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Medikamente (Symbolfoto) © stevepb @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Migration und Gesundheit

Psychische Erkrankungen von Migranten nehmen zu

Das Krankheitsbild von Menschen mit Migrationshintergrund unterscheidet sich von den Einheimischen, wie Auswertungen zeigen. Insbesondere Menschen mit Fluchtgeschichte sind viel häufiger psychisch krank.

Samstag, 10.07.2021, 0:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 12.07.2021, 15:45 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Bislang gibt es für eine gesicherte Datenlage zu Migranten in Deutschland und ihrer Gesundheit noch Verbesserungspotenzial. Dennoch haben das Robert Koch-Institut oder das Auswärtige Amt zahlreiche Informationen zusammengetragen, welche Krankheitsbilder bei Migranten häufig in den verschiedenen Stadien ihrer Migration auftreten können. Dabei wird deutlich, dass vor allem psychische Erkrankungen äußerst weitverbreitet sind.

Die Ursachen für Migrationen liegen häufig in den unzumutbaren Lebensumständen im Ursprungsland. Viele Migranten erfahren nicht nur Verletzung der Menschenrechte (Gewalt oder Folter), sondern fliehen auch vor klimatischen Veränderungen und damit einhergehender fehlender Lebensgrundlage.

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Sind Migranten von Gewalt oder Folter sowie Verfolgung betroffen, leiten sie häufig unter Traumata und Angstzuständen. Machen sie sich dann auf die Reise nach Deutschland oder in andere Migrationsländer, können durch die Strapazen weitere Krankheitsbilder hinzukommen. Unterernährung, Erschöpfung, gebrochene oder geteerte Gliedmaßen – nur einige der möglichen gesundheitlichen Folgen, die durch die beschwerlichen Migrationsweise auftreten können.

Kommt es zusätzlich zu Folterungen oder anderen Bedrohungen in dem vermeintlich sicheren Migrationsland oder Aufnahmecamp (wie beispielsweise in Bulgarien), kann dies zu noch schwerwiegenderen psychischen und körperlichen Belastungen führen.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen nach Ankunft im „gelobten Land“

Kommen Migranten in Deutschland an, werden sie oft gesundheitliche versorgt. Doch das ungewohnte Lebensumfeld und der häufig so gänzlich andere Alltag machen sich auch körperlich bei vielen Migranten bemerkbar. Durch die neuen Nahrungsmittel und Nahrungsgewohnheiten neigen einige Migranten zur raschen Gewichtszunahme, was häufig mit weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen einhergeht. Die Folge: Wassereinlagerungen oder Diabetes infolge von Übergewicht. Helfen können dabei Ernährungsberatung und Sport, in einigen Fällen auch medikamentöse Unterstützung durch schulmedizinische Präparate.

In einem Gesundheitsbericht des Robert Koch-Institutes in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt wird deutlich, dass vor allem jüngere Migranten eine Tendenz zu Adipositas aufweisen. Für die Datenerhebungen wurden die Jahre 1999, 2003 und 2005 miteinander verglichen. Hierbei zeigte sich durch die Auswertung des RKI, dass auch nicht-deutsche Frauen deutlich von dem höheren BMI betroffen sind, teilweise sogar zu starkem Übergewicht neigen. Ab einem Alter von 40 Jahren weisen nicht-deutsche Frauen sogar eine höhere Adipositasprävalenz auf, wenngleich sich dieser Eindruck in der Altersgruppe der nicht-deutschen Frauen über 75 Jahren neutralisiert.

Psychische Erkrankungen bei Migranten weit verbreitet

Deutlich häufiger als die Gewichtszunahme sind allerdings Leiden, die auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich sind: die psychischen Erkrankungen der Migranten. Vor allem junge Migranten sind psychisch äußerst anfällig. Sie müssen in ihren jungen Seelen bereits Erlebnisse verarbeiten, welche so mancher Erwachsener noch nie in seinem Leben gesehen hat oder sehen wird. Enorme Armut, rohe Gewalt, Krieg, Zerstörung – diese Eindrücke können junge Migranten ohne entsprechend geschulte Unterstützung häufig gar nicht oder nur schwer verarbeiten.

