wird. Berlin, so Heilmann, müsse zunächst einmal „diejenigen, die schon hier sind, integrieren, bevor wir weiteren Zuzug zulassen.“ Es gehe darum, „dass wir unter den Migranten 43 Prozent Arbeitslosigkeit haben“, sagte Heilmann im Streitgespräch mit dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Volker Ratzmann.

Tören lehnt ein Gesetz zur Integration ab
Der integrationspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Serkan Tören, habe der “Welt” gegenüber erklärt, dass für eine erfolgreiche Integrationspolitik kein Gesetz notwendig ist, berichtet die HÜRRIYET. Der Schwerpunkt der Integrationspolitik müsse im frühkindlichen Bereich liegen, sagte der FDP-Politiker: “Da müssen wir ansetzen und fördern. Die deutsche Sprache muss frühzeitig gefördert werden, und dabei müssen wir auch die Eltern mit einbeziehen.” Tören habe sich auch gegen ein Quotensystem für Migranten im öffentlichen Dienst ausgesprochen. Die TÜRKIYE berichtet am Folgetag darüber.

Türkische Bürger sind gegen das Betreuungsgeld
Türkische Bürger haben das von der Koalition beschlossene Betreuungsgeld für Kinder als Schlag gegen die Integration bezeichnet, berichtet die TÜRKIYE. Es sei kontraproduktiv und führe zur Diskriminierung von Migrantenkindern. Die Regierungsparteien hatten vereinbart, ab 2013 ein Betreuungsgeld von je 150 Euro im Monat für Kinder unter drei Jahren zu zahlen, die nicht in eine Kindertagesstätte gehen.

30.12.2009

„Türkei wird zum Sündenbock gescheiterter Integrationspolitik in Deutschand gemacht“
Die Europaausgaben der türkischen Zeitungen räumen der Kritik des Innensenators von Berlin, Ehrhart Körting (SPD), die türkische Regierung mische sich in die deutsche Integrationspolitik ein, breiten Raum ein. Die Politik der türkischen Regierung erschwere nach Ansicht von Körting die Integration türkischer Einwanderer in Deutschland. „Wir haben in Teilbereichen der Integration ein Problem, weil sich der türkische Staat noch immer politisch verantwortlich für die Türken in Deutschland fühlt und sich einmischt“, sagte Körting der „Berliner Morgenpost“. Als Beispiel nannte der Senator den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor fast zwei Jahren am Ort der Brandkatastrophe in Ludwigshafen, bei der neun Menschen türkischer Herkunft ums Leben kamen. Dabei hätten sich viele Türken längst in die deutsche Gesellschaft integriert. Die türkischen Zeitungen kritisieren, dass die Türkei zum Sündenbock gescheiterter Integrationspolitik in Deutschand gemacht wird. (HÜRRIYET, MILLIYET, SABAH, TÜRKIYE, ZAMAN)

Die Bedeutung der Muttersprache für den Erwerb einer Zweitsprache
Die Pädagogin Elisabeth Nevyjel aus Wien plädiert in einem Interview mit der ZAMAN für die Förderung der Muttersprache und hebt die Bedeutung der Muttersprache für den Erwerb einer Zweitsprache hervor. Wer die Muttersprache umfassend beherrscht und komplexe Grammatikstrukturen anwendet, könne diese Kompetenzen auf die Zweitsprache übertragen. Umgekehrt gelte jedoch auch: Wer seine Muttersprache nur auf einem einfachen, nicht schriftlichen Niveau beherrscht oder gar nur im Dialekt tangiert, überträgt diese schwachen Strukturen auf die Zweitsprache. Nevyjel fordert deshalb eine bilinguale Erziehung für türkische Kinder. Notfalls müsse dieses Recht juristisch erkämpft werden, so die langjährige Pädagogin.

31.12.2009

Wie auf dem Basar: Glaube statt Sprache!
Die ZAMAN druckt die Monatliche Kolumne der niedersächsischen Landtagsabgeordneten Filiz Polat in der IMAJ ab. Seit Antritt der Landesregierung sei der muttersprachliche Unterricht kontinuierlich heruntergefahren, kritisiert Polat. „Waren es 2003 noch 5.000 erteilte Lehrerstunden im Bereich Herkunftssprache, sind es am Ende des Jahres 2009 nur noch die Hälfte der erteilten Lehrerstunden“, stellt sie fest. Zum einen sei gleich zu Beginn des Regierungswechsels ein Einstellungsstopp beschlossen, so dass keine neuen Lehrerinnen und Lehrer nachrücken konnten, wo doch viele der heutigen herkunftssprachlichen Lehrerinnen und Lehrer kurz vor der Rente stehen. Zum anderen sei politisch das Ziel verfolgt worden „erst Deutsch lernen und dann die Muttersprache“.

„Tja, und dann war da noch der Modellversuch „islamischer Religionsunterricht“ an Grundschulen. Dieses Prestigeprojekt der christdemokratischen Regierung wurde zwar schon durch die Vorgängerregierung vorbereitet, aber nun durch die Schwarz-Gelbe Mehrheit realisiert. Es gab nur ein Problem: Woher sollte man die Lehrerkräfte für diesen Unterricht so schnell hernehmen? Kein Problem für Ministerpräsident Wulff, der gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte. Man nehme die Lehrer des muttersprachlichen Unterrichts, bilde sie an ein paar Wochenenden zu islamischen Religionslehrern aus und schon hat man einen islamischen Religionsunterricht zum Vorzeigen. Der Nebeneffekt, die Migranten können sich nicht beschweren, denn sie haben ja statt des Muttersprachlichen Unterrichts nun den islamischen Religionsunterricht bekommen.“ Dadurch bleibe bei das große Potential der Zuwanderkinder auf der Strecke, so Polat; eine ganze Generation von Kindern in Niedersachsen, deren Mehrsprachigkeit nicht erkannt und gefördert wird. „Für unsere wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit als Exportland mit vielen internationalen Wirtschaftsverflechtungen ein fataler Fehler“.

Religionsfreiheit
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, habe sich für die Rechte der Muslime in europäischen Staaten stark gemacht, berichtet die HÜRRIYET. „Gerade weil wir Christen die Einschränkungen der Religionsfreiheit in muslimischen Ländern ablehnen und verurteilen, setzen wir uns nicht nur für die Rechte der dortigen Christen ein, sondern auch für die Rechte der Muslime bei uns“, sagte Zollitsch. Zur Religionsfreiheit in Deutschland gehöre auch das Recht der Muslime auf den Bau würdiger Moscheen, fügte Zollitsch hinzu. „Derjenige, der in anderen Ländern für die Angehörigen seiner Glaubensgemeinschaft in der Minderheitensituation Religionsfreiheit fordert, darf sie den religiösen Minoritäten im eigenen Land nicht vorenthalten, sagte der Erzbischof.