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Ein Volkswagen in China © shizhao @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Klimawandel

Die Pläne für ein emissionsfreies China im Jahr 2060

Anfangs wurden die Nachrichten vom Rest der Welt noch skeptisch aufgenommen, aber nach und nach erweisen sich die chinesischen klimaneutralen Energiepläne als Hoffnungsschimmer für die langersehnte Lösung der globalen Klimakrise - und damit auch für einen der größten Fluchtursachen unserer Zeit.

Dienstag, 27.10.2020, 0:54 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 28.10.2020, 10:00 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |   Drucken

China ließ Ende September in einer Regierungserklärung verlautbaren, dass das Reich der Mitte seine Netto-Kohlenstoffemissionen bis ins Jahr 2060 auf null reduzieren wolle. Ein mehr als ehrgeiziger Schritt eines Landes, das 28% der weltweiten Gesamtenergiemenge pro Jahr verbraucht – also mehr als die USA und die EU zusammen – um die Wirtschaftszahlen immer weiter nach oben schrauben zu können.

Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas Xi Jinping teilte bei einem Vortrag bei den Vereinten Nationen mit, dass die von China erzeugten Emissionen vor dem Jahr 2030 ihren Höhepunkt erreichen werden, und dass diese anschließend in den folgenden drei Jahrzehnten kontinuierlich sinken werden. Natürlich waren die Klimaexperten weltweit hellauf begeistert über diese Ankündigungen und hoffen, dass diese Pläne des bevölkerungsreichsten Landes der Erde auch andere Länder dazu inspirieren werden, dieselben Maßnahmen zu setzen. Aber wie genau wird China dieses Vorhaben umsetzten, und werden diese zukunftsweisenden Schritte auch ausreichend genug sein?

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Chinas aktuelle Energieproduktion und die damit verbundenen Probleme

Die Ankündigungen Chinas kamen für alle Experten weltweit überraschend, denn China ist gegenwärtig für den größte CO2-Ausstoß verantwortlich und ist zusätzlich energiepolitisch abhängig von Kohle und dessen Derivaten, die in Summe mehr als die Hälfte des chinesischen Energieverbrauchs ausmachen. 2019 wurde die Energieabhängigkeit des Landes von Kohle noch weiter erhöht, da neue Kohlekraftwerke im ganzen Land errichten wurden, denen in den kommenden Jahren noch weitere folgen sollen.

Im Land selbst fühlen sich die Gegner dieser Energiepolitik durch die Tatsache gestärkt, da viele dieser Kohlekraftwerke zu weniger als 50% ausgelastet sind, und die dahinter stehenden Unternehmen alarmierend viele finanzielle Ausgaben zu bestreiten haben, um diese Werke am Leben zu erhalten. Die chinesische Zentralregierung in Peking hat bereits anklingen lassen, dass einige dieser Anlagen endgültig geschlossen werden müssen.

Unbestritten sollten die umfangreichen Beweise für den Klimawandel sein, die durch die ruinöse Wirkung der Kohle verursacht wird. Wissenschaftliche, aber auch nicht nur für China wichtige, wirtschaftliche Erkenntnisse bestätigen, dass die Kohle in der Förderung teuer, in vielfacher Weise umweltschädlich und einfach weniger effizient ist, als die meisten erneuerbaren Energiequellen.

Wenn China sein Vorhaben wirklich umsetzen will, die dominierende Weltmacht auf unserem Planeten zu werden, so wird es sich eher früher als später von seiner Kohleabhängigkeit lossagen müssen, so wie es die meisten anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften bereits vor geraumer Zeit getan haben. So sind zum Beispiel die Wirtschaftsgiganten Deutschland und Japan nur mehr zu 2,5 bzw. 3% bei ihrer Gesamtenergieproduktion auf Kohle angewiesen – Zahlen, die verschwindend klein sind, im Vergleich zu den 50%, die China diesem Rohstoff bei der Energiegewinnung einräumt.

Sollen die kühnen Aussagen des Null-Emissions-Plans für 2060 tatsächlich umgesetzt werden, so wird die chinesische Regierung zeitnah Maßnahmen ergreifen müssen, um das Land auf den richtigen Kurs einzustimmen.

Ein Fünfjahresplan für erneuerbare Energien

5 Jahre. Das ist genau jene Zeitspanne, die seit den Anfängen des kommunistischen Staates in den 1950er Jahren für die chinesische Regierung als Planungsgrundlage gedient hat.

Die Regierungsvorhaben, die den Energiesektor betreffen, sind zum wichtigsten Bestandteil der zukünftigen Fünfjahrespläne geworden. Der erste 5-Jahres-Zeitraum zwischen 2021 und 2025 strebt ein allgemeines Wirtschaftswachstum von 5 bis 6% an, und zahlreiche in- und ausländische Experten erwarten strenge Maßnahmen und Vorschriften, die vor allem auf die Nutzung sauberer Energie abzielen. Im Mittelpunkt bei dieser Energiewende steht dabei die Steigerung der Energiegewinnung aus Sonnenenergie auf 300 Gigawatt (GW) – 300 Milliarden Watt – und jener der Windkraft, deren Gesamtproduktion auf 150 GW gesteigert werden soll.

Das nach der Fläche viertgrößte Land der Erde zu einem CO2-Null-Ziel zu führen ist ein wesentlicher Teil eines langfristigen Aktionsplans.

