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Spielhalle (Symbolfoto) © kaisender @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Problem im Schattendasein

Spielsucht bei Frauen und Minderheiten

Viele Deutsche spielen in ihrer Freizeit in Online-Casinos um echtes Geld. Doch für Viele wird das Spiel zum bitteren Ernst. Spielsucht ist ein ernstes Thema, das nur zu oft unter den Tisch gekehrt wird, ganz besonders, wenn Frauen oder Migranten betroffen sind.

Montag, 31.05.2021, 0:01 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 02.06.2021, 17:05 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Neuen Studien zufolge ist Glücksspiel keine Männer-Domäne mehr. Gerade bei Online Glücksspiel haben Frauen fast gleichgezogen, mit allen negativen Folgen. Das bald die ersten deutschen Online Casinos starten, die strenger reguliert sind als ausländische Konkurrenten und auch den Spielerschutz und die Spielsucht im Auge haben, hilft den Betroffenen wenig. Es ist einfach zu leicht, auf ein Casino ohne deutsche Lizenz auszuweichen, wo die Standards deutlich niedriger sind.

Traditionelle Geschlechterrollen beim Glücksspiel

Deutschland spielt leidenschaftlich gerne und das immer öfters auch um echtes Geld. Laut einer aktuellen Studie gibt es dabei größere Unterschiede im Spielverhalten zwischen Mann und Frau, zumindest was die traditionellen Formen von Glücksspiel betrifft. Spielhallen, Spielcasinos und Wettbüros sind in erster Linie eine Domäne der Männer. Hier halten soziale Barrieren viele Frauen davon ab das Glücksspielangebot zu nutzen. Auch Personen mit Migrationshintergrund ziehen es aufgrund mangelnden Sprachkenntnissen und sozialem Anschluss vor, nicht in Spielhäuser zu gehen.

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Bei Online Glücksspiel sieht die Lage aber deutlich anders aus. Besonders in Online Casinos scheinen Frauen und Migranten nachzuziehen. Hier nähert sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und Communities rasant. Wie in vielen anderen Bereichen auch agiert hier das Internet quasi als Gleichmacher. Frauen und Migranten können hier praktisch anonym und damit ohne Furcht vor sozialen Ausgrenzung Angebote nutzen, welche früher vor allem Männer vorbehalten waren – dies gilt insbesondere für Einwanderer, in deren Kulturen Glücksspiele verpönt oder aus religiösen Gründen sogar verboten sind.

Spielt man in einem Online Casino ohne Lizenz, so hat man die Spielautomaten und Spieltische ganz für sich alleine. Frauen und Migranten, die nie geträumt hätten, ein schickes Casino zu besuchen, können hier „in alle Ruhe“ Online-Spielautomaten, Bingo oder Roulette spielen. Und immer mehr Frauen und Migranten aller Altersschichten machen von diesen Angeboten auch Gebrauch. Dabei gibt es aber durchaus Unterschiede zwischen den Geschlechtern und Communities, warum überhaupt gespielt wird.

Unterschiedliche Spielmotivationen

Experten weisen auf Unterschiede in den Beweggründen hin, welche Frauen und Migranten sogar zum Glücksspiel in Online-Casinos ohne Limit verleiten. Während Männer vor allem mit den Versprechen von Nervenkitzel und dem großen Gewinn angelockt werden, spielen Frauen öfters einfach um den stressigen Alltag für ein paar Momente entfliehen zu können. Bei Migranten kommen oft viele weitere Gründe hinzu: Perspektivlosigkeit etwa, wenn sie nur eine Duldung haben und keine Arbeitserlaubnis.

Für viele Spieler ist Glücksspiel eine fast meditative Tätigkeit, bei der sie einfach abschalten können. Während man vor dem Computer sitzt und die Walzen bei einem Spielautomaten drehen lässt, treten die Probleme des alltäglichen Lebens in den Hintergrund. Dieser Realitätsflucht kann allerdings genauso süchtig machen und gerade bei Echtgeld Glücksspiel zudem größere finanzielle Verluste verursachen. Spielsucht bringt damit im Endeffekt für alle Spieler ähnlich schwere Probleme mit sich, dennoch sind diese Unterschiede bei der Motivation entscheidend, um die Betroffenen wirkungsvoll behandeln möchte.

