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Geldautomat © Peggy_Marco @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Geldtransfer in die Heimat

El Salvador und der Bitcoin: Geht der Plan wirklich auf?

Kryptowährungen werden für Menschen, die im Ausland arbeiten und regelmäßig Geld in die Heimat zu Familienmitgliedern überweisen, immer beliebter. Die Überweisungskosten sind deutlich geringer als beim Echtgeldtransfer.

Sonntag, 17.10.2021, 0:04 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 20.10.2021, 13:08 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Der Bitcoin hat eine bewegte, aber nur kurze Vergangenheit. Nachdem der Hype um die Kryptowährungen vor einigen Jahren so langsam an Fahrt aufgenommen hatte, kristallisierte sich der Bitcoin schnell als Leittier der Bewegung heraus. Doch die aktuell große Konkurrenz der sogenannten Altcoins bremsen den Bitcoin aus. Vor allem kleinere digitale Währungen, etwa den Dogecoin kaufen mittlerweile immer mehr Anleger, da sie nicht mehr an einen weiteren Anstieg des Bitcoins glauben. Deshalb gewinnen diese kleineren digitalen Coins immer weiter an Beliebtheit bei den Investoren.

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Dass Kryptowährungen allerdings ein Teil der Zukunft sein werden, da sind sich die meisten Experten einig. Kein Wunder also, dass irgendwann das kommen musste, was früher oder später sowieso geschehen wäre. Als erstes Land weltweit machte El Salvador den Bitcoin zu einer offiziellen, nationalen Währung. Doch welche Pläne verfolgt das Land damit und wie erfolgreich war der Wechsel zu Bitcoin bisher?

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Wie wurde der Bitcoin zur Landeswährung?

Eigentlich sollte der Bitcoin genau das Gegenteil einer nationalen Währung darstellen. Durch seine dezentrale Lage wäre der Bitcoin nicht durch eine Staatsmacht zu kontrollieren, hieß es lange. Es ist also leicht verwunderlich, dass es die Kryptowährung dann doch zur offiziellen Währung eines Landes geschafft hat.

Zugegeben, El Salvador wird wohl nicht dazu in der Lage sein, den bekanntesten Coin der Krypto Szene steuern zu können. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von ca. 24 Milliarden Dollar ist das Land wirtschaftlich stark abgehängt. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt das jährliche Bruttoinlandsprodukt in etwa 3,8 Billionen US-Dollar (Stand jeweils 2020).

Doch wieso entscheidet sich ein ohnehin schon armes Land für die Einführung einer eher instabilen Kryptowährung? El Salvador nutzt schon seit 2001 den US-Dollar als offizielle Landeswährung. Dadurch war das Land also bereits vor dem Bitcoin von einer fremden Währung abhängig. Außerdem besteht ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes aus Überweisungen aus dem Ausland.

Überweisungsgebühren der angebliche Grund

Etwa sechs Millionen Menschen leben in El Salvador. Darüber hinaus arbeiten allerdings über zwei Millionen El-Salvadorianer im Ausland, welche ihren Familien regelmäßig Geld senden. Diese Überweisungen machen ganze 20 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts von El Salvador aus.

Der Zugang zu Finanzdienstleistungen im eigenen Land ist allerdings schwer, die Hürden teilweise riesig. So kommt es häufig zu hohen Gebühren bei der Überweisung. Durch den Bitcoin sei es viel einfacher möglich, das Geld in ein anderes Land zu transferieren.

Kritiker schlagen Alarm

Der Bitcoin ist in seinem Wert sehr instabil. Ein Blick auf die Kurve seines Wertes sollte jedem Laien klarmachen, dass er als offizielle Landeswährung eher wenig geeignet ist. In nur wenigen Wochen kann es zu Kursschwankungen von über 35 Prozent kommen.

Bei monatlicher Auszahlung des Lohns und gleichbleibenden Mieten haben vor allem die Bürger des Landes das Nachsehen. Ob die eingesparten Gebühren bei den Überweisungen diesen Umstand wieder wettmachen können?

Unbestritten bleibt natürlich die Tatsache, dass es auch einen großen Vorteil für die Bevölkerung El-Salvadors geben kann. Denn wenn der Coin weiter steigt wäre das ein deutliches Plus für die nationale Wirtschaft, die Menschen hätten vergleichsweise mehr Geld zur Verfügung.

