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Kulturelle Codes

Verlieben als Geflüchteter: Das sind die Probleme

Wenn Geflüchtete aus anderen Kulturkreisen in ein fremdes Land kommen, gibt es viele Hürden zu überwinden. Das gilt auch für die Anbahnung einer Beziehung zu Einheimischen. Das spielen kulturelle Hintergründe und Codes eine große Rolle

Donnerstag, 15.12.2022, 0:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 16.12.2022, 10:09 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Geflüchtete Menschen, die nach Deutschland kommen und hier ihr Leben neu aufbauen, habe die gleichen Wünsche und Bedürfnisse an ihre Zukunft wie alle anderen auch. Dennoch gilt es mitunter eine Reihe von Hürden zu überwinden. Nicht zuletzt beim Thema Verlieben, Liebe und Beziehung zeigen sich häufig auf sehr unterschiedlichen Ebenen immer wieder große Schwierigkeiten. Diese können ebenso in einer Unsicherheit möglicher Liebespartner bestehen wie in kulturellen Unterschieden. Entscheidend ist, dass bestehende Probleme nur durch Begegnung, Austausch und Unterstützung zu überwinden sind, nicht durch Vorurteile und stereotype Zuschreibungen.

Die Freiheit, sich zu verlieben

In Deutschland legt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) klar fest, dass jegliche Form der Diskriminierung aufgrund der persönlichen sexuellen Identität verboten ist. Menschen können und dürfen gerade auch mit dem Schutz des Gesetzes heterosexuell, lesbisch, schwul, bisexuell, queer, trans- und intersexuell sowie Transgender sein. Das gilt gerade auch für das Ausleben in einer entsprechenden Bindung. Verlieben und das Bedürfnis nach einer damit verbundenen Beziehung sind für jeden Menschen sehr wichtige Faktoren, für asexuelle Personen ebenso wie beispielsweise für polyamore Menschen.

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In vielen Ländern sind diese Fakten nicht nur weit jenseits einer Selbstverständlichkeit, sondern sind häufig auch der eigentliche Grund für die Flucht. Viele Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Trans- und Intersexuelle wie auch queere Geflüchtete (LSBTTIQ) haben sich bis zu ihrer Flucht immer verstecken müssen aus Angst vor Verfolgung aufgrund ihrer Identität. Sie müssen hier zunächst Schutzräume finden, in denen sie die Möglichkeit haben, sich zu verlieben. Ein freies und offenes aufeinander Zugehen ist vor diesem Hintergrund eine völlig neue Erfahrung und kann auch aufgrund der tief sitzenden Angst vielfach Neuland sein.

Erlaubt ist die Vielfalt, das gilt nicht nur für jene, die in Deutschland geboren wurden, sondern ebenso für Geflüchtete, die häufig aus Ländern kommen, in denen Verliebtsein und Liebe oftmals an konkrete Normen gebunden sind. Das bedeutet unter Umständen auch, gar nicht genau zu wissen, wie Menschen einander kennenlernen können, die sich gerne verlieben wollen. Es gibt vielfältige Verunsicherungen, weil niemand anecken möchte und dennoch gerne eine Partnerin oder einen Partner im eigenen Leben hätte. Bei Themen wie Dating oder ersten Annäherungsversuchen gibt es bei Geflüchteten und Deutschen nicht unbedingt immer ein gleiches Grundverständnis.

Verlieben in der eigenen Peergroup

Häufig versuchen Geflüchtete vor allem mit Menschen aus ihrem eigenen Land beziehungsweise Kulturkreis Beziehungen aufzubauen. Hier besteht ein hohes Maß an Sicherheit aufgrund vergleichbarer kultureller Codes. Es ist in der Regel für alle Beteiligten klar, welche Erwartungen bestehen und wie das Kennenlernen üblicherweise verläuft. Es liegt auf der Hand, dass die Anzahl möglicher Partner für ein Verlieben auf diese Weise sehr überschaubar bleibt.

Vor allem in traditionellen Familien, beispielsweise aus arabischen Ländern, hat nicht das Verlieben die erste Priorität, sondern das Einbinden in eine Familie, die Sicherheit und Zugehörigkeit bedeutet. Dem entsprechend legen Geflüchtete, denen ein traditioneller Kontext wichtig ist, auch Wert darauf, Menschen mit einer dazu passenden Sichtweise kennenzulernen. Verlieben funktioniert hierbei eher geplant als spontan.

Andere Geflüchtete, die sich ebenso gerne in jemanden außerhalb des eigenen Kulturkreises verlieben wollen, wissen oft nicht, wie ein Kennenlernen funktionieren kann. Auch in Deutschland gibt es klare, wenn auch unterschwellige Regeln, die festlegen, wie Menschen einander üblicherweise begegnen und wie nicht. Die Möglichkeiten sich zu verlieben sind in jedem Land relativ eindeutig und müssen meist nicht erst erfragt werden. Das gilt allerdings immer nur für Menschen, die damit aufwachsen, nicht für jene, die neu dazukommen und dieses Verständnis entsprechend gar nicht haben können.

