Studie

Beauftragter attestiert Ostdeutschland „dringenden Zuwanderungsbedarf”

Anlässlich 30 Jahren deutsche Einheit wird Bilanz gezogen: Die Unterschiede zwischen Ost und West nehmen ab. Ost und West sind heute viel bunter. Aufgrund der demografischen Entwicklung attestieren Experten Ostdeutschland aber Zuwanderungsbedarf.

Auch nach drei Jahrzehnten deutscher Einheit bestehen einer neuen Studie zufolge noch Trennlinien zwischen Ost und West. Diese verlieren aber im Vergleich zu den deutschlandweiten Unterschieden zwischen Stadt und Land oder zwischen strukturschwachen und prosperierenden Regionen immer mehr an Gewicht, wie es in der am Donnerstag veröffentlichten Studie „Vielfalt der Einheit [1]“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung heißt. Unterschiede gebe es vor allem noch beim Einkommen und der demografischen Entwicklung.

So verfügen die Ostdeutschen demnach im Schnitt weiter über 14 Prozent weniger Einkommen als Westdeutsche. Während die westdeutschen Länder seit der Wiedervereinigung um 5,4 Millionen Bewohner gewachsen seien, hätten die ostdeutschen Länder 2,2 Millionen Einwohner verloren. Auch in Zukunft dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen, erklärten die Studienautoren. Einer aktuellen Bevölkerungsprognose des Instituts zufolge wird in allen fünf ostdeutschen Flächenländern die Einwohnerzahl bis 2035 weiter abnehmen. Am stärksten wäre demnach Sachsen-Anhalt betroffen mit einem Minus von fast 16 Prozent.

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Deutschland viel bunter geworden

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Marco Wanderwitz (CDU), betonte bei der Studienpräsentation: „Deutschland ist durch die Wiedervereinigung in diesen 30 Jahren viel bunter geworden. Es hat sich vieles verändert, vieles ausdifferenziert.“ Die Bilanz sei überwiegend positiv.

Zugleich räumte der Parlamentarische Staatssekretär ein, dass die demografische Entwicklung den Osten vor große Herausforderungen stelle. Wanderwitz sieht für den Osten Deutschlands deshalb einen „dringenden Zuwanderbedarf“. Die wirtschaftliche Entwicklung und das Aufrechterhalten der Daseinsvorsorge hingen davon unmittelbar ab. „Wir müssen die Kultur des Einwanderungslandes noch stärker mit den Menschen diskutieren“, sagte der Ostbeauftragte. Dies seien keine einfachen Diskussionen, aber es sei ohne Alternative.

Zunehmende Säkularisierung

Untersucht wurde die Entwicklung anhand von 30 Themen seit Oktober 1990, darunter Bildung, Gleichstellung, Konsumverhalten, sportliche und kulturelle Vorlieben, Mobilität und Religion. So waren laut der Studie 1989 insgesamt 37 Prozent der DDR-Bürger Mitglied einer der beiden Volkskirchen. Heute gehören den Angaben zufolge nur noch 21 Prozent der Ostdeutschen einer Kirche an. Im Westen sei der Anteil der Kirchenmitglieder von 87 Prozent Ende der 1980er Jahre auf inzwischen 61 Prozent gesunken. „Der Westen folgt dem Osten bei der Säkularisierung“, sagte Studienautorin Susanne Dähner.

Institutsdirektorin Catherina Hinz sagte: „Die seit 30 Jahren vereinigte Bundesrepublik ist ein Land der vielfältigen Lebensbedingungen, die sich immer weniger allein nach Ost und West kategorisieren lassen.“ Annäherungen gebe es bei vielen statistisch messbaren Kenngrößen. Dennoch nehme ein Teil der Menschen immer noch Unterschiede in Lebensverhältnissen und Teilhabechancen wahr. So hätten weiter vier von zehn Ostdeutschen das Gefühl, die Menschen im Osten seien Bürger zweiter Klasse. „So lange diese gefühlte Trennung und faktische Unterschiede noch existieren, müssen wir weiter über das Zusammenwachsen der beiden ehemaligen deutschen Staaten sprechen“, sagte Hinz. (epd/mig)