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Bezirk Berlin-Mitte

Gesundheits- und Vorsorgeverhalten Erwachsener mit Migrationshintergrund

Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung für das Schuljahr 2006/07 führte das Bezirksamt eine Erhebung zur Gesundheit und zum Gesundheitsverhalten von Eltern der Schulanfänger durch. Die Fragen betrafen u.a. ihre eigene Gesundheit, ihr Gesundheitsverhalten und ihr Bedarf an gesundheitsbezogenen Informationen.

Eine Kernaufgabe der Gesundheitsberichterstattung ist es, eine Datenbasis für die Planung und Gestaltung von Maßnahmen und Einrichtungen der gesundheitlichen Versorgung und Vorsorge zu schaffen – insbesondere im Hinblick auf besondere Risikogruppen. Im Gegensatz zur Kinder- und Jugendgesundheit, wo es dank der KiGGS-Studie1 und der Tatsache, dass mittlerweile in einigen Kommunen die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung migrationssensibel ausgewertet werden2, eine relativ gute Datenbasis für Maßnahmen der Gesundheitsförderung gibt, liegen wenige Daten zur Gesundheit von Erwachsenen mit Migrationshintergrund vor.3 Migranten werden in der Regelstatistik im Gesundheitswesen meist nicht ausgewiesen4. Einschlägige repräsentative Untersuchungen mit der bewussten Inklusion von Migranten gibt es nicht.

Auf lokaler Ebene gibt es noch ein weiteres Problem für die Gesundheitsberichterstattung. Neben dem oben angeführten Mangel an Erkenntnissen zu eventuellen Risikolagen von Migranten, stellen Razum et al. (2008) fest, dass „Gesundheitsprobleme von Menschen mit Migrationshintergrund und Zugangsbarrieren zu Gesundheitsdiensten lokal bzw. regional sehr unterschiedlich sind.“ (24). Aus diesen Gründen muss insbesondere die kommunale Gesundheitsberichterstattung auch auf eigene Erhebungen zurückgreifen, um präventionsrelevante Daten zu erhalten. Im Bezirk Mitte werden deshalb eine Reihe von unterschiedlichen Anlässen genutzt, um eigene Erhebungen durchzuführen.

Über den Autor: Jeffrey Butler, Geboren 1955, Dipl. Soziologe; Nach dem Studium der Soziologie und Germanistik in den USA (1979) drei Jahre praxis-orientierte Arbeit in der Alten- und Familienhilfe. 1982 mit Fulbright Stiftung nach Berlin – Diplom in Soziologie an der FU Berlin (1988). Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin, am Institut für Biologie, im Public-Health Projekt „Integration gesundheitsfördernder und medizinischer Maßnahmen in der Schwangerschaft“. Seit 1995 verantwortlich für die Gesundheitsberichterstattung in der Plan- und Leitstelle Tiergarten – beziehungsweise nach der Bezirksfusion im Bezirksamt Berlin-Mitte.

Vorgehensweise
Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung für das Schuljahr 2006/07 führte das Bezirksamt eine Erhebung zur Gesundheit und zum Gesundheitsverhalten von Eltern der Schulanfänger durch. Die Fragen betrafen u.a. ihre eigene Gesundheit, ihr Gesundheitsverhalten und ihr Bedarf an gesundheitsbezogenen Informationen. Dadurch, dass ein sehr hoher Prozentsatz der bezirklichen Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat, und dadurch, dass ein hoher Anteil der Migranten in der Zielgruppe an der Befragung teilnahm, konnten relativ repräsentative Ergebnisse für die Altersgruppe erzielt werden. Da die Fragebögen der Eltern auch mit den Ergebnissen der Schuleingangsuntersuchung verbunden werden konnten, ist es möglich, das Gesundheitsverhalten der Eltern mit dem Gesundheitsverhalten ihrer Kinder abzugleichen.