Die Fallstricke beim Verlieben

Es mag seltsam klingen, aber das Verlieben ist etwas, das häufig auch erlernt werden muss und sollte, mindestens wenn Unsicherheiten darüber bestehen, was erlaubt ist und was nicht. Oftmals besteht eine große Überforderung mit den als sehr frei empfundenen Frauen in Deutschland und dem richtigen Deuten ihrer Signale etwa beim Flirten. In manchen Ländern sind Kontakte zwischen Frauen und Männern nur wenig freizügig und offen. Die Werte sind unterschiedlich und damit verbunden auch die Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten und eine Begegnung voranzutreiben.

Es ist ebenso entscheidend, Menschen aufzuklären und ihnen die Inhalte zu vermitteln, die ihnen vielleicht noch unbekannt sind. Mitarbeiter in Beratungsstellen, die unter anderem Sexualaufklärung für geflüchtete Menschen anbieten, sind häufig mit einem prekären Wissenstand zur Sexualität und der Biologie des eigenen Körpers bei Jugendlichen konfrontiert. Hier sind beispielsweise Seminare wichtig, um relevante Themen zu behandeln, die deutlich vor dem Zeitpunkt des Verliebens bedeutsam werden.

Beratungsstellen für Geflüchtete sind immer wieder mit ratsuchenden Menschen konfrontiert, die sehr gerne jemanden in Deutschland kennenlernen wollen, aber einfach nicht wissen, wie sie sich richtig verhalten sollen. Häufig sind gescheiterte Liebesgeschichten der Auslöser für diese Anfragen.

Sehr regelmäßig sind es auch die Menschen in Deutschland selbst, die zu den Problemen beitragen. Einzelfälle von übergriffigen Personen werden dann schnell verallgemeinert und Geflüchtete zu Menschen erklärt, die vermeintlich ein grundlegendes Risiko darstellen. Es ist wichtig, existierende Missstände zu benennen und ebenso entscheidend, immer individuell und situationsbezogen zu reagieren und keine Vorurteile zu etablieren.

Information als wichtige Unterstützungsmöglichkeit

Damit Geflüchtete leichter und entspannter an ein Verlieben im neuen Land herangehen können, ist Information eine der wichtigsten Kriterien. Es gibt eine Vielzahl an Hinweisen und Broschüren über die gültigen Gesetze und die wichtigsten Regelungen in Deutschland. Der Umgang mit dem Flirten, Kennenlernen und Verlieben gehört üblicherweise nicht dazu.

Beratungsstellen, die mit Geflüchteten arbeiten, bieten aber immer wieder hilfreiche und wichtige Seminare an. Sie wenden sich an jene, die gerne mehr verstehen würden über das Grundverständnis vom Verlieben und einem näheren Kennenlernen. Sie unterstützen und beraten Geflüchtete, die sich unsicher sind, wie sie eine mögliche Partnerin oder einen Partner kennenlernen können.

Auch Online-Angebote wie beispielsweise Lilapedia sind sinnvoll, um mehr Wissen und Faktoren zu vermitteln, etwa über sexuelle Orientierungen, das grundlegende Verständnis von Geschlechtsidentitäten oder die unterschiedlichen romantischen Präferenzen von Menschen. Je mehr konkretes Wissen vorhanden ist, so zum Beispiel über hetero- und homosexuelle Beziehungen, asexuelle Personen oder biromantische Beziehungen, desto mehr Unsicherheiten können abgebaut werden, die einem Verlieben möglicherweise im Wege stehen.

Umgang mit Konflikten

Viele geflüchtete Menschen haben bereits erste Verliebtheitserfahrungen im neuen Land. Sie werden darin möglicherweise mit Konflikten konfrontiert, nicht zuletzt aufgrund eines häufig unterschiedlichen Verständnisses vom Umgang mit Sexualität und Liebe. Es ist hierbei entscheidend, Unterstützung anzubieten und Ansprechpersonen zu haben, die ein Verständnis für den jeweiligen kulturellen Hintergrund aufbringen und hier beraten und begleiten können.

Auch tragen die vielfältigen Erfahrungen einer Flucht dazu bei, dass die Menschen mit umfangreichen Traumatisierungen konfrontiert sind. Verlieben verläuft nicht zuletzt aus diesem Grund oftmals weniger entspannt als in einem unbelasteten Kontext. Es ist entscheidend, immer wieder miteinander ins Gespräch zu kommen und sich gegebenenfalls bei bestehenden Konflikten Hilfe und Unterstützung zu suchen beziehungsweise diese aktiv anzubieten. (em)

Gesellschaft
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