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Gesundheit

Morbidität bei Migranten

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind im Vergleich zu gleichaltrigen ohne Migrationserfarhung mehr von Übergewicht und Adipositas betroffen. Ähnliche verhält es sich bei psychischen Erkrankungen.

Freitag, 20.05.2022, 0:52 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 27.05.2022, 21:59 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Was den Bereich Gesundheit angeht, gibt es nach wie vor noch große Unterschiede zwischen den Deutschen und den 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Die größten Baustellen: Übergewicht bei jugendlichen Migranten und psychische Erkrankungen in allen Altersgruppen. In diesem Artikel beleuchten wir diese beiden Punkte und schauen uns an, welche Ursachen die Krankheiten bei Migranten haben könnten. Außerdem zeigen wir auf, welche Lösungsansätze es geben kann.

Adipositas und Übergewicht bei jugendlichen Migranten

Der Zweite Integrationsindikatorenbericht der Bundesregierung zeigt, dass der Anteil der Personen mit Übergewicht und Adipositas in der Gesamtbevölkerung steigt. Der stärkste Anstieg bezüglich des Übergewichts zeigte sich mit sechs Prozent bei den ausländischen Mitbürgern und mit elf Prozent bei Personen ohne eigene Migrationserfahrung.

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Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind mehr von Übergewicht und Adipositas betroffen: 17,7 Prozent sind übergewichtig im Vergleich zu 15 Prozent in der gleichaltrigen Gesamtbevölkerung. Um diesem Trend entgegenzuwirken, könnten gezielte Präventions- und Bewegungsangebote für diese Zielgruppe gemacht oder Betroffene besser informiert werden. Abnehmtricks und Abnehmtipps gibt es im Internet jedenfalls zuhauf, als Ersthilfe oder allgemeine Informationsquelle.

Psychische Erkrankungen durch Migration?

Von Depression bis Schizophrenie: Migranten leiden fast doppelt so häufig unter psychischen Erkrankungen wie der Bevölkerungsdurchschnitt und sind nach Ansicht von Fachärzten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin zudem medizinisch schlechter versorgt. Vor allem Sprach- und Kulturprobleme führten dazu, dass Fehldiagnosen gestellt, Medikamente falsch eingenommen oder Therapien sogar komplett vorenthalten werden.

Welche Risikofaktoren verursachen psychische Erkrankungen bei Migranten?

Einsamkeit, Heimweh, Sprachprobleme, Arbeitslosigkeit, schlechte Bildung und Wohnverhältnisse: Laut Experten sind dies die wesentlichen Risikofaktoren für die hohe Zahl der psychischen Erkrankungen unter Migranten. Viele Betroffene suchen auch viel zu spät ärztliche Hilfe. Sei es aus Scham oder Unwissenheit – oder auch deshalb, weil das Leiden im Herkunftsland nicht als Krankheit gilt.

Zur Entwurzelung und anfänglichen kulturellen Desorientierung bei Migranten kommt meist die neue Erfahrung, einer Minderheit anzugehören. Diese Erfahrungen können psychische Erkrankungen begünstigen. In manchen Fällen führen auch traumatische Erlebnisse von Vertreibung und Flucht zu Problemen mit der Psyche.

Besonders hohe Zahl an Suiziden unter jungen Türkinnen und Männern aus Osteuropa

Ältere Türkinnen leiden häufig unter sogenannten somatisierten Beschwerden, also Schmerzen, für die es keine körperlichen Ursachen gibt. Vor allem unter Magen- und Kopfschmerzen werden hier genannt.

Unter jungen Türkinnen gibt es einen traurigen „Rekord“: Die Suizidrate unter jungen Türkinnen ist fast doppelt so hoch ist wie im Durchschnitt ihrer Altersgruppe. Die Ursache dafür ist nicht ganz geklärt. Anders bei jungen Männern aus Osteuropa: Hier führen vor allem starke Suchtprobleme zu einer hohen Zahl von Selbsttötungen.

Welche Lösungsansätze gibt es?

Sportprogramme und Aufklärung über gesunde Ernährung könnten dem Problem von Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen entgegenwirken. Um die Problematik der hohen Anzahl an psychischen Erkrankungen zu reduzieren, wäre es wichtig, die kulturelle Öffnung im Gesundheitswesen voranzutreiben.

So sollte beispielsweise die Zahl an muttersprachlichen Therapeuten und geschulten Klinik-Dolmetschern erhöht werden. Bislang gibt es kaum Dolmetscher, weil die Krankenkassen sie nicht bezahlen. Wenn man sich als Migrant notgedrungen mit Angehörigen oder dem Bettnachbarn behelfen muss, ist die Genesung gerade bei einer psychischen Erkrankung oft nicht möglich.

Interkulturelle Checkliste

Schon seit den 1990er Jahren gibt es die Forderung, dass Einrichtungen und Kliniken eine interkulturelle Checkliste erfüllen sollten: Neben mehr Personal nichtdeutscher Herkunft gehört dazu auch ein Verantwortlicher als Ansprechpartner speziell für Migranten.

Bis heute scheitert dies vor allem daran, dass die finanziellen Mittel nicht bereitgestellt werden. Dabei ist das eine Milchmädchenrechnung: Werden nicht behandelte Erkrankungen chronisch, sind sie für das Sozialsystem erst recht teuer. Schon heute sind Migranten häufiger arbeitsunfähig oder in Frührente. (dd)

Panorama
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