Die Fragebögen wurden von den Eltern in den Schulen bei der Schulanmeldung abgeholt –zusammen mit den sonstigen Unterlagen, die für die Schulanmeldung nötig waren. Hierunter war auch eine Einladung zur Schuleingangsuntersuchung, die z.T. erst in einigen Monaten stattfinden sollte. Die Fragebögen konnten von beiden Partnern zu Hause ausgefüllt und bei dem Termin für die Schuleingangsuntersuchung im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst (KJGD) vom begleitenden Elternteil wieder abgegeben werden, wobei es sich bei den Befragten nicht um die leiblichen Eltern des Kindes gehandelt hat, sondern um die Erwachsenen, bei denen das Kind aufwuchs. Die Verlosung von Warengutscheinen über je 100€ von einem lokalen Kaufhaus (einmal für die Mütter und einmal für die Väter) diente dazu, die Motivation zur Teilnahme zu erhöhen.

Durch die gesonderte Verlosung für beide Elternteile und dadurch, dass nicht nur die Person, die das Kind zur Untersuchung begleitet hat, für die Untersuchung befragt werden konnte, gab es eine relativ ausgeglichene Teilnahme beider Geschlechter (587 Frauen, 503 Männer). Bei einer ähnlichen Befragung im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung in Bielefeld5, wo die Begleitpersonen vor Ort in den Kinder- und Jugendgesundheitsdienststellen befragt wurden, gab es hingegen eine sehr hohe Überrepräsentation von Müttern, da diese meist die angehenden Schulanfänger zur Untersuchung begleiten.

Ein erklärtes Ziel der Aktion was es, einen angemessenen Anteil der Eltern mit Migrationshintergrund für die Befragung zu gewinnen. Hierbei sollten die im Bezirk lebenden Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund möglichst im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung vertreten werden. Maßgeblich für die Befragung war der deutsche Fragebogen. Bei Bedarf konnten die Eltern in den Schulen auch arabische, türkische oder englische Übersetzungen des Fragebogens erhalten. Im Laufe des Befragungszeitraumes wurden auch weitere Maßnahmen angewandt, um die Teilnahme von Migranten zu erhöhen. In den bezirklichen Kindergärten wurden mehrsprachige Poster und Handouts eingesetzt. Auch in den türkischen Medien gab es Berichte über die Befragung.

Um den Datenschutz zu gewährleisten wurde im KJGD vor den Augen des abgebenden Elternteils lediglich die laufende ESU-Nummer auf dem Fragebogen eingetragen. Anschließend wurde der Fragebogen von den ausgefüllten Losen getrennt und beide kamen in versiegelte Urnen.

Inhalte des Fragebogens
Als Teil der Angaben zur Demografie der Befragten wurden neben Angaben zur Schulbildung und zum Erwerbsstatus auch ausführliche Fragen zum Migrationshintergrund der Befragten gestellt6. Unter anderem wurden sie nach ihrer Staatsangehörigkeit, nach dem eigenen Geburtsort, nach ihrer Verweildauer in Deutschland und nach den Geburtsorten der Eltern gefragt. Darüber hinaus gab es Fragen zu den Sprachen, die im Haushalt gesprochen werden, sowie bei Befragten mit eigener Migration zu ihren Gründen nach Deutschland zu kommen.

Die Fragen im Bereich Gesundheit schließen ein breites Themenspektrum ein – u.a. eine Selbsteinschätzung der gegenwärtigen Gesundheit, eine Frage zu ihren krankheitsbedingten Fehltagen (Beruf bzw. Hausarbeit), Fragen zu ihren gesundheitlichen Beschwerden, Fragen zu ihrer Zufriedenheit mit wichtigen Lebensbereichen, zu ihrem Bewegungsverhalten und zu ihrem Konsum von Tabak und Alkohol. Darüber hinaus gab es Fragen zu ihrem gesundheitsrelevanten Verhalten, zu ihrem Versichertenstatus, zu ihrer Inanspruchnahme von Angeboten der Gesundheitsversorgung und -vorsorge und zu ihrem Bedarf an und ihren Quellen für gesundheitsbezogene Information. Ebenfalls wurde bei Menschen, die Schwierigkeiten im Bezug auf das Verstehen der deutschen Sprache angegeben hatten, gefragt, wie sie sich in Hinblick auf gesundheitliche Belange informieren.

