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Spieler mit ausländischen Wurzeln

Was bedeuten die Lockerungen im Glücksspielstaatsvertrag?

Seit Jahren ringt Deutschland um die Regulierung des Glücksspielmarktes. Jüngst hat auch NRW seine Regeln justiert. Auf dem Papier steht Spielerschutz ganz oben - betroffen sind überdurchschnittlich oft Migranten, nicht selten angelockt von Streamern mit Migrationshintergrund.

Freitag, 18.03.2022, 0:47 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 02.11.2022, 10:58 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Das Glücksspiel ist umstritten. Fans wie seine Kritiker streiten seit jeher über die Vor- und Nachteile. Fakt ist: Glücksspiel erfreut sich in Deutschland und auf der ganzen Welt wachsenden Beliebtheit. Klar ist aber auch: Es muss klare Regelungen geben, um schwarze Schafe auf dem Markt zu eliminieren und die Menschen vor Betrug und vor Sucht zu schützen. Dies gelingt meist unterschiedlich erfolgreich. Insbesondere bei Menschen mit unzureichenden Sprachkenntnissen greifen die Schutzmechanismen – das zeigen Studien – weniger.

Für Nordrhein-Westfalen gibt es nun sogar spezielle Lockerungen im Glücksspielstaatsvertrag. Wie sehen diese aus? Und was bedeuten diese Änderungen für die Spieler? Ein Check:

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Neues NRW-Glücksspielgesetz trotz Oppositions-Kritik

Der Düsseldorfer Landtag hat im Februar 2022 ein neues Gesetz zur Regulierung der Online Casino-Spiele verabschiedet. Im Gesetz ist verankert, dass im Bundesland Nordrhein-Westfalen höchstens fünf Lizenzen an verschiedene Anbieter vergeben werden dürfen. Dabei geht es allerdings nicht um staatliche Konzessionen.

Das Gesetz ging mit der Mehrheit der Stimmen aus CDU- und FDP-Fraktion durch den Landtag. SPD und Grüne stimmten dagegen, die AfD hatte sich enthalten. Die Opposition befand, dass Spielerschutz und Suchtprävention bei dieser Novelle vernachlässigt werden würden.

Die Landesregierung hielt dagegen, dass das Gesetz schließlich auch von der EU-Kommission notifiziert worden sei. Bedenken habe es nicht gegeben. Auch in den Landtagsausschüssen sei das Thema diskutiert worden und es sei zu keinerlei Beanstandungen gekommen.

Nicht alle Spiele fallen unter das neue Gesetz

Erst im Juli 2021 war der neue bundesweite Glücksspielstaatsvertrag in Kraft getreten und verhalf den Online Casinos in Deutschland aus einer rechtlichen Grauzone heraus, wenn die neue deutsche Lizenz genutzt werden würde. Doch aufgrund der föderalistischen Struktur liegt die Ausgestaltung der Gesetzeslage bei den Bundesländern.

CDU und FDP aus Nordrhein-Westfalen betonten, dass man die Nachfrage kanalisieren und das Glücksspiel aus dem illegalen Markt herausholen müsse. Denn dann wäre auch eine angemessene Suchtprävention gewährleistet. Die Opposition wollte z.B. Online Promotions oder Boni begrenzen und damit die Lockangebote aussondern und das Spielen sicherer machen.

Laut dem neuen Gesetz fallen beispielsweise Roulette, Baccarat und Blackjack unter die neuen Regelungen – im Gegensatz zu den Spielautomaten und dem Online Poker. Neu ist auch die am Bruttospielertrag orientierte Casino-Steuer, die abgeführt werden muss. Die SPD möchte mit den Steuereinnahmen ein unabhängiges Institut zur Erforschung der Glücksspielsucht finanzieren.

Die Konzessionen für die Online Casinos sollen nun in einem transparenten Verfahren für zehn Jahre vergeben werden. An den Spielen dürfen nur User teilnehmen, die in Nordrhein-Westfalen wohnen oder sich gewöhnlich im Bundesland aufhalten.

Wie es zum Casino-Boom in Deutschland gekommen ist

Das Glücksspiel ist im Grunde so alt wie die Menschheit selbst. Deshalb wird man das Spielen weder verbieten noch verdrängen können. Doch mit dem Internet kam es tatsächlich zu einem regelrechten Boom in der Szene. Glücksspiel war noch nie so einfach. Man kann heute mobil von überall aus wetten oder die Walzen drehen, spielend leicht Zahlungen ausführen und findet im Netz ein riesiges Angebot an Spielen und Märkten.

Zudem ist mit dem Live-Streaming-Portal Twitch ein weiterer wichtiger Faktor hinzugekommen. Hier zeigen Casino-Streamer ihre stundenlange Sessions an den Automaten, virtuellen Spieltischen oder auch bei ihren E-Sports-Matches. Vor allem einige deutschsprachige Streamer wurden über Twitch mächtig erfolgreich und über die Streamer-Szene hinaus bekannt.

Einer der bekanntesten Casino-Streamer ist der Deutsch-Türke MontanaBlack, der eigentlich Marcel Eris heißt, Sohn einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters. MontanaBlack ist auf verschiedenen Plattformen unterwegs und beliefert seine riesige Fanbase immer wieder mit neuem Content.

Viele der Casino-Streamer haben einen Migrationshintergrund und locken damit auch ein spezielles Klientel vor die Bildschirme und in die Casinos. Die User kommen in Deutschland quasi aus allen Bevölkerungsschichten.

Studien zufolge haben nicht wenige Süchtige ausländische Wurzeln. Die Gründe sind vielfältig: Informationsangebote gegen Spielsucht sind oft in deutscher Sprache und werden von Personen ohne ausreichende Deutschkenntnisse nicht erreicht. Hinzu kommt: Migranten sind aufgrund diverser Faktoren benachteiligt und öfter arbeitslos. Das führt zur Langeweile und Perspektivlosigkeit. Menschen in diesen Situationen sind Versprechen von schnellem Geldgewinn viel zugänglicher als Menschen, die arbeiten und dank regelmäßiger Einkommen finanziell solide aufgestellt sind.

Chancen und Risiken für Spieler und Anbieter

Grundsätzlich werden klar definierte Regeln zum Glücksspiel begrüßt. Denn niemand möchte auf schwarze Schafe in der Branche hereinfallen oder sein Geld in unsicheren Händen wissen.

Allerdings gehen mit dem neuen Gesetz auch einige Restriktionen einher. Demnach können Anbieter nicht alle Spiele in ihr Programm nehmen. Auch bei den Themen Limits und Jackpots gibt es deutliche Einschnitte. Dies sorgte in einschlägigen Casino-Foren bei zahlreichen Menschen bereits für eine Menge Unmut. Das könnte am Ende dann doch wieder dazu führen, dass die User sich nicht für ein reguliertes Angebot entscheiden, sondern in den Weiten des Internets doch wieder auf einem der Angebote landen, die wenig oder gar nicht reguliert im Sinne des Spielerschutzes sind. (dd)

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