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Lotto © Hermann @ pixabay (CC 0)

Spielsucht

Die Einstellung der Deutschen zum Glücksspiel

Die großen Verlierer des weitestgehend unregulierten Glücksspielmarktes waren die Spieler, viele von ihnen Migranten. Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag wurden Mechanismen eingeführt zum Spielerschutz. Ob sie greifen werden, wird die Zeit zeigen.

Montag, 28.03.2022, 0:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 30.03.2022, 9:35 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |  

Deutschland und das Glücksspiel hatten lange Zeit eine schwierige Beziehung. Grauzonen und widersprüchliche Gesetze machten die Situation kompliziert, sodass die Bundesrepublik lange Zeit den Ruf hatte, eine wahre Glücksspiel-Wüste zu sein. Die Leidtragenden waren oft Spielerinnen und Spieler, von denen ein überdurchschnittlich hoher Anteil den sogenannten Migrationshintergrund hat.

Um das Ausmaß zu verdeutlichen: 2019 wurde auf dem legalen Glücksspielmarkt ein Bruttospielbetrag von über 44 Milliarden Euro erzielt. Bei solchen Summen stellt sich die Frage, wohin die Reise geht in dieser Branche. Dafür ist ein Blick in die Vergangenheit notwendig, um eine Prognose wagen zu können.

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Verwirrung um nationales Recht und EU-Recht

Die deutschen Glücksspielgesetze waren lange Zeit nur sehr schwer zu durchschauen. Besonders kompliziert wurde es für alle, die Casino online spielen wollten. So war oftmals nicht ganz deutlich, ob das nationale Gesetz oder das supranationale EU-Recht gilt. Das EU-Recht sieht nämlich vor, dass Anbieter von Online-Glücksspielen ihren Standort selbst festlegen können. Dadurch ließen sich die strengen nationalen Regeln Deutschlands umgehen.

Das führte zu Problemen. Ein solcher Fall passierte z. B. im Jahr 2015. Ein damals 26-jähriger Mann aus München gewann eine Summe von 63.490 Euro beim Blackjack in einem in Gibraltar ansässigen Online-Casino. Das Amtsgericht (AG) München hatte daraufhin beschlossen, den Gewinn des Malermeisters einzubehalten und ihn zu einer Geldstrafe von 2.100 Euro zu verurteilen. Die Entscheidung wurde dann später vom Landesgericht aufgehoben, mit der Begründung, dass in einem solchen Fall das deutsche Strafrecht nicht greife. Denn das EU-Recht besagt, dass eine Vermittlung von Wetten an einen Anbieter mit ausländischer Lizenz nicht strafbar ist.

Die deutschen Glücksspiel-Gesetze

Lange Zeit war auch das nationale Gesetz bezüglich Glücksspiel nicht immer ganz einheitlich, was zu noch mehr Verwirrungen führte. Den Glücksspielvertrag von 2012, der das Glücksspiel regulieren sollte, unterschrieben nämlich nur 15 der 16 Bundesländer. Schleswig-Holstein weigerte sich und ermöglichte es Anbietern von Glücksspielen, eine Lizenz zu erwerben, mit der sie ihre Spiele legal anbieten konnten. Zahlreiche Casinos nutzen diese Chance, um im Norden Deutschlands Fuß zu fassen.

Deutschlands staatliches Lotto-Monopol gerät ins Schwanken

Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs im Jahre 2010, die das staatliche Lotteriemonopol eigentlich für illegal erklärte, sorgte für eine Liberalisierung des Marktes. Begründet wurde diese Entscheidung damit, dass staatliche Lotterien Werbung für sich machen. Das Argument, andere Glücksspiele aus Gründen der Suchtprävention zu verbieten, war damit also nicht länger glaubwürdig. Schleswig-Holsteins Herangehensweise ließ das staatliche Lotto-Monopol Deutschlands abermals ins Schwanken geraten.

Gesetze müssen mit der Zeit gehen

Hinzu kamen mit der Zeit Online-Casinos, die mittlerweile allgegenwärtig sind. Fast jeder hat mittlerweile ein Smartphone in der Tasche, mit dem er innerhalb weniger Klicks Sportwetten abschließen oder eine Partie Poker oder Blackjack spielen kann. Glücksspiele zu verbieten, würde bedeuten, Spieler in die Illegalität zu verbannen und damit auch jede Kontrolle oder Suchtprävention aus den Händen zu geben. 2020 wurde im gesamten Glücksspielmarkt Deutschlands ein Bruttospielertrag von ca.11,7 Milliarden Euro erzielt. Schon deshalb erscheint eine Regulierung des deutschen Marktes unerlässlich, damit dieser sicher und seriös bleibt und den Spieler im Blick hat. Schon 2016 beklagten Experten, dass gesetzliche Vorgaben und Realität weit auseinanderklaffen. Sie pochten auf eine Erneuerung der Regeln – nicht nur was Lizenzen betrifft.

Wer spielt?

2019 gaben 73,6 Prozent der Deutschen an, schon einmal an gewerblichen Glücksspielen teilgenommen zu haben. Besonders beliebt ist die Lotto-Variante „6 aus 49”, die bereits 54,3 Prozent gespielt haben. Die Hauptmotivation der Spieler:innen ist im Großteil der Fälle (63 Prozent) der potenzielle Geldgewinn.