Zusammensetzung der Untersuchungsgruppe
Insgesamt füllten ca. 20% der Eltern der Schulanfänger den Fragebogen aus. Die Verteilung der Eltern nach sozialer Schicht und Herkunft korrespondiert relativ gut mit der gesamten Gruppe der Schulanfänger. 52% der Befragten (560) hatte einen Migrationshintergrund. Dies war weniger als ihr Anteil an der ganzen Gruppe der Schulanfänger (64%), aber immerhin eine beträchtliche Gruppe angesichts der Probleme der Erreichbarkeit von Migranten für gesundheitsbezogenen Befragungen. Mit ca. 46% der Befragten war die untere soziale Schicht leicht unterrepräsentiert (insgesamt 49%). Abbildung 1 zeigt, dass die Migranten, die den Fragebogen ausgefüllt haben, überwiegend aus der unteren sozialen Schicht kamen (61% vs. 30,7% der Eltern deutscher Herkunft). Diese Tatsache bedeutet, dass Vergleiche zwischen Migranten und den deutschen Befragten nach sozialer Schicht differenziert werden müssen.

Hinsichtlich der absoluten Anzahl der Befragten in den einzelnen Herkunftsgruppen zeigt sich die türkische Bevölkerung, mit 258 Personen als stärkste Gruppe hinter der einheimischen deutschen Bevölkerung (513). Eltern aus arabischen Ländern und dem ehemaligen Ostblock sind relativ gleich stark vertreten mit 90 bzw. 99 Personen, während Befragte aus „westlichen Industrieländern“ eine eher kleine Gruppe mit 27 Personen bilden. Im Vergleich zur gesamten Gruppe der Eltern der Schulanfänger im Jahre 2007 waren die deutschen Eltern deutlich überrepräsentiert (48% statt 34,4%), während die Eltern aus der Türkei (24% statt 29%) und aus ehem. Ostblockländer (9,2% statt 12,2%) leicht unterrepräsentiert waren. Arabische Eltern (8,4% statt 8%) und Eltern aus westlichen Industrieländern (2,5% statt 2,9%) entsprachen ungefähr ihrer Stärke in der gesamten Gruppe. Die Sammelgruppe „andere Länder“ war in unserer Untersuchungsgruppe um einiges kleiner als in der gesamten Gruppe der Eltern (7,9% statt 13,1%).

Da die Religion oft eine Rolle beim Gesundheitsverhalten spielt, wurde auch eine Frage dazu gestellt. Hier bildeten sich im Wesentlichen drei größeren Gruppen heraus. Angesichts der demografischen Zusammensetzung des Bezirkes war es nicht überraschend, dass Muslime, mit 389 Personen, die größte Gruppe unter den Befragten bildeten. Es folgten die Befragten, die keine Religion angaben (327). Erst an dritter Stelle kamen die 314 Befragten mit christlichem Glauben. Überraschenderweise gaben 11 Personen aus der Untersuchungsgruppe in einem Freitextfeld (sonstige Religionen) an, buddhistisch zu sein.

Ergebnisse
An dieser Stelle werden einige prägnante Ergebnisse der Befragung vorgestellt, insbesondere in Hinblick auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und der einheimischen deutschen Bevölkerung. Obgleich die Angaben zur Herkunft der Befragten detaillierter sind, werden hier in erster Linie die Herkunftsgruppen der Schuleingangsuntersuchung für die Vergleiche verwendet. Um die oben aufgezeigten starken Unterschiede in der sozialen Schicht nach Herkunftsgruppe zu kompensieren, werden für die nachfolgenden Vergleiche jeweils nur die Befragten aus der unteren sozialen Schicht7 einbezogen. Dies sind immerhin 46% der gesamten Untersuchungsgruppe.

