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Heimweh © RODNAE Productions @ pexels.com (Lizenz), bearb. MiG

Migration

Heimweh kann Migranten krank machen

Migranten leiden häufig an Heimweh. Insbesondere die ersten Wochen in einem neuen Land sind schwer, wenn sie noch keine Bekanntschaften und Routinen entwickelt haben. Daraus können sich sogar Krankheiten ergeben.

Montag, 25.04.2022, 0:43 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 26.04.2022, 7:53 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Egal, ob sie freiwillig ihre Heimat verlassen, oder dazu gezwungen sind; Migranten leiden häufig an Heimweh. Insbesondere die ersten Wochen in einem neuen Land sind schwer, wenn sie noch keine Bekanntschaften und Routinen entwickelt haben. Wenn sie nichts gegen dieses Gefühl machen, entstehen aus dieser Sehnsucht heraus sogar Krankheiten. Woher kommen diese Gefühle? Und was können sie dagegen tun?

Zuwanderer haben Heimweh

Aus Sicht der Deutschen liegt die Vermutung nahe, dass Zuwanderer hier ein besseres Leben finden. Für sie zieht es die Migranten, insbesondere aus Nicht-EU-Ländern, wegen des besseren Lebensstandards hierher. Oft sind es tatsächlich diese Gedanken und die beruflichen Chancen, die sie als Fachkräfte wegen des Mangels an diesen in Deutschland haben, die Auswanderer locken.

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Aber mehr als die Hälfte dieser Erwerbsmigranten plant, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren. Nur 40 Prozent von ihnen wollen nach einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge längerfristig oder dauerhaft hierbleiben. Das betrifft Migranten aus den USA und Japan genauso wie die aus Russland.

Ein starker Grund für diese Entwicklung ist die Sehnsucht nach der Heimat. Dort haben sie nicht nur ein Leben aufgebaut, sondern auch eine tiefe Verbindung mit der dortigen Kultur und den Gewohnheiten. So wie wir als Deutsche die Dinge genießen, die wir mit positiven Erinnerungen aus unserer Kindheit verknüpfen, geht es den Zuwanderern mit dem Leben, das sie bisher gekannt haben.

Dabei ist es nicht nur das Finden neuer Bekanntschaften und das Zurechtfinden an einem neuen Ort, das Probleme bereitet. Die Migranten müssen neue Sprachen und Bräuche lernen, was die Integration zusätzlich erschwert.

Möglichkeiten das Heimweh zu lindern

Wie gut wir das Heimweh lindern können, ist oft eine Frage unserer eigenen, aber auch der Motivation unseres Umfelds. Wenn die Umgebung feindlich eingestellt ist, können wir noch so sehr versuchen anzukommen, es wird vermutlich nicht funktionieren. Aber auch eine offene Gesellschaft bringt nichts, wenn wir selbst nichts dafür tun, uns dort ein neues Zuhause zu schaffen. Diese Strategien können uns dabei helfen:

  • Medien: Schon unter Deutschen können wir die Titellieder von Sendungen unserer Kindheit anschalten und beobachten, wie sich jeder der passenden Generation daran erfreut. Genauso können Migranten auch in Deutschland auf die Medien ihrer Heimat zugreifen.
  • Die Digitalisierung und steigende Vermischung unserer Gesellschaft macht das heute einfach. Auch Kinos zeigen immer häufiger ausländische Filme im Originalton. Mit Seiten wie Kinofans bietet das Internet zahlreiche Portale, die die Suche nach einem guten Film erleichtern. Schauen wir die Filme mit Untertitel, kann das sogar dabei helfen eine neue Sprache zu lernen.
  • Moderne Telekommunikationsmittel: Die heutige Technologie macht es auch leichter, mit Menschen in der Heimat Kontakt aufzunehmen. Insbesondere Videoanrufe bringen uns dabei so nah an unsere geliebten Mitmenschen, wie auf Distanz möglich.
  • Freundschaften: Das Aufbauen neuer Freundschaften ist ebenso wichtig. Deutsche Bekanntschaften helfen dabei, die neue Kultur besser kennenzulernen und sich zu integrieren. Aber auch Freunde, die ebenfalls aus dem Heimatland ausgewandert sind, sind praktisch. Hier finden wir Personen, die ähnliches erleben, und mit denen wir Sprache und Kultur teilen.
  • Das Internet kann uns auch hier bei der Suche helfen. Viele Apps machen es möglich, neue Freundesgruppen zu finden. Koch- und Sprachkurse, Mitgliedschaften in Fitness-Gruppen und sonstige regelmäßige Termine, an denen andere Menschen teilnehmen, sind daneben ein guter analoger Startpunkt.
  • Lokale Gemeinden: Wer sich aufgenommen fühlen möchte, sollte unmittelbar in der Nähe nach Bekanntschaften suchen. Gemeinden und Verbände sind gute Orte, um sich gemeinsam mit anderen zu engagieren und je nach Verein auch an der Gestaltung des Umfelds mitzuarbeiten. Kirchliche und soziale Einrichtungen, aber auch Sportvereine und Co., sind gute Möglichkeiten, enge Kontakte zu knüpfen.

