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Medikamente (Symbolfoto) © stevepb @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Verheerende Ausgangslage

Suchtprobleme unter Flüchtlingen und Migranten

Flüchtlinge und Migranten sind der Suchtspirale oft hilflos ausgesetzt. Wie groß ist die Suchtproblematik und was können Politik und Gesellschaft tun?

Samstag, 21.05.2022, 0:46 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 23.05.2022, 7:49 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Flüchtlinge und Migranten sind in besonderem Maße den Risiken von Suchterkrankungen ausgesetzt. Bei Flüchtlingen betrifft die Problematik sowohl erwachsene Flüchtlinge als auch die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF). In Bayern konnte eine Flüchtlingsorganisation darüber berichten, dass bei 70 Prozent der von ihnen betreuten Asylbewerbern ein Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS) diagnostiziert wurde.

Situation während der Unterbringung verschärft

Dieselbe Organisation wusste zu berichten, dass der Aufenthalt in Flüchtlingsunterkünften die Situation noch verschärft. So stieg der Anteil der Flüchtlinge, die unter einer Suchterkrankung litten, von rund einem Drittel zu Beginn ihres Aufenthalts in den Einrichtungen auf rund die Hälfte am Ende der Unterbringung an.

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Was sind die Gründe für diese Entwicklung und wie lässt sich politisch und gesellschaftlich dagegen steuern, dass Flüchtlinge zu stimulierenden Substanzen greifen und ihr Konsumverhalten nicht mehr in den Griff bekommen?

Verheerende Ausgangslage

Flüchtlinge haben in ihren Ländern Schreckliches erlebt. Sie kommen aus Gebieten, in denen Bürgerkrieg, Krieg, Terrorismus und Staatswillkür vorherrschen. Viele haben Gewalt am eigenen Leibe erfahren, wurden Zeugen von Morden sowie anderen Gewaltakten und haben Freunde und Familienangehörige verloren.

Hinzu kommt ein diffuses Schuldgefühl, das sich aus der Annahme speist, die eigenen Angehörigen im Stich gelassen zu haben. Die Angst um die Menschen, die ihnen wichtig sind und die in der Heimat weiter den Fluchtursachen ausgesetzt sind, macht alles nur noch schlimmer.

Der Teufelskreislauf der Sucht von Flüchtlingen

Der Griff zu Drogen bietet vielen Flüchtlingen zunächst eine spürbare Erleichterung. Sie greifen zu Alkohol, Cannabis oder beruhigenden und angstlösenden Medikamenten wie Benzodiazepine und Phenibut. Andere bevorzugen Opiate, mit denen viele Afghanen aus ihrer Heimat vertraut sind, Khat, ein euphorisierendes Gewächs aus Ostafrika oder Magic Mushrooms, wie sie auf Zamnesia angeboten werden. Aus der Erleichterung wird schnell Gewöhnung und im Endeffekt benötigen die Betroffenen immer größere Dosierungen für denselben Effekt.

Ein Teufelskreis entsteht, der typisch für eine Drogensucht ist, wie die Suche nach immer neuen Stimulanzien. Die Armut der Betroffenen und die Sucht gehen nun eine ungünstige Liaison ein, die leicht in einer Beschaffungskriminalität ausarten kann, die wiederum eine sinkende Aufnahmebereitschaft der Aufnahmegesellschaft herbeiführt.

Langeweile und Lagerkoller

Gründe für die von der Praxis belegte Verschärfung der Suchtproblematik von Flüchtlingen in Flüchtlingsunterkünften sind zunächst das Gefühl von Lagerkoller und Langeweile, denn die Flüchtlingsunterkünfte bieten Flüchtlingen kaum Anreize. Hinzu kommt, dass der Betreuungsschlüssel für UMF zwar weitgehend dem Lehrer-Schüler-Verhältnis in Schulklassen entspricht, bei erwachsenen Flüchtlingen in den Einrichtungen aber Betreuer in der Regel eine Anzahl von Asylbewerbern im dreistelligen Bereich zu betreuen haben.

Ein individuelles Eingehen auf die Sorgen und Nöte der Betroffenen ist unter diesen Verhältnissen nicht möglich. In vielen Fällen kann die Leitung nur reagieren, wenn es schon zu spät ist und die Polizei vor der Tür steht. Auch Sprachbarrieren und eine fehlende Krankenversicherung tragen zur Verschärfung der Problematik bei.

Wie eine Lösung aussehen könnte

In einer Studie im Auftrag der Bundesregierung regen Forscher dazu an, die Aufklärungsarbeit von Flüchtlingen in den Flüchtlingseinrichtungen zu verbessern. Diese sollten über die Folgen der Sucht und die Gesetzeslage in Deutschland besser unterrichtet werden. Strukturierte Zugänge zu ersten Hilfsmaßnahmen fehlten zudem völlig.

Auch hier dürfte eine engmaschige Betreuung die Situation verbessern. Wegweiser könnten in diesem Bereich erfahrene Einrichtungen sein. Flüchtlingsorganisationen schildern, wie „therapeutische und betreuende Maßnahmen“ in ihren Einrichtungen bei UMF, die über 22 Monate dauerten, über 90 Prozent der Betroffenen einen Ausweg aus der Suchtfalle vermittelten. Ein anderer Hebel könnte im Abbau der Barrieren für Flüchtlinge für den Zugang zum Arbeitsmarkt liegen, zumal Studien gezeigt haben, dass auch Unternehmen von Flüchtlingen profitieren. (dd)

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