Abbildung 2 zeigt wie die Befragten aus der unteren sozialen Schicht ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand einschätzten. Insgesamt schätzten sich die Migranten als mindestens so gesund wie die entsprechenden deutschen Befragten ein. Hinsichtlich der Einschätzung „sehr gut“ lagen fast alle Migrantengruppen minimal höher als die Deutschen. In dem unteren Bereich der Gesundheitseinschätzungen (mittelmäßig/schlecht) lagen die meisten Migrantengruppen ebenfalls auf einem ähnlichen Niveau wie die Befragten deutscher Herkunft. Hier bildeten die Migranten aus arabischen Ländern jedoch eine Ausnahme.

Gemessen an ihren Krankheitstagen im letzten Jahr (Abb. 3) schnitten die meisten Migrantengruppen in der unteren Schicht in der Kategorie „weniger als 5 Tage“ zwar besser ab als die entsprechenden deutschen Befragten (auch mit Ausnahme der Menschen aus arabischen Ländern, aber am anderen Ende des Spektrums „mehr als 3 Wochen“ schnitten sowohl die arabische (7,9%) als auch die türkischen (10,4%) Befragten schlechter als die deutschen Eltern (6,6%) ab.

Trotz ihrer von Ihnen selbst als besser eingeschätzten Gesundheit besuchten Befragte aus allen Herkunftsgruppen ihren Hausarzt wesentlich öfter als die deutschen Befragten (Abb. 4).

Hinsichtlich der Facharztbesuche in unserer Untersuchungsgruppe sieht das Bild anders aus (Abb. 5). Während die deutschen Befragten ihre Fachärzte insgesamt mehr als die befragten Migranten besucht haben, besuchten Migranten aus allen aufgeführten Herkunftsgruppen8 ihre Fachärzte öfter „mehr als 4 mal“ als die Befragten deutscher Herkunft. Analog zu ihrer eher schlecht selbst eingeschätzten Gesundheit besuchten Migranten arabischer Herkunft sowohl ihren Hausarzt als auch Fachärzte häufiger als Menschen aus allen anderen Herkunftsgruppen „mehr als 4 mal“ im letzten Jahr. Interessant jedoch ist die Tatsache, dass die befragten Menschen arabischer Herkunft am allerwenigsten an chronischen Erkrankungen litten.

Eine mögliche Erklärung für die Häufigkeit der Arztbesuche von Migranten bei gleicher oder besserer Gesundheit wäre das Vorliegen von Verständnisproblemen, die eine angemessene Arzt/Patienten-Beziehung erschweren. Hiernach könnten Migranten, die Verständnisprobleme mit der deutschen Sprache vorweisen, Schwierigkeiten in der Kommunikation mit ihrem Hausarzt haben, die eine geeignete Therapie unwahrscheinlich machen. Entweder verstehen sie die Anweisungen des Arztes nicht und befolgen sie dementsprechend auch nicht, oder sie werden vom behandelnden Arzt nicht verstanden – bzw. sie fühlen sich nicht richtig verstanden – und gehen deshalb zum nächsten Arzt für die gleiche Beschwerde.

Interessant ist auch die Antwort auf die Frage, ob sie einen Hausarzt/eine Hausärztin haben, den/die sie im Regelfall zuerst bei gesundheitlichen Problemen aufsuchen. Insgesamt gaben die von uns befragten Migranten an, ihren Hausarzt stärker als Gatekeeper für weitergehende gesundheitliche Versorgung zu nutzten, als die deutschen Befragten dies tun (Abb. 6). Hier ist die mögliche Kausalität jedoch nicht klar. In der unteren sozialen Schicht ist die große Mehrheit sowohl der Deutschen als auch der Migranten gesetzlich versichert. Es könnte jedoch sein, dass die Praxisgebühr im Sinne der Gesundheitsreform bei den befragten Migranten stärker steuernd wirkt.

