Handy © CC0 Public Domain, pixabay, bearb. MiG
Handy © CC0 Public Domain, pixabay, bearb. MiG

Jusouf aus Afghanistan

Smartphone, der beste Freund

Jusouf ist vor Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Seitdem wartet er darauf, seine Familie nach Deutschland holen zu dürfen. Sein Alltag ist geprägt von Hoffnungslosigkeit und Langeweile. Sein bester Freund: sein Smartphone.

Donnerstag, 28.01.2021, 0:27 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 29.01.2021, 10:38 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Jusouf (Name geändert) ist aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Seine Familie musste er zurücklassen. Das Geld, was sie zusammengespart hatten, reichte nur für die Flucht einer Person. Sobald er in Sicherheit ist, wollte er seine Familie nachholen – so jedenfalls der Plan. Darauf warten er und seine Familie jedoch bis heute vergeblich.

Als subsidiär Schutzberechtigter hat er seit einer Gesetzesänderung keinen Anspruch auf Familiennachzug. Auch dass er minderjährig war, als er in Deutschland Antrag auf Asyl gestellt hat, hilft ihm nicht. Inzwischen ist er 20 Jahr alt. Es gibt zwar ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, wonach der Zeitpunkt der Antragsstellung maßgeblich ist, doch der wird von Deutschland nicht umgesetzt.

___STEADY_PAYWALL___

Smartphone der beste Freund

„Ich weiß nicht, wie lange ich noch warten muss“, sagt Jusouf. Seine Enttäuschung sieht man ihm deutlich an. Die vergangenen zwei Jahre hat er damit verbracht, auf die Bescheidung seines Asylantrags zu warten. Parallel dazu hat er Deutsch gelernt, um in Deutschland eine Chance auf einen Ausbildungsplatz zu haben. „Ich habe auch schon ein paar deutsche Freunde“, erzählt Jusouf mit einem leichten Lächeln im Gesicht.

Wenn er abends aber alleine in seinem Zimmer ist, ist sein Smartphone sein bester Freund. Er schreibt seiner Familie oder er telefoniert mit ihnen. „Je größer die Sehnsucht wird, desto häufiger will ich mit meinen Eltern telefonieren“, sagt Jusouf und fügt mit einem nachdenklichen Blick hinzu: „Je länger die Trennung dauert, desto kürzer dauern aber auch unsere Gespräche“.

Keine Hoffnung

In solchen Momenten sucht Jusouf einen Ausweg, um nicht an die Sehnsucht und an seine verzweifelte Situation denken zu müssen. Auch in diesen Situationen ist sein Handy ihm ein treuer Freund. Er spielt abends manchmal stundenlang, surft im Netz oder unterhält sich in sozialen Medien mit anderen. „Es geht mir dabei um Zeitvertreib“, erklärt er. Es tue ihm gut, sich mit anderen auszutauschen, weil er in Wahrheit eigentlich so alleine ist. Er tauche ein in die virtuelle Welt, um die Sorgen der realen Welt zu vergessen. „Im nu sind mehrere Stunden vergangen, und dann bin ich so müde, dass ich einfach nur noch einschlafe“.

Ein Leben ohne sein Smartphone kann er sich gar nicht mehr vorstellen. Er hegt und pflegt sein gebraucht ersteigertes iPhone wie keine andere Sache. „Das ist meine einzige Verbindung zur Heimat“, sagt er. Auf der Flucht sei sein Handy hingefallen und kaputtgegangen. Alle seine Daten, Kontakte und Verbindungen waren plötzlich weg – von jetzt auf gleich. „Das darf mir kein zweites Mal passieren“, sagt er und zeigt auf die iPhone Schutzhülle, die sein Handy umgibt. Er habe lange gesucht und sich informiert, welcher Case den besten Schutz bietet. Zeit habe er ohnehin genug. Und einen Displayschutz habe er auch. Die Beschäftigung mit solchen Dingen sei für ihn auch eine Art Therapie. So habe er zumindest eine sinnvolle Beschäftigung.

Die Tage eine Plage

Die Tage sind ihm eine Plage. Er sorgt sich um seine Zukunft: Keine Arbeit, keine Zukunftsperspektive, kein Geld, gesellschaftliches Abseits und Langeweile. Das ist sein Alltag. Faktoren, die bei Personen, die in einer ähnlichen Situation stecken wie Jusouf, besonders oft anzutreffen sind. Ihnen droht ein dauerhaftes Leben im sozialen und wirtschaftlichen Abseits.

Auf die Frage, ob Jusouf rückblickend etwas anders gemacht hätte, geht er zurück an den Tag seiner Flucht aus Afghanistan. „Ich würde zu Hause bleiben“, sagt er. Das Leben in Deutschland sei nicht das, was er und seine Familie sich vorgestellt hätten. Auf der anderen Seite habe er aber auch keine Zukunft in seiner Heimat gehabt. Auch dort war sein Leben geprägt von Hoffnungslosigkeit und einer ständigen Zukunftsangst. (dd)

Panorama
Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)