Ehegattennachzug

Vor dem Visum

Eine Sprache zu erlernen heißt immer sich selbst zu dezentrieren. Es bedeutet, das Andere in sich zu erkennen, sich mit der Fremdheit vertraut zu machen und sich in ihr zu verorten. Seit nunmehr anderthalb Jahren lässt Deutschland seine Migranten deutsch lernen, um ihre kulturelle Kompetenz zu stärken. Konkret heißt das, dass die Einreisewilligen für Monate zu Lernmaschinen werden.

Montag, 8:00 Uhr, Nusaybin. Meine 18 Schülerinnen und Schüler sitzen auf ihren Bänken, die einen verschlafen, die anderen aufmerksam. Sie sind zwischen 17 und 28 Jahre alt, ein Fünftel ist männlich. Ein Schüler hat studiert, vier Schülerinnen sind Analphabetinnen. Sie kommen aus der umliegenden Gegend, von Mardin über Midyat bis Sirnak. Die jungen Frauen sind in einer Art Internat untergebracht, viele von ihnen zum ersten Mal für längere Zeit von ihrer Familie getrennt. Hierdurch avanciert der Deutschkurs für sie zu einer wichtigen Zwischenstation auf dem Weg in die Selbständigkeit.

Gleich erzählen meine Schülerinnen und Schüler mir, was sie am Wochenende gemacht haben: schlafen, essen, lernen, spazieren gehen – soviel können sie nach vier Wochen. Ich bin für die meisten von ihnen die erste indigene Deutsche, eine interkulturelle Konfrontation. Sie fragen mich, warum ich unverheiratet bin und keine Kinder habe. Außerdem trinke ich Bier. Ich frage, warum sie es so eilig mit dem Heiraten haben und als was sie später einmal arbeiten möchten. Die Situation löst eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Anderen aus. So erhalten sie einen ersten Einblick in deutsches Leben, bevor sie vor Ort sind. Auf diese Weise wird zudem Sozialarbeit geleistet: Anhand von Fallbeispielen erzähle ich ihnen sukzessiv und subtil von ihren Rechten in Deutschland.

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Gleichsam bin ich für sie eine hermeneutische Herausforderung. In den Pausen verständigen wir uns mit Händen und Füßen, im türkischkurdischdeutschen Kauderwelsch. Meine Schülerinnen und Schüler sind rege, sie wollen sich mitteilen und wo ein Wille ist, ist Kreativität. Geglückte Kommunikation, die Erfahrung, das Gelernte praktisch anwenden zu können, stärkt ihr Selbstbewusstsein. Hier, in den Pausen oder wenn wir uns abends zum Lernen treffen, findet selbstgesteuertes und inkorporiertes Lernen statt.

Ein Deutschkurs im türkischen Sanliurfa, ca. 250 westlich von Nusaybin.
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Im Unterricht bleibt dafür allerdings keine Zeit. Immerhin sollen sie am Ende des Kurses, der in Kooperation mit einem vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugelassenen Integrationskursträger angeboten wird, rund 700 deutsche Worte passiv verstehen und 300 aktiv anwenden können. Sie lernen die Artikel, Dativ, Akkusativ, die Verben im Präsens, auch die unregelmäßigen; dazu Syntax und Präpositionen. Sie sollen sich zu den Themen Wohnen, Arbeit, Freizeit, Einkaufen, Verkehr und Gesundheit äußern können. Fünf bis sechs Tage pro Woche sitzen sie sieben Stunden am Tag im neugebauten Klassenzimmer, bei 40 Grad. Die Klimaanlage im Raum verkommt wegen der häufigen Stromausfälle zu einer Metapher von einem weniger beschwerlichen Leben. Nachmittags machen sie Hausaufgaben, abends lernen sie Vokabeln. Das Pensum übersteigt ohne weiteres die deutsche 38,5 Stunden-Woche. Der Kurs ist teuer, der Druck auf meine Schülerinnen und Schüler enorm hoch.

Nach drei Monaten büffeln geht es zum Goethe-Institut nach Ankara, in dem sie die Prüfung zum Deutsch A1-Zertifikat ablegen. Die Prüfung dauert 80 Minuten und ist trotz ihrer pragmatischen Ausrichtung mathematisierte Sprache. Wer zwei Drittel der Aufgaben richtig löst, bekommt das Zertifikat und darf sein Visum beantragen. Wer weniger Punkte hat, muss vier Wochen warten, ehe er/sie es erneut versuchen darf. Verständlicherweise fällt es vor allem den Analphabetinnen sehr schwer, sie müssen die Prüfung oft drei oder vier Mal wiederholen. Die mangelnde Bildung dieser Mädchen und Frauen rächt sich hier mehrfach. Zum einem ist sie teuer, zum anderen lässt sie sie mit Gefühlen des Versagens und des Unerwünschtseins, kurz mit einem negativen Selbstbild, zurück. Umso größer ist die Erleichterung, wenn sie es irgendwann schaffen.