Eine Forschungsgruppe an der Tsinghua-Universität veröffentlichte diesen September einen detaillierten 30-Jahres-Plan, der ein 15-Billionen-Dollar-Projekt beinhaltet, mit dem das Land bis 2050 von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien umgestellt werden soll. Und die allerletzten Planungsvorhaben sehen eine 80% Abhängigkeit von Elektrizität bis zum Jahr 2060 vor.

Sollte es der chinesischen Regierung gelingen, diese Pläne in vollem Umfang umzusetzen, so kann das Ziel eines klimaneutralen Staates gar nicht mehr als so unrealistisch angesehen werden. Mit einer fast „gleichgeschalteten“ Bevölkerung, die Teamwork und Zusammenhalt bereits von Kindheitsbeinen vermittelt bekommt, ist China eigentlich geradezu prädestiniert eine Vorreiterrolle weltweit zu übernehmen, vor allem wenn es darum geht, gemeinschaftliche Ziele zu erreichen. Es gibt daher durchaus vierversprechende Anzeichen, dass diese zukunftweisenden Vorhaben doch verwirklicht werden können.

Das Technologie-Wettrennen

Die von der chinesischen Zentralregierung verordneten Initiativen werden aber nicht die einzigen Faktoren sein, die zur Erreichung von klimaneutralen Energiebilanzen beitragen werden. Denn auch soziale Komponenten verändern im Reich der Mitte unter anderem die Konsumgewohnheiten der Chinesen, und das viel schneller als je zuvor. Auch in China wird bereits heute vermehrt online eingekauft und das Mittagessen wird aus einem Einkaufszentrum online bestellt und prompt nach Hause geliefert.

Diese Trends können zwar negative soziale Auswirkungen mit sich bringen, aber der Wettlauf um die Bereitstellung der neuesten Technologien für diesen wachsenden Online-Markt wird auch durch China nicht gestoppt werden können.

5G verspricht, die Welt, wie wir sie heute kennen, technologisch zu revolutionieren. Schon heute können viele Aufgaben online von zu Hause erledigt werden, und die zusätzlichen digitalen Neuerungen werden dazu führen, dass wir unsere Vier-Wände überhaupt nicht mehr verlassen müssen, vor allem dann nicht, wenn wir den Nervenkitzel eines Live-Events erleben, den neuesten Blockbuster in 3D genießen oder in einem Online-Casino spielen wollen, das sich zukünftig durch AI und VR fast ident wie ein Glücksspieltempel mit Live-Croupier-Spielen anfühlen wird. Die breite Palette des Home Entertainments wird dazu führen, dass breite Bevölkerungsschichten bedeutend weniger reisen werden, was schlussendlich auch eine geringere Umweltbelastung mit sich bringen wird, da u.a. weniger Autofahrten durchgeführt und der Raumverbrauch durch Straßen ebenfalls eingedämmt werden wird.

China setzt alle und alles daran, um bei der 5G-Technologie zu den Entwicklungsvorreitern dieses Netzes zu zählen. Zwar gibt es im Vergleich zur westlichen Welt gewisse Einschränkungen hinsichtlich der Online-Benutzermöglichkeiten, dennoch hat die chinesische Regierung wiederholt ehrgeizige Pläne zur Verwirklichung dieser Technologie angekündigt. Einem Bericht zufolge hat die chinesische Zentral-Regierung bereits veranlasst, dass eine halbe Million 5G-Basisstationen gebaut werden, wobei bereits über 100 Millionen Geräte mit der neuesten Technologie verfügbar sind.

Während diese neue Technologie auch einen erhöhten Energieverbrauch mit sich bringt, wächst aber andererseits auch die Überzeugung, dass 5G die CO2-Emissionen langfristig erheblich senken wird können, und einige Optimisten sehen in diesen neuen Mobilfunknetzen sogar den Heilsbringer für das Klima unseres Planeten.

Werden die Anstrengungen ausreichend sein?

Chinas ehrgeizige Vorhaben wurden natürlich von Wissenschaftlern und Klimaexperten auf der ganzen Welt mit Genugtuung aufgenommen, aber dennoch stellt sich die Frage, ob selbst diese drastischen Maßnahmen ausreichen werden, um die Auswirkungen des Klimawandels zu verlangsamen oder gar zu stoppen. Die Welt sieht sich seit einigen Dekaden bereits mit intensivere Wetterkapriolen wie tödlichen Hitzewellen und Superstürmen konfrontiert, die laut den renommiertesten Wissenschaftler als direkte Folge einer sich verändernden Umwelt eingestuft werden.

Nur durch multilaterale Zusammenarbeit kann die Welt den Klimawandel auf globaler Ebene eindämmen, und selbst Chinas ehrgeizige Ziele könnten sich als unbedeutend erweisen, wenn der Rest der Welt nicht mitzieht. Und so hat der politische Entschluss der größten Volkswirtschaft der Welt sich aus dem Pariser Klimaabkommen zu verabschieden, gerade in einer Zeit, in der globale Einheit ein unabdingbares Muss ist, nicht gerade dazu beigetragen, die Welt vor den Bedrohungen zu bewahren.

Die Tatsache bleibt aber dennoch bestehen, dass das Ziel von Null-Emissionen bis zum Jahr 2060 für einen der größten Umweltverschmutzer der Welt eine überraschende, aber wohlgehörte  Ankündigung ist. Solche radikalen Schritte werden zukünftig entscheidend und notwendig sein, wenn die Welt eine Klimakatastrophe noch im letzten Moment vermeiden will. (dd)

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