Wenn die Kryptowährung allerdings einbricht, wird das ohnehin schon arme Land weiter zerfallen. Wer einen ganzen Monat arbeitet, nur um am letzten Arbeitstags einen starken Kursfall des Bitcoins zu beobachten, der wird sicherlich stark frustriert sein. Im Falle eines starken Abfalls des Kurses muss mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen gerechnet werden.

Ein schwerer Vorwurf ist auch die geringe Transparenz, die während dem Entschluss zum neuen Gesetz herrschte. Innerhalb von nur drei Monaten wurde das Gesetz im Eilverfahren beschlossen, warum dies so schnell ging, weiß wohl nur der Präsident des Landes selbst.

Bevölkerung lehnte Einführung als Landeswährung ab

Dass es durchaus zu einem solchen Szenario kommen kann, zeigten die Straßenproteste, die nach der Einführung des Bitcoins als offizielle Währung landesweit stattfanden. Es ging sogar so weit, dass einzelne Bitcoin-Automaten in Flammen aufgingen.  Auch die Umfragen sprechen für sich. Über 70 Prozent der Einwohner von El-Salvador lehnen das neue Gesetz zum Bitcoin ab.

Überzeugungsarbeit für den Bitcoin soll ein Bonus in Höhe von 30 US-Dollar leisten. Die umgerechnet ca. 25 Euro erhält jeder Bürger des Landes, wenn er sich die Wallet-App “Chivo” downloadet. Diese digitale Geldbörse soll künftig den Zahlungsverkehr innerhalb des Landes vereinfachen. Unter anderem sollen über 200 Automaten aufgestellt werden, die Chivo unterstützen und den Bitcoin in die Landeswährung (US-Dollar) umtauschen sollen.

Außerdem werde bei dem Tausch und Handel mit Bitcoins keine Kapitalertragsteuer erhoben. Wie hoch der Wechselkurs in die bisher einzige Landeswährung, dem US-Dollar ausfällt, soll der freie Markt entscheiden und regulieren können.

Akzeptanz steigt von Tag zu Tag

Etwa einen Monat nach der Einführung des Bitcoins als nationale Währung lassen sich allerdings schon die ersten Erfolge vermelden. Laut dem Präsidenten von El-Salvador, Nayib Bukele, seien nach 30 Tagen bereits mehr Chivo-Nutzer als Bankkonten im Land registriert.

Diese Zahl bestärkte eines seiner größten Argumente. Denn schon vor einigen Jahren sprach er über die vergleichsweise geringe Quote jener, die ein eigenes Bankkonto besitzen. 2017 hatten laut seiner Aussage nicht einmal 30 Prozent der Einwohner El-Salvadors ein eigenes Konto bei einer Bank.

Die mittlerweile drei Millionen Downloads der Chivo-Wallet sprechen hierbei klar für den Bitcoin. Denn obwohl nicht jeder ein Bankkonto besitzt, sind Smartphones auch in El-Salvador weit verbreitet. Der einfache Download war wohl für viele Menschen ein Anreiz zum Erstellen eines Chivo-Kontos.

Bringt der Bitcoin wirtschaftliche Stabilität?

Die Politik hierzulande wäre wohl niemals auf die Idee gekommen, Bitcoin als offizielle Landeswährung anzuerkennen. Viel zu groß sind die Risiken, die Kryptowährungen mit sich bringen. Seien es die immer wiederkehrenden Kursschwankungen oder die Angriffe von Hackern, die auch vor Bitcoin keinen Halt machen.

Dass der Bitcoin nicht als Landeswährung geeignet ist, da sind sich die meisten Experten einig. Warum Nayib Bukele die Kryptowährung unbedingt als Währung etablieren wollte, steht in den Sternen. Viele vermuten, dass ganz andere Interessen hinter diese Maßnahme stecken, als das Leben der Einwohner zu verbessern.

Vor allem die Zentralisierung auf die digitale Geldbörse Chivo ist für viele ein Dorn im Auge. Ob die Regierung mit dieser Dienstleistung mitverdient, ist nicht geklärt. Es bleibt also auf jeden Fall spannend, die weitere Entwicklung von Bitcoin in El-Salvador zu beobachten. Vielleicht war es nur eins von vielen Ländern, in denen die Kryptowährung künftig zur nationalen Zahlungsmethode avanciert.

Wirtschaft
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