Ein weiterer wichtiger Bereich der Befragung betraf den Konsum von Alkohol und Tabak. Hier zeigte sich ein Migrationshintergrund eher als gesundheitsfördernd. Bei unserer Befragung tranken Menschen aus den meisten Migrantengruppen wesentlich weniger Alkohol als die deutschen Befragten. Dies war bei den türkischen und arabischen Eltern besonders bemerkbar (vgl. Abb. 7).

Diese Konsummuster korrespondierten auch sehr eng mit der Religion der Befragten (vgl. Abb. 8). Insbesondere die Muslime und die Buddhisten in der Befragung neigten dazu, abstinent zu sein. Bei den Christen dagegen gaben nur 15,6% an, abstinent zu sein, und 40,4% tranken mindestens einmal in der Woche Alkohol.

Beim Rauchverhalten zeigen sich ebenfalls Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Herkunftsgruppen in der unteren sozialen Schicht (vgl. Abb. 9). Hier sind insbesondere die deutschen Eltern gefährdet.

Dieses Phänomen könnte auch eine religiöse Komponente haben. In Abbildung 10 wird evident, dass die muslimischen und buddhistischen Eltern der unteren sozialen Schicht um einiges weniger als die deutschen rauchen. Bei einer Befragung von Zehntklässlern zu ihrem Suchtverhalten bei der Jugendarbeitsschutzgesetzuntersuchung im Bezirk Mitte im Jahre 2007 war der häufigste Grund für das Nichtrauchen bei türkischen und arabischen Jugendlichen, dass ihre Religion es verbieten würde.

Die in der Befragung beobachtete Tendenz von Migranten, Vorsorgemaßnahmen, die vonden Krankenkassen ohne Zuzahlung angeboten werden, z.B. die Krebsvorsorge, nicht in Anspruch zu nehmen, ist bedenklich. Abbildung 11 zeigt diese Tendenz anhand der Krebsvorsorge9 für Frauen in der unteren sozialen Schicht. Hier ist insbesondere die Diskrepanz zwischen den Inanspruchnahmeraten deutscher Frauen und denen von Frauen aus dem ehemaligen Ostblock eklatant.

Diskussion
Die in den Ergebnissen auftretenden Unterschiede zwischen den Menschen mit Migrationshintergrund und den deutschen Eltern scheinen auf den ersten Blick paradox. Obgleich die Befragten mit Migrationshintergrund ihre eigene Gesundheit mindestens ebenso gut wie, oder besser als die deutschen Befragten, einschätzten, suchten sie ihren Hausarzt öfter als die Deutschen auf. Sie nutzten aber ihren Hausarzt eher als die deutschen Befragten als „Gatekeeper“ im Sinne der Weitervermittlung zu Fachärzten.

Hinsichtlich des Konsums von Suchtmitteln erhielten wir einige interessante Ergebnisse. Migranten in der unteren sozialen Schicht rauchten etwas weniger als vergleichbare Deutsche und tranken wesentlich seltener Alkohol. Die religiöse Affiliation spielte eine große Rolle beim Alkoholkonsum aber eine eher kleinere Rolle beim Rauchen.

Ein Problem wurde im Hinblick auf die Inanspruchnahme der verschiedenen Gesundheitsvorsorgeangebote der gesetzlichen Krankenkassen bei Menschen mit Migrationshintergrund sichtbar. Obgleich diese keine zusätzlichen Kosten für die Versicherten verursachen, werden sie – bis auf den allgemeinen Gesundheitscheck – von Migranten weniger oft als von Deutschen in Anspruch genommen. Dies war besonders bei der Krebsvorsorge der Fall.

Schlussfolgerungen
Dadurch, dass ein einfacher Zugang zur Untersuchungspopulation verwendet wurde, konnten mit relativ wenig Aufwand wichtige Daten zur Gesundheit von jungen Erwachsenen erhoben werden, die außerdem nach sozialer Lage und Migrationshintergrund differenziert sind. Im Prinzip wäre so eine Untersuchung auch ohne weiteres in anderen Kommunen möglich.

