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Handy © Sascha Kohlmann @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Asylunterkunft

Der Kampf gegen die Langeweile

Wer nach Deutschland geflüchtet ist, ist noch lange nicht am Ziel, wenn er deutschen Boden betritt. Dann geht die bürokratische Tortur los. Während des langen Wartens dürfen die Menschen nicht arbeiten - die größte Herausforderung.

Mittwoch, 02.06.2021, 0:29 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 02.06.2021, 16:01 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Vor einem Jahr ist Mahmood (Name geändert) aus Syrien nach Deutschland gekommen. Sein Weg führte über die Türkei und Griechenland nach Deutschland. „Ich wollte einfach nur noch weg, egal wie weit und wohin“, erklärt Mahmood heute. Seine Fluchtgründe, eine Mischung aus Armut und Perspektivlosigkeit. Er habe einfach keine Zukunftschancen gesehen in seiner Heimat, sagt der 26-Jährige. Er geriet zwischen die Fronten sich bekämpfender Gruppen. „Ich sah keinen Ausweg mehr, entweder ich hätte für eine Seite kämpfen oder fliehen müssen“, sagt Mahmood.

Seine Hoffnung, in Deutschland ein besseres Leben zu finden, lösten sich binnen weniger Monate in Luft auf. Nach seinem Antrag auf Asyl wurde er bei in Niedersachsen in einer Unterkunft für Geflüchtete untergebracht. Er schloss Freundschaften mit anderen Geflüchteten, die schon viel länger in Deutschland sind. Geflüchtete müssen teilweise viele Monate warten, ehe ihr Verfahren abgeschlossen ist. Eine lange Zeit, zu lange für junge Männer, die voller Tatendrang und Hoffnung sich auf die Suche nach einem besseren Leben gemacht haben.

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Langeweile und Frust

Bei einigen in der Unterkunft ist das Verfahren bereits abgeschlossen. Sie haben einen negativen Bescheid erhalten und kämpfen jetzt vor Gericht um einen Asylstatus. Die Chancen stehen nicht schlecht. Nicht wenige Gerichtsverfahren enden in Deutschland zugunsten der Schutzsuchenden. Die Gründe sind vielfältig: Zum einen sind die Behörden sehr restriktiv in ihren Entscheidungen, zum anderen werden aufgrund der hohen Anzahl an Anträgen in den vergangenen Jahren oft nur oberflächlich geprüft. Nur eins steht fest: Gerichtsverfahren dauern aufgrund der hohen Belastung der Gerichte mehrere Monate. Die Corona-Pandemie hat die Situation in den Gerichten zusätzlich verschärft.

„Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Zeit totzuschlagen“, erklärt Mahmood. Tatsächlich ist der Alltag der meisten jungen Männer in Aufnahmeeinrichtungen geprägt von Langeweile und Frust. Durch den Corona-Lockdown seit nunmehr über einem Jahr ist die Situation noch unerträglicher geworden: die ohnehin mangelnden Kontaktbeschränkungen wurde noch einmal verschärft. Dabei ist Infektionsschutz in den zumeist beengten Unterkünften ohnehin kaum möglich. Die meisten Menschen sind gezwungen, Räume und sanitäre Anlagen gemeinsam zu benutzen.

Und was macht man, in so einer Situation? Die meisten sind auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Ideal wäre ein Arbeitsplatz, berichten die meisten in der Unterkunft. Solange das Asylverfahren läuft, dürfen sie aber nicht arbeiten. Sie bekommen keine Arbeitserlaubnis.

Virtuelle Abwechslung

„Deshalb spielen wir. Wir spielen Karten oder irgendwelche Spiele am Handy“, berichtet Mahmood. Sein Zimmerfreund zeigt auf sein Handybildschirm. Darauf ist in großen Lettern „bitcasino“ zu lesen. Ab und zu treffen sich die Mahmood und seine Freunde am virtuellen Raum – obwohl sie im selben Raum sitzen. „Der Spaß ist dann groß“, erklären sie und ergänzen: „Wir passen aber auch aufeinander auf, dass wir uns nicht verzocken. Denn man spielt hier mit Bitcoins, echtes Geld also“. In der gemeinsamen Runde spielen dann oft nur mit kleinen Einsätzen, um irgendwelche Wetten. Geld ist ohnehin knapp. Der Verlierer muss dann dämliche Handlungen vornehmen. Das trägt oft zur allgemeinen Belustigung bei. „Wir sind froh um jeden Lacher. Es gibt sonst nicht viel zu lachen für die meisten hier“, sagt Mahmood.

Die meisten jungen Erwachsenen in der Unterkunft haben auf der Flucht oder in der Heimat Schlimmes erlebt und müssen die traumatischen Erlebnisse verarbeiten. Professionelle Hilfe gibt es keine. Deshalb erzählen sie ihre Geschichten untereinander und spenden sich gegenseitig Trost. Es kommt aber auch oft zu Streit unter den Bewohnern in der Unterkunft. „Viele hier sind einfach gereizt vom Warten, von der Angst, abgeschoben zu werden“, weiß Mahmood zu berichten. Viele machen sich auch einfach nur Sorgen um ihre Familien, die sie in der Heimat zurücklassen mussten. „Es ist nicht einfach“, sagt Mahmood mit nachdenklicher Stimme und leerem Blick. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis er Gewissheit über sein Verfahrensausgang hat. (dd)

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