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Maschendrahtzaun, Abschiebung, Gefängnis, Grenze
Maschendrahtzaun © Free-Photos @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Studie

Flüchtlingsheime wie Hochsicherheitsgefängnisse für Schwerverbrecher

Das Leben von Asylsuchenden in deutschen Flüchtlingsunterkünften gleicht dem eines Schwerverbrechers in einem Hochsicherheitsgefängnis. Das geht aus Interviews hervor, die Wissenschaftler der Uni-Kiel mit Geflüchteten für eine Studie geführt haben.

Freitag, 03.09.2021, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 02.09.2021, 15:01 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Geflüchtete leiden bei ihrem Aufenthalt in deutschen Flüchtlingsunterkünften einer Studie der Universität Kiel zufolge unter Rassismus, Lärmbelastung, mangelhafter medizinischer Versorgung und fehlender Privatsphäre. Das geht aus 16 Interviews hervor, die der Politikwissenschaftler Nikolai Huke mit Geflüchteten in Erstaufnahmeeinrichtungen in Bremen, Hessen, Hamburg, Thüringen, Bayern und Brandenburg geführt hat. Seine Forschungsergebnisse wurden am Donnerstag von Pro Asyl veröffentlicht.

„Die Interviews zeigen grundsätzliche Probleme des Unterbringungssystems auf“, sagte Huke, der die Gespräche mit den Geflüchteten zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 führte. Ein Interviewpartner berichtet in der Studie, dass die Menschen „nah am Verrücktwerden“ seien, weil kaum Ruhe in den Einrichtungen herrsche. „Das heißt, du kriegst alles mit, was in deiner Nachbarschaft passiert. Kinder schreien, Familien telefonieren sehr laut, hören Musik. Das ist furchteinflößend. Und deshalb werden auch viele psychisch krank“, so das Zitat.

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„Abgeschnitten von der Außenwelt“

Die Sammelunterkünfte, so sagt ein anderer Asylsuchender, seien „wie ein Gefängnis“. Man lebe „abgeschnitten von der Außenwelt“. In mehreren Interviews wird von gewaltsamen Konflikten mit Security-Personal oder der Polizei berichtet. Da die Zimmer in Erstaufnahmeeinrichtungen oft nicht abzuschließen sind, habe sie nachts „den Schrank vor die Tür gestellt, weil ich Angst hatte“, erzählte eine Frau.

Zahlreiche Passagen aus den Interviews, die die Zustände in den Asylunterkünften beschreiben, sind verstörend – als stammten sie nicht von unschuldigen, schutzsuchenden Menschen in deutschen Asylbewerberunterkünften, sondern von Schwerverbrechern in Hochsicherheitsgefängnissen aus einem Science-Fiction-Film. Ein paar Beispiele:

„Wie in einer Zelle“

„Das kam mir wie eine Haftanstalt vor, als ob ich in einer Zelle bin.“

„Sie wollten dir nicht zuhören. Es interessiert sie nicht, dir zuzuhören. Was sie wollen, ist dass du Deutschland verlässt.“

„Die einzigen Fenster, die es gibt, sind im Flur. Sie sind mit Sicherheitsschlössern verschlossen, wenn du sie anfasst, geht der Alarm los.“

„Es hat drei oder vier Monate gedauert, bis ich einen Termin bei einem Facharzt bekommen habe. Ich konnte nicht laufen. Und es tat sehr weh.“

„Sie [die Securities] kommen grundlos in die Zimmer, weil die Türen keine Schlüssel haben, egal ob jemand nackt ist, sex hat, kommen sie rein…“

„Sie haben gesagt, dass zwei Leute auf meiner Etage Corona haben, aber sie haben keine Maßnahmen ergriffen…“

„Sie haben diese Zettel [mit Hygienehinweisen] überall an die Wände im Camp gehängt, aber dann gibt es keine Desinfektionsmittel.“

Eine üble Zumutung

Die Corona-Pandemie verschärfte die Situation nach Hukes Analysen weiter. Wegen räumlicher Enge und fehlender Möglichkeiten sozialer Distanzierung wurden die Unterkünfte oft zu Hotspots eines dynamischen Infektionsgeschehens. Mehrbettzimmer und Gemeinschaftsräume wie Speisesäle und sanitäre Einrichtungen erschwerten den Infektionsschutz.

Die Studie zeige, dass die Bedingungen in Flüchtlingsunterkünften für die Bewohnerinnen und Bewohner „eine üble Zumutung und für ihre gesellschaftliche Partizipation kontraproduktiv sind“, betonte Andrea Kothen von Pro Asyl. Die Ergebnisse bestätigten einmal mehr, dass die Lager abgeschafft gehörten. (epd/mig)

Leitartikel Panorama
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