Hinweis: Mit freundlicher Unterstützung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Quelle: BMAS-Publikation „Gesundheitliche Versorgung von Personen mit Migrationshintergrund“

Die Tatsache, dass die in der Untersuchung beobachtete höhere Nutzung von gesundheitlichen Versorgungsangeboten bei Migranten u.U. mit Kommunikations- bzw. Vermittlungsproblemen zusammenhängt, deutet darauf hin, dass es immer noch einen hohen Bedarf an interkultureller Kompetenz im deutschen Gesundheitswesen gibt. Hier muss mindestens die sprachliche Verständigung gewährleistet werden. Die Diskrepanz zwischen der erlebten Gesundheit von Migranten und ihrer Inanspruchnahme von gesundheitlichen Versorgungsangeboten deutet an, dass hier bestimmte Steuerungsmechanismen im deutschen Gesundheitssystem versagen.

Die niedrigere Inanspruchnahme von Krebsvorsorge bei Migranten als bei einer vergleichbaren deutschen Bevölkerungsgruppe, könnte u.U. bedeuten, dass die Vorteile von diesen Angeboten noch nicht genügend von Migranten wahrgenommen werden, bzw., dass es Migranten beim Arzt nicht bewusst gewesen ist, dass sie Vorsorge in Anspruch genommen haben – auch eine Folge mangelnder Kommunikation.

Literatur

  • Butler J.; Albrecht, N.J., Ellsäßer, G.; Gavrinadou, M..; Habermann, M.; Lindert, J.; Weilandt, C. „Migrationssensible Datenerhebung für die Gesundheitsberichterstattung“, Bundesgesundheitsblatt, Berlin, November 2007.
  • Oberwöhrmann, S.; Bettge, S. (2005). Basisdaten zur gesundheitlichen und sozialen Lage von Kindern in Berlin – Ergebnisse auf der Basis der Einschulungsuntersuchungen. Gesundheitsberichterstattung Berlin, Spezialbericht 2007 – 1.
  • Robert Koch-Institut (2007). Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS)“, Bundesgesundheitsblatt, Band 50, Heft 5/6, Mai/Juni 2007.
  • Razum, O., et al. (2008). Migration und Gesundheit. Schwerpunktbericht der Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Robert Koch-Institut, Berlin.
  • Zeeb H, Baune BT, Vollmer W, et al. (2004) Gesundheitliche Lage und Gesundheitsversorgung von erwachsenen Migranten – ein Survey bei der Schuleingangsuntersuchung, Gesundheitswesen 2004; 66: 76-84.
  1. u.a. RKI 2007  []
  2. z.B. Bettge/Oberwöhrmann 2008  []
  3. In diesem Zusammenhang wird auch im RKI Schwerpunktbericht „Migration und Gesundheit“ (Razum et al. 2008, S. 24ff.) darauf hingewiesen, dass die Datenlage hinsichtlich gesundheitlicher Unterschiede zwischen Migranten und der einheimlichen Bevölkerung bundesweit unbefriedigend ist.  []
  4. vgl. Butler et al. 2007  []
  5. vgl. Zeeb et al, 2004  []
  6. anlehnend an Schenk et al. 2005  []
  7. Die soziale Schicht der Familien wurde anhand der Bildung und Erwerbstätigkeit der Eltern mit einem Punktesystem bestimmt, basierend auf dem des Brandenburger Ministeriums für Arbeit, Gesundheit, Soziales und Frauen. Dieses Punktesystem wird seit 2001 mit einigen Modifikationen vom Land Berlin für die landeseinheitliche Erfassung der Schuleingangsuntersuchung verwendet. Eine nähere Beschreibung dieses Modells ist bei Bettge/Oberwöhrmann 2008 zu finden.  []
  8. bis auf Menschen aus „anderen Ländern“  []
  9. „Haben Sie in der Vergangenheit an einer der folgenden gesundheitlichen Vorsorgemaßnahmen teilgenommen? (1) Krebsvorsorge“  []