Die Sprachstufe A bezeichnet die Kompetenz zur elementaren Sprachbeherrschung und ist praktisch ausgerichtet. Die PrüfungsteilnehmerInnen sollen sich im deutschen Alltag zurechtfinden können. Das hat zur Folge, dass die Worte „Miete“ und „Kartoffel“ in der Wortliste zur Prüfung auftauchen, während die Worte „Freiheit“, „Recht“ oder „Zwang“ fehlen. Es sind aber gerade diese Themen, die meinen Schülern am Herzen liegen. Sie wollen nicht nur in der Lage sein, in Köln die richtige U-Bahn Fahrkarte kaufen zu können, sie wollen auch über Politik, Religion, Fußball und das Leben als solches reden.

Während des Sprachkurses an der Tafel - © Vicky Marie Eichhorn

Dabei wissen sie nicht viel über Deutschland. Dass sie ausgerechnet hierher kommen, liegt schlicht daran, dass ihre zukünftigen Ehepartner hier leben. Sie kommen nicht, weil sie ein vermeintlich besseres Leben suchen. Sie kommen nicht, weil sie sich als Kurden in der Türkei nach wie vor als Bürger zweiter Klasse fühlen. Sie leben keinen Traum. Sie gründen schlicht eine Familie und dies ist für sie der natürliche Gang der Dinge. Die Ehen sind arrangiert, aber auch dies ist hier Normalität.

Am Ende des Lehrbuches reden wir über ihr Deutschlandbild und tragen die Ergebnisse an der Tafel zusammen. Auf der Contra-Seite landen das Wetter, hässliche Industriegebiete, die teuren Preise und die Ausländerfeindlichkeit, wenig verwunderlich die deutsche Sprache, die vielen bürokratischen Regeln und schließlich das Schweinefleisch. Die Pro-Seite kann Schokolade, Kartoffeln, Sauberkeit, das Gesundheitssystem, die grünen Landschaften und Solidarität für sich verbuchen, vor allem aber Liebe, die Familie und auch die Demokratie. Im Ergebnis steht für meine Schülerinnen und Schüler fest, dass Deutschland eine Chance für sie ist.

Gleichermaßen stellen auch die Deutschkurse vor Ort für sie eine enorme Chance dar. Sie lernen zumindest ansatzweise, was sie erwartet, welche Möglichkeiten sie haben und können gleichzeitig auf sich selbst stolz sein. Zu Bedauern ist indes, dass selbstgesteuertes Lernen nicht vorgesehen ist. Deutschland hat sich hier einen Zugriff verschafft, den es nur halbherzig nutzt. Meine Schülerinnen und Schüler lernen nicht für sich selbst, sondern in erster Linie für eine Prüfung.

Von Deutschkenntnissen vor der Familienzusammenführung...
    bin ich begeistert. Die besten Argumente sprechen dafür. (55%)
    kann man halten, was man will. Es hätte nicht mit Zwangsehen begründet werden dürfen. (23%)
    halte ich nichts. Die besten Argumente sprechen dagegen. (22%)
     
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    Die Bundesregierung, die Kontakt zu ihren Migranten sucht, bevor diese ein Visum erhalten, könnte hier noch viel tun, beispielsweise Finanzierungsmöglichkeiten für die Kurse schaffen oder wenigstens das Kursangebot der Goethe-Institute erschwinglich machen. Denn neben denen, die sich den Unterricht leisten können, gibt es auch eine Dunkelziffer derer, die bereits an der finanziellen Hürde scheitern. Solide finanziert könnte man sich mit dem Lernen mehr Zeit lassen, beispielweise vier statt drei Monate ins Deutsche investieren. Eine andere Variante wäre durch eine solide Finanzierung kleinere Klassen zu ermöglichen, die beispielsweise den unterschiedlichen Bildungsniveaus gerecht würden. Die Schülerinnen und Schüler würden entlastet und man könnte individueller auf sie eingehen. Aus stupidem Vokabellernen würde sprachliches Selbstlernen und schließlich aus der Reflexion darüber kulturelle Kompetenz.