Venezuela, Flagge, Fahne, Mast, Staat, Land
Die venezuelanische Flagge © anyulled @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Venzuela

Mit Krypto in der Tasche auf der Flucht

Lateinamerika erlebt seit Jahren eine ihrer größten Finanzkrise. Das hat Millionen Menschen in die Flucht geschlagen. Man spricht von der größten Flüchtlingskrise der jüngeren Geschichte. Beobachtungen zeigen, dass in diesen Regionen Kryptowährungen immer beliebter werden.

Sonntag, 09.01.2022, 0:13 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 01.02.2022, 5:52 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Millionen Venezolaner haben bereits ihr Land verlassen oder werden das noch tun. Bis Ende 2020 waren es mehr als 5,4 Millionen Venezolaner, Schätzung gehen von bis zu 20 Prozent der Bevölkerung aus. Die meisten halten sich in einem lateinamerikanischen Land auf, vor allem in Kolumbien. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) spricht von der größten Flüchtlingskrise in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas. „Wir haben keine Kontrolle mehr“, so ein UN-Vertreter.

Doch die Flucht ist gefährlich und kostet Geld. Seit Venezuela in einer schweren ökonomischen und politischen Krise steckt, mangelt es den Menschen allerdings vor allem an Geld. An den Grenzübertritten zu den Nachbarländern kontrollieren bewaffnete Banden die Wege. Sie verlangen Geld, sind gewalttätig und schrecken auch vor sexueller Gewalt nicht zurück.

___STEADY_PAYWALL___

Flucht oft einziger Ausweg

Dennoch bleibt den Menschen oft nichts anders übrig, als die gefährliche Flucht auf sich zu nehmen. Der Unicef zufolge fehlt es Hunderttausenden venezolanischer Flüchtlingskinder am nötigsten. Und die Zahl werde weiter ansteigen. Sie haben keinen Schutz, kein Essen, keine Gesundheitsversorgung und keine Bildung. Die Unicef sieht die internationale Staatengemeinschaft in der Pflicht, den Menschen zu helfen. Insbesondere allein reisende Kinder, Schwangere, stillende Mütter und Ureinwohner seien einem besonderen Risiko ausgesetzt.

Den Menschen fehlt es oft überlebenswichtigen Gütern. Diabetiker beispielsweise brauchen täglich Insulin. In Venezuela kann man das Mittel nicht einmal auf dem Schwarzmarkt kaufen. Ähnlich ergeht es vielen Menschen, die Medikamente brauchen, es aber nicht besorgen können – selbst wenn sie Geld hätten. Deshalb flüchten viele auch, weil sie medizinische Hilfe brauchen. Internationalen Hilfsorganisationen zufolge ist das staatliche Gesundheitswesen in Venezuela komplett zusammengebrochen. Immer wieder kommt es auch zu langanhaltenden Stromausfällen. Einziger Ausweg sind die kolumbianischen Gesundheitsstützpunkte. Dort werden die Menschen umsonst versorgt.

Digitale Währung gegen die Inflation

Das ist auch erforderlich. Denn die eigentliche venezolanische Währung „Bolívar“ verlor im Zuge der Wirtschaftskrise sehr viel an Wert – so lange, bis das Geld kaum mehr etwas wert war. Mangels Kaufkraft herrscht in Venezuela eine akute Versorgungskrise. Es fehlt vor allem an Medikamenten und Lebensmittel.

Um der Wirtschaftskrise Herr zu werden hat Venezuela deshalb eine neue Währung in Umlauf gebracht, die „Petro“ – eine digitale Währung. Damit war Venezuela weltweit das erste und einzige Land, das eine eigene Kryptowährung hatte. Abgesichert wurde die „Petro“ mit nationalen Bodenschätzen. Ziel der Regierung war es 100 Millionen Petro auf den Markt zu bringen. Außerdem sollten mit der digitalen Kryptowährung die US-Wirtschaftssanktionen umgangen werden. Soweit der Plan. Experten von Profit Builder bescheinigen jedoch, dass „Petro“ in der Praxis nicht den gewünschten Erfolg hatte.

Fader Beigeschmack

Weltweit gibt es über Hunderte digitale Währungen. Die wohl bekannteste und am meisten verbreitete ist Bitcoin, das etwa die Hälfte des Krypto-Kapitals weltweit umfasst. So erfolgreich Kryptowährungen auch sind, es bleibt ein fader Beigeschmack. Bitcoin und Co. stehen Verdacht, vor allem bei Kriminellen beliebt zu sein, weil sich dank der digitalen Verschlüsselung Geld weltweit und anonym verschieben lässt. Es gibt allerdings auch Geldwäsche-Experten, die keine großen Unterschiede zu klassischen Banknoten sehen. Was damit bezahlt werde, hänge nicht von der Währung ab, sondern vom Käufer und Verkäufer.

In einer Boomphase Mitte 2018 kostete ein Bitcoin einmal über 10.000 Euro. Die sogenannte Kryptowährung, erlebte zu dieser Zeit ein allgemeines Hoch, wovon sich die venezolanische Regierung offenbar beeindrucken ließ. Für Kryptowährungen werden keine Banknoten gedruckt und können nur im Internet eingesetzt werden.

Alternative zur labilen Landeswährung

Das Geheimnis der Kryptowährung ist die komplizierte Verschlüsselung der Datenbanken. Dort werden alle Transaktionen der jeweiligen Kryptowährungen erfasst. Die Systeme sind so konzipiert, dass keine Fälschungen hereinkommen. Zugleich wird bewacht, dass die Währung, beispielsweise ein Bitcoin, nicht zur selben Zeit doppelt ausgegeben werden kann. So lassen sich praktisch von jedem Computer der Welt Beträge komplett anonym und vorbei an klassischen Banken überweisen.

Und noch einen entscheidenden Vorteil bieten Kryptowährungen. Sie sorgen in Krisenzeiten für eine echte Alternative zur labilen Landeswährung, die schnell mal sein Wert verlieren kann. Das haben Experten bereits in Griechenland beobachtet, wo auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, als die Banken geschlossen waren, die Menschen verstärkt zu Kryptowährung-Transaktionen gegriffen haben. Auch für Flüchtlinge bietet die neue Währung viele Vorteile – vor allem auf der Flucht. Das Geld ist sicher vor Raub und kann grenzübergreifend eingesetzt und verschickt werden. (dd)

Ausland
Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)