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Disko © Sean H @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Häutung erwünscht

Überlebt sich die deutsche Rap-Szene selbst?

Die Stars des Rap umgeben sich mit Statussymbolen. Wie passt das in eine Zeit der politischen Umwälzungen? Manche Künstler beweisen, dass es nicht immer nur um Frauen, Geld und Drogen gehen mussç

Von Derya Durmuş Montag, 03.05.2021, 0:51 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 03.05.2021, 11:56 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Harte, laute und schnelle Musik fand und findet über die junge Generation Eingang in die Gesellschaft. Das war beim Ragtime und beim Rock ´n´ Roll so und setzte sich im Hardrock der 70er- und 80er-Jahre fort. Schon seit ca. zwei Jahrzehnten dominiert der Hip-Hop die Charts. Er findet die Ausprägung seiner musikalischen Brachialgewalt im Rap. In Deutschland belegten 2019 Künstler aus dem Genre Gangsta-Rap neun von den zehn ersten Listenplätzen bei Spotify.

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Die Musiker besitzen oft multikulturelle Wurzeln, die mehr und mehr in die Riffs und Sprechgesänge einfließen. Die Texte handeln davon, wie Außenseiter in fremder Umgebung nach oben kommen und sich etablieren. Dadurch werden sie zu Vorbildern ganzer Heerscharen von Kindern und Jugendlichen. Durch die Streamingdienste ist ihre Musik allgegenwärtig. Die Einnahmen der Topverdiener gleichen denen amerikanischer Basketballstars. Dementsprechend zeigen sie sich in der Öffentlichkeit mit Statussymbolen des Establishments, das sie in ihren Texten so verteufeln.

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Die Statussymbole des Raps

Rapper sind heutzutage auch mithilfe von Social-Media längst aus dem Nischendasein entfleucht. Viele haben es auf der sozialen Leiter ganz nach oben geschafft. Vorzeigerapper wie Farid Bang, Bushido, Raf Camora und Capital Bra haben die oft prekären Umstände ihrer Kindheit weit hinter sich gelassen. Damit prägen sie die nächsten Generationen als Vorbilder mit.

Stolz zeigen sie das Erreichte. Es sei ihnen gegönnt. Niemand verdammt die robuste Rolex Explorer am Handgelenk. Auch das Goldkettchen ist es nicht, welches stört. Die vielfach besungenen Charaktereigenschaften wie Willensstärke, Durchhaltevermögen und Loyalität in Verbindung mit einer ausgeprägten Zielstrebigkeit haben sie an die Spitze gebracht. Doch ist es an der Zeit auch für die testosterongeschwängerten Kings of Rap, über den Tellerrand zu schauen.

Drängende gesellschaftliche Probleme integrieren

Neben den sozialen Problemen, die sicher immer und überall angeprangert werden müssen, schleicht sich in den letzten Jahrzehnten die ökologische Problematik in den Vordergrund. Anscheinend haben das die jetzigen Ikonen des Raps noch nicht verinnerlicht. In Zeiten des Klimawandels und steigenden Meeresspiegels gibt es drängendere Probleme als die Zelebrierung der eigenen Nabelschau.

Wenn die Angst um den Planeten und Fridays for Future einen Großteil der Jugend bewegen, wird die Werbung für den neusten SUV fragwürdig. In Zeiten von Extinction Rebellion passt es als Vorbild der Jugendlichen nicht, mit dem Privatjet einen Wochenendtrip auf die Bermudas werbewirksam auf Instagram zu inszenieren.

Die Macht der Kunst

Dabei ist es immer auch die Kunst, aus der sich neue Bewegungen entwickeln und diese dann nach vorne treibt. In der Macht der Fiktion schlummert eine ungeheure Kraft. Die Rapper als Noch-Vorbilder haben gerade die Mittel, um der Engstirnigkeit und Fantasielosigkeit im Umgang mit Klima- und Umweltschutz, dem Rechtsterrorismus, der Seenotrettung und der schwindenden Menschlichkeit entgegenzutreten. Sie sollten es tun und ihre Statussymbole neu justieren, damit sie nicht zu Randfiguren der Geschichte degradiert werden. Heißt es doch, dass sich mit genügend Geld alle Probleme lösen ließen.

Dabei bedarf es keinesfalls des erhobenen Zeigefingers. Wer mit nachhaltig produzierten Shirts auf die Bühne springt und fair erzeugten Schmuck propagiert, wer das teuerste E-Flugzeug in seinen Hangar stellt, wer seinen Angestellten die besten Löhne zahlt, der ist dann das Idol der kommenden Generation.

Es geht auch anders

Künstler wie Aligatoah und Trettmann beweisen, dass es nicht immer nur um Frauen, Geld und Drogen gehen muss. Sie sind Vertreter des mit dem Gangsta-Rap verwandten Conscious-Rap. Dieser zeichnet sich durch seine sozialkritischen Texte aus und thematisiert eben die genannten gesellschaftlichen Probleme, die von den Silberrücken an der Spitze des Raps noch nicht wahrgenommen werden.

Zudem schaffen sich immer mehr weibliche Künstler im Genre Gehör. Protagonistinnen wie SXTN, Leila Akinyi, Loredana oder Eunique läuten gerade mit unterschiedlichen thematischen und stilistischen Schwerpunkten das Ende der Männerdomäne ein. Diese Häutung wäre dem Genre zu wünschen. Es würde zum wandelbaren Image des Rap passen, wenn die aktuell stattfindende Emanzipation einmal wieder zeitgemäße gesellschaftliche Themen widerspiegeln würde. (dd)

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