Laut dem Ergebnis des Glücksspielsurveys 2021 gaben 29,7 Prozent der Deutschen an, innerhalb der letzten 12 Monate mindestens einmal um Geld gespielt zu haben. Dabei war der Anteil der Männer (34,7 Prozent) höher als der der Frauen (24,5 Prozent). Vor allem in der Altersgruppe der 36- bis 45-Jährigen ist der Anteil der Spieler:innen ansteigend (33,8 Prozent). Im selben Jahr lag der Anteil der Spieler:innen bei Personen ohne Migrationshintergrund bei 31,4 Prozent und mit Migrationshintergrund bei 23,9 Prozent. Betrachtet auf den Anteil an der Gesamtbevölkerung zeigt sich unter Menschen mit ausländischen Wurzeln eine deutlich höhere Spielbereitschaft.

Tatsächlich zeigen auch Studien, dass der Anteil der von Spielsucht betroffenen Menschen mit Migrationshintergrund deutlich über dem der Durchschnittsbevölkerung liegt. Die Gründe sind vielfältig: Personen mit ausländischen Wurzeln sind im Durchschnitt jünger, häufiger Arbeits- und damit auch perspektivlos, nicht selten dürfen sie gar nicht arbeiten, was mitunter zu Frust und Langeweile führt und damit auch zum Spiel. Der Verlockung des schnellen Geldes ist für Menschen, die an Geldmangel leiden, besonders groß.

Es wird liberaler und strukturierter

Was lange fällig war, wurde dann tatsächlich Realität: Erste Schritte in Richtung Neuregulierung sind bereits getan und die Rechtslage für das Glücksspiel bekommt auch in Deutschland mehr Struktur. Seit dem 1. Juli 2021 gilt der Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021), der für wesentliche Veränderungen sorgte.

Einer der entscheidendsten Punkte des Vertrags: das bislang verbotene Online-Glücksspiel wird legalisiert und bestehende Konzessionen, vor allem für Sportwetten, werden ausgeweitet. Vor dem Inkrafttreten des neuen Vertrags war das Online-Glücksspiel nur in Schleswig-Holstein erlaubt. Der neue Vertrag reguliert nun ein bundesweit einheitliches Vorgehen. Das bedeutet, dass Anbieter von Glücksspielen für das gesamte Bundesgebiet Genehmigungen für das Anbieten und Vermitteln von Sportwetten, Online-Poker und anderen Online-Casinospielen beantragen können.

Eine deutsche Lizenz ist mittlerweile Vorschrift. Seit 2021 können Anbieter Lizenzen für folgende Angebote beantragen:

  • Lotterie
  • Online-Casinos
  • Online-Poker
  • Pferde- und Sportwetten
  • Virtuelle Automatenspiel

Glücksspielanbieter müssen sich aber natürlich weiterhin an regulatorische Vorschriften halten, um Spieler vor Spielsucht zu schützen. Diese Vorschriften werden im aktuellen Vertrag ebenfalls aufgelistet. Dazu gehören unter anderem folgende Regeln:

  • Minderjährige und gesperrte Spieler dürfen weiterhin nicht an Glücksspielen teilnehmen. Dies erfolgt durch einen Abgleich mit einer staatlichen Sperrdatei (OASIS).
  • Es dürfen keine Darlehen angeboten oder beworben werden.
  • Ein wirkungsvolles IT-Sicherheitskonzept ist ein Muss.
  • Nach der Teilnahme an einem Glücksspiel darf erst nach einer Minute ein weiteres Spiel vom gleichen Anbieter gespielt werden. In dieser einminütigen Pause sollen Spieler auf Informationen zur Prävention von Spielsucht hingewiesen werden.

Sportwetten- sowie Online-Poker und Online-Slots-Anbieter müssen noch weitere Voraussetzungen erfüllen. Sie müssen unter anderem

  • einen Sitz in einem EU-Land oder einem EWR-Vertragsstaat haben,
  • Inhaber- und Beteiligungsverhältnisse vollkommen offenlegen,
  • Gewähr bieten, dass Spiele ordnungsgemäß durchgeführt werden.

Sportwettenanbieter müssen außerdem eine Einzahlungsbegrenzung von max. 1.000 pro Monat garantieren.

Haben die neuen Regelungen die Einstellung verändert?

Im Grunde haben die neuen Regeln sich nur der Realität angepasst. Ein Glücksspielverbot war in der Zeit von Smartphones und Tablets einfach nicht mehr zeitgemäß. Das zeigt sich schon an der hohen Zahl Menschen in Deutschland, die diese Spiele-Angebote annehmen. Zu groß war die Zahl derer, die von Spielsucht betroffen waren.

Deutschlands Politik ist mit den neuen Regeln zwar einen Schritt in Richtung mehr Struktur und Sicherheit gegangen. Es herrschte Verwirrung darum, was legal und was illegal ist, und ob EU-Recht über dem nationalen Gesetz steht. Mit dem Glücksspielvertrag 2021 gibt es eine bundesweite Regelung, die viele der Fragen eindeutig beantwortet und für mehr Klarheit und Sicherheit auf dem deutschen Glücksspielmarkt sorgt.

Ob die neuen Regeln greifen und Spieler vor den Gefahren einer Sucht beschützen, wird die Zeit zeigen. Kritiker bemängeln aber jetzt schon, dass die Regeln so streng sind, dass kein Spieler, der gefährdet ist, sich diesen Regularien freiwillig unterwirft und sich doch ein Anbieter im globalen World-Wide-Web sucht, wo alles erlaubt ist.

Eine EU-weite Regelung wäre daher der nächste Schritt, um der globalen Bewegung des Glücksspiels gerecht werden zu können. Nichtsdestotrotz hat sich in den letzten Jahren viel getan. Deutschland hat die Augen nicht vor der Realität verschlossen, sondern arbeitet mittlerweile aktiv daran, die Welt der Glücksspiele für Anbieter und Spieler:innen besser zu strukturieren. (dd)

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