Zusätzliche psychische Belastungsfaktoren gibt es auch nach der Migration, wenn sich die Jungen in ihrer neuen Heimat zurechtfinden müssen. Völlig ohne Wurzeln und ohne Gewissheit, wie es in Zukunft weitergeht – diese Situation bereitet der Psyche häufig Probleme und zeigt sich beispielsweise in Aggression, Kriminalität oder Angstzuständen.

Die deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zeigt, dass bestätigt diesen Trend bei Migranten. Am Symposium „Psychisch krank durch Migration? Perspektiven der Migrationspsychiatrie in Deutschland“ 2016 veröffentlichte die Gesellschaft eine Studie, die zeigt, dass viele Migranten aufgrund ihrer psychischen Belastungen oftmals arbeitsunfähig sind und immer häufiger Frührente beantragen. Zur Steigerung der psychischen Belastung tragen aber auch fehlende Informationsangebote zu Hilfsmaßnahmen bei, die zusätzlich mit Frustration durch Arbeitslosigkeit, Heimweh oder andere Faktoren zu einer noch höheren psychosomatischen Belastung führen.

Heimweh – wenn die Sehnsucht krank macht

Heimweh ist eine nicht zu unterschätzende Form der psychischen Störung. Migranten machen sich häufig allein auf den Weg oder lassen sogar ihre Kinder zurück, um sie später bei einem sicheren Lebensumfeld nachzuholen.

Der psychische Druck und die Belastung durch Schuldgefühle, Angst und Ungewissheit zu den Hinterbliebenen ist enorm. Manchmal dauert es Monate oder sogar Jahre, bis eine Familienzusammenführung möglich ist oder ein Lebenszeichen durch die Hinterbliebenen gegeben werden kann. Solche Angstzustände und Sorgen können lähmen, zu Depressionen führen und die suizidalen Gedanken verstärken. Auch Hürden für den Familiennachzug und lange Bearbeitungszeiten gepaart mit der Ungewissheit der Angst vor Bedrohungen der Familien im Ursprungsland tragen zu einer beschwerten Psyche bei.

Suizidgedanken bei Migranten besonders hoch

Eine Studie brachte Besorgniserregendes zutage: Die Suizidabsichten vor allem unter türkischen Jugendlichen ist im Vergleich zu Gleichaltrigen um 50 % höher. In dieser Studie wurde ebenfalls öffentlich, dass auch ältere Türken mit Migrationshintergrund an gesundheitlichen Folgen leiden, meist an Kopfschmerzen oder Magenerkrankungen. Ursächlich dafür sehen Mediziner vor allem die enormen physischen Beschwerden, welchen sie ausgesetzt sind. Die Studie zeigte auch, dass bestimmte Migrationsgruppen dem Alkohol zugetan sind (vor allem die Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion).

Vergessene Krankheiten auf dem Vormarsch?

Während in Deutschland und anderen Ländern bestimmte Krankheiten längst ausgestorben schienen, werden sie nun durch Migranten wieder aktiviert. Studien zeigen, dass Migranten aus dem asiatischen Raum verschiedene Krankheiten in den europäischen Raum mitbringen. Hierzu zählen beispielsweise Malaria, Lungentuberkulose, Anämien oder Ascariasis.

Tuberkulose ist besonders weitverbreitet, wie aktuelle Zahlen des Robert Koch-Institutes zeigen. Die Zahlen haben sich in den letzten Jahren vervielfacht. 2015 gab es beispielsweise einen Zuwachs von 29 %, die viele Experten auf die Migrationswelle aus dem Jahr 2014/2015 zurückführen. Besonders auffällig: Das Gros der Erkrankungen war durch Migranten aus Eritrea, Syrien, Afghanistan, Pakistan sowie Somalia zurückzuführen.

Auffällig bei Migranten, die aus ihrem Ursprungsland geflüchtet sind, sind ebenso entzündliche Krankheiten aufgrund mangelnder Hygiene. So zeigen sich häufig Abszesse, Entzündungen im Mundraum, in den Ohren oder den Augen. Ebenso häufig sind Erkrankungen der Extremitäten (beispielsweise durch Brüche oder Versteigerungen), welche beispielsweise auf der Flucht oder durch Misshandlungen im Ursprungsland zugeführt worden. Abhängig vom Entzündungs-/Krankheitsstatus kann die Behandlung langwierig werden. (dd)

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