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Familie und Freunde beim Essen (Symbolfoto) © rawpixel

Ein Überblick

Heimatverbundenheit durch Essen

Dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, lässt sich am ehesten am Vielfalt seiner Küche erkennen. Mediterranes Essen ist heute genauso beliebt wie Scharfes aus Asien oder ein saftiges Steak aus Südamerika. Ein Überblick:

Freitag, 24.06.2022, 0:27 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 30.06.2022, 8:40 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Migranten lassen ihre Heimat aus verschiedenen Gründen hinter sich. Egal, ob man freiwillig oder aus der Not heraus auswandert, bedeutet das häufig eine starke Änderung der Lebensumstände. Dadurch entsteht Nostalgie und Heimweh gegenüber Dingen, wie der Heimatküche.

Was wir essen, ist stark mit Erinnerungen und positiven Gefühlen gegenüber unserer Heimat und damit auch unserer Identität verbunden. Wie wichtig ist das Ess- und Kochverhalten von Migranten in der neuen Heimat?

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Essen ist Heimat

Ein Heimatgefühl besteht aus vielen verschiedenen Faktoren. Für viele Menschen sind es die Kindheitserfahrungen und sozialen Räume, die sie währenddessen kennen und lieben gelernt haben, die bestimmen, wozu man ein Heimatgefühl entwickelt. Grob heruntergebrochen empfinden wir das als Heimat, was wir gewohnt sind. Haben wir aus einem Grund keinen Zugriff mehr auf diese Dinge, zeigt sich das in Gefühlen wie Heimweh.

Essen ist dabei ein großer Faktor. Es ist nicht selten, dass wir zu den Gerichten, die unsere Eltern und Großeltern für uns gekocht haben, eine besondere Beziehung haben. Es ist ganz natürlich, dass in diesen Gerichten die typische Landesküche und Gewürze und Lebensmittel vorkommen, die in der Heimat vorhanden sind.

Bei der mediterranen Küche, beispielsweise, ist Olivenöl im 5L Kanister vergleichsweise schnell aufgebraucht. Es ist ein entscheidender Geschmacksträger, der in den meisten italienischen Gerichten vorkommt, da Olivenbäume in der warmen Region Italiens zu Hause sind. In anderen Ländern wird aufgrund des starken Eigengeschmacks seltener mit dem Öl gekocht. Ein Mensch, der aus dem Mittelmeerraum stammt, wird die Geschmäcker der Heimat dort schnell vermissen.

Ist Heimat Essen?

Dennoch ist der Heimatbegriff komplex und er basiert nicht nur auf Erinnerungen und Nostalgie. Ein Heimatbezug kann für viele Orte entstehen, wenn man sich an ihnen wohlfühlt. Migranten haben deshalb die Chance, ihr neues Zuhause zu ihrer neuen Heimat zu machen. Ganz im Sinne von ‚Home is where the heart is’ kann eine Person selbst entscheiden, was für sie zur Heimat wird. Bedeutend dafür sind die sozialen Kontakte und Akzeptanz, die wir dort erfahren.

Der Wunsch nach Zugehörigkeit

Viele Menschen mit Migrationshintergrund leiden in ihrem neuen Zuhause an dem Hin- und Herschwingen zwischen der Kultur, die sie in ihrer Heimat kennengelernt haben, und der Kultur des neuen Landes. Dadurch entstehen zwei Identitäten, zwischen denen sie stehen. Durch den Wunsch nach Zugehörigkeit, verzichten viele Migranten deshalb zunächst auf die Dinge, die sie auf ihrer Heimat gewohnt sind, und passen sich mehr an das neue Land an.

Insbesondere Kinder können unter dieser Spannung leiden. Wenn sie ein Gericht zu den Schulpausen mitnehmen und auspacken, das sich grundsätzlich von dem aller anderen Kinder unterscheidet, kann das zu einem Gefühl der Fremde und Ausgeschlossenheit fühlen. Häufig stammen die Esswünsche nach Gerichten der neuen Heimat aus solchen Spannungsfeldern. Da für diese Kinder ohnehin eine weniger starke Brücke zu ihrer Heimat und der Identität ihrer Bewohner besteht, fordern sie dieses Bedürfnis schneller ein.

Um uns zugehörig zu fühlen, müssen wir unsere Identität aber nicht vollständig an die neue Heimat anpassen, sondern können Teile unserer alten dort integrieren.

Das Ess- und Kochverhalten von Migranten

Es gibt nicht viele Studien, die sich intensiv mit dem Kochverhalten von Migranten beschäftigen. In Forschungstexten, die das tun, stellt sich heraus, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund ihre Küche als autonomen Handlungsort sehen, an dem sie ihre Heimat und Gerichte aus dem neuen Zuhause miteinander verbinden können.

Insbesondere bei religiösen Feiern und festlichen Anlässen gibt es häufiger ihr traditionell erlerntes Kochrepertoire. Äußere Zwänge führen zu einer stärkeren Integration von Gerichten aus dem Immigrationsland, primär, wenn das Essen in Kontakt mit Bewohnern dessen kommt. Das Ergebnis sind oft neue, hybride Identitäten, die durch die Verbindung von alten und neuen Traditionen eine neue Heimat entstehen lassen kann.

Wertvolle Projekte für Migranten mit Heimweh

In vielen Orten in Deutschland, beispielsweise in Hagen, gibt es Kochgruppen, die nicht nur die Heimatgefühle der Migranten erwecken sollen, sondern zeitgleich auch eine Verbindung zwischen Asylbewerbern und Bewohnern der neuen Stadt erzeugen. Migranten können Erfahrungen und Rezepte aus ihrer Heimat teilen und sie in der neuen Gemeinde etablieren.

Dadurch werden:

  • Vorurteile abgebaut
  • Sprachschwierigkeiten überwunden
  • Kontakte geknüpft und Beziehungen gestärkt
  • Einsamkeit überwunden

Dadurch genießen Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur die Geschmäcker aus ihrer Heimat. Sie arbeiten zeitgleich daran, das Heimatgefühl in ihrem neuen Umfeld zu stärken.

Fazit

Essen ist ein wertvolles Werkzeug, um das Wohlbefinden von Menschen zu steuern. Migranten können dabei leicht negative Gefühle entwickeln, wenn sie keinen Zugang mehr zu den traditionellen Gerichten und Zutaten ihrer Heimat haben. Zeitgleich gibt es den Zwang, sich an das neue Zuhause anzupassen und damit auch Gerichte aus dem Immigrationsland in den Speiseplan zu integrieren.

Daraus können aber auch Chancen entstehen, die alte und neue Kultur kreativ miteinander zu verbinden und eine hybride Identität zu entwickeln. Kochkurse mit Migranten und Bewohnern des Immigrationslandes beweisen, dass das Essen beider Kulturen ein wichtiges Mittel sein kann, neue Beziehungen und ein Heimatgefühl für das neue Zuhause zu entwickeln.

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