Behandlung von Spielsucht

Wie in so vielen anderen Bereichen sind Frauen und Migranten bei der Behandlung von Spielsucht unterrepräsentiert und womöglich auch missverstanden. In der Vergangenheit wurde ein problematisches Spielverhalten vor allem aus dem Blickwinkel eines deutschen Mannes betrachtet. Da die Betroffenen hier aber nicht zwingend aus denselben Gründen spielen und zudem auch ein anderes Suchtverhalten aufweisen können, ist dieses Vorgehen nicht unbedingt zielführend und mitunter sogar kontraproduktiv.

Tatsächlich gibt es immer öfters Aufrufe, das Problem von Spielsucht bei Frauen und Minderheitengruppen getrennt zu analysieren. Aus einer britischen Studie aus dem Jahr 2018 geht zum Beispiel hervor, dass etwa 0,3 Prozent aller Frauen wegen Spielsucht in Behandlung sind oder waren, im Vergleich zu 0,8 Prozent der Männer. In dieser Studie wurde aber angemerkt, dass dieses Ergebnis auch damit zusammenhängen könnte, dass Frauen viel seltener bei Spielsucht Hilfe suchen, da für sie das soziale Stigma deutlich größer ist.

Die Flucht zu Casinos ohne deutsche Lizenz

Viele dieser Punkte werden im neuen deutschen Glücksspielgesetz indirekt aufgegriffen. So sollen unter anderem künstliche Wartezeiten zwischen den Spielrunden den Spielfluss bewusst unterbrechen. Dadurch soll der zuvor beschriebene meditative Zustand eines „Spielrausches“ unterbunden werden und die suchtbildende Wirkung von Glücksspiel reduziert werden. Durch niedrige Einsatzlimits und einem fixen monatlichen Einzahlungslimit sollen zudem auch die finanziellen Risiken von Glücksspiel reduziert werden.

Dieser Ansatz ist prinzipiell auch löblich. Leider fällt er flach, da viele Spieler nach wie vor in einem Online Casino ohne Lizenz in Deutschland spielen, wo diese strengen Regeln nicht gelten. Dort können sie der Spielleidenschaft frönen, so wie sie es aus den Spielhallen und Spielcasinos gewohnt sind. Das ist natürlich besonders in Hinsicht auf spielsüchtige Personen beider Geschlechter extrem problematisch.

Den deutschen Casinos wird das Leben durch das Glücksspielgesetz zudem noch schwerer gemacht. So sind viele beliebte Casino-Spiele schlicht verboten oder nur mit einer zusätzlichen Genehmigung erlaubt. Daher werden viele deutsche Online Casinos nur Spielautomaten und Video Slots anbieten können, während man Casino ohne deutsche Lizenz auf ein viel größeres Spielangebot zugreifen kann.

Dieses abwechslungsreichere Angebot ist natürlich perfekte Werbung für diese Casinos ohne Lizenz. Zudem handelt es sich bei diesen Anbietern immer auch um ein Casino ohne Tischlimit. Das finanzielle Risiko ist bei diesen ausländischen Online Casinos also ungleich größer.

Fazit

Spielsucht ist ein allgemeines Problem über alle Geschlechtergrenzen und Communitys hinweg. Frauen und Migranten leiden hier allerdings besonders, denn für sie ist das problematische Glücksspielverhalten sozial viel unverträglicher als bei Männern oder aufgrund der Herkunftskultur als bei Deutschen, weshalb viele davon zurückschrecken, um Hilfe anzusuchen.

Natürlich fällt es auch vielen Männern nicht leicht, offen über ihre Probleme zu reden. Daher wäre es für generell wünschenswert, wenn man Spielsucht mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Gerade jetzt, da die neuen deutschen Online-Casinos ihre Pforten öffnen, wäre ein guter Zeitpunkt, dieses heikle Thema aufzugreifen. (dd)

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