Psychisch krank durch Migration?

Insbesondere ohne ein soziales Netzwerk fällt es schwer, den Stress der Migration aufzufangen. Der Verlust der Heimat, aber auch Belastungen wie feindliche neue Mitmenschen, führen dazu, dass Zuwanderer deutlich stärker gefährdet sind, an psychischen Krankheiten zu erkranken. Das sind nicht nur Depressionen, sondern auch andere Erkrankungen, die aufgrund von traumatischen Erlebnissen und chronischem Stress entstehen können.

Die Migration ist auch deshalb ein Risikofaktor für das Entstehen von psychischen Problemen, da das deutsche Gesundheitssystem die Zuwanderer häufig ungenügend beachtet und zu wenige Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Sektor arbeiten. Sprach- und Kulturdifferenzen führen zu Fehldiagnosen und dem Enthalten notwendiger Behandlungen.

Dafür müssen nicht einmal traumatische Erlebnisse wie ein Krieg im Hintergrund liegen. Entwurzelung, kulturelle Desorientierung und die neu erlebte Ausgrenzung als plötzliches Mitglied einer Minderheit sind ebenso starke Belastungen.

Verlust der Heimat

Die Art der Migration hat dennoch eine große Auswirkung auf die Stimmungslage. Neben dem wirtschaftlichen Druck von Globalisierung und Kapitalismus sind häufig auch Krisen und Konflikte ein Grund für die gezwungene Auswanderung. Wer sein Land unfreiwillig verlässt, wird es vermutlich auch stärker vermissen. Der Abstand zu der gewohnten Umgebung, Familien und Freunden wird schlimmer empfunden, je unmöglicher die Rückkehr scheint. Dann ist es kein Verlassen der Heimat, sondern ein Verlust.

Sehnsucht nach Daheim

Dieses „Daheim“ kann ein schwammiger Begriff sein. In unserer heutigen, flexiblen Welt ist es nicht unbedingt ein fester Standort. Heimat ist dort, wo wir uns zu Hause fühlen. In dem richtigen Umfeld können wir Platz für unsere und einheimische Traditionen machen, Fremdes und Vertrautes verbinden und uns selbst ein neues Daheim schaffen.

Dieses Gefühl der Zugehörigkeit ist oft davon abhängig, wie offen die Gesellschaft in dem Zielland ist. Sind die Vorurteile und die Ausgrenzung von Migranten groß genug, können sogar zweite und dritte Generationen von Zuwandererfamilien an einer Art Heimweh leiden, obwohl sie nie ein anderes Umfeld gekannt haben. Gerade für sie kann das belastend sein, da sie weder in dem neuen Zuhause noch dem Zuhause ihrer Eltern oder Großeltern wirklich daheim sind.

Fazit

Zuwanderer haben häufig Probleme mit Heimweh. Vor allem, wenn sie flüchten müssen, aber auch bei freiwilligen Migrationen, ist die Umstellung schwierig. Fehlende Beziehungen, Kulturchaos und mögliche Ablehnung im Zielland sind starke Belastungen. Es hilft, sich in diesem Fall gezielt die Dinge zu suchen, die einem guttun, beispielsweise bekannte Medien. Aber auch die Fühler nach neuen Kontakten auszustrecken ist wichtig. Nur wer ein neues Netzwerk aufbaut, kann sich auch zu Hause fühlen. (dd)

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