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Handy (Symbolfoto) © congerdesign @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Betroffene skeptisch

Neuer Staatsvertrag verspricht mehr Spielerschutz

Alleine in Deutschland sind hunderttausende Menschen spielsüchtig – überdurchschnittlich häufig betroffen sind Migranten. Ein neuer Staatsvertrag verspricht Abhilfe. Doch frühere Spieler sind skeptisch, ob die Maßnahmen helfen können.

Dienstag, 14.04.2020, 11:46 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 14.04.2020, 11:46 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Für Sergej ist das Spielen zwischendurch heute ein netter Zeitvertreib. Der 28-Jährige zockt ab und zu auf seinem Handy – vor dem Fernseher in der Werbepause oder nach der Arbeit auf dem Heimweg, wenn er im Bus sitzt. Er spielt gerne Handyspiele, mal ein Quiz, mal Autorennen – je nachdem, wie viel Zeit er gerade hat.

So war es aber nicht immer. Noch vor zwei Jahren saß er täglich mehrere Stunden vor dem Computer oder zockte auf seinem Handy – am liebsten Poker oder Slot. Sergej war spielsüchtig – so wie Hunderttausende andere in Deutschland. Männer sind doppelt so oft betroffen wie Frauen, und Personen mit Migrationshintergrund ebenfalls überdurchschnittlich spielsüchtig.

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Migranten überdurchschnittlich betroffen

Studien zeigen, dass es dafür viele Gründe gibt. Der wichtigste Grund aber dürfte sein: Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Auch Sergej war arbeitslos, als er anfing zu spielen. Das wenige Geld, dass er vom Staat bekam, steckte er Anfangs in Spielautomaten, später fing er an im Internet zu spielen. „Immer wenn ich kein Geld mehr hatte fürs Spielcasino, spielte ich im Internet mit Spielgeld. Irgendwann ging ich dazu über, auch im Internet mit echtem Geld zu spielen“, erzählt Sergej.

Der Zugang zu Spielcasinos im Netz ist einfach. Die Anmeldung ist schnell erledigt, ein Konto schnell eröffnet und schon kann es losgehen. Kontrolle und Spielerschutz finden so gut wie gar nicht statt, weil der Markt übersät ist von Anbietern, die keinerlei Kontrolle unterliegen. Das soll sich bald ändern. Nach jahrelangem Hin- und her, haben sich die Bundesländer auf die Anpassung des bisherigen Staatsvertrags auf den veränderten Markt geeinigt.

Neuer Staatsvertrag

Was bisher – auf dem Papier – illegal im Netz spielbar war, soll in Zukunft unter gewissen Auflagen legalisiert werden, dafür soll es aber mehr Spielerschutz geben. Die bisher auf dem Tisch liegenden Pläne sehen unter anderem vor, dass es bei Glücksspielen im Internet ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro geben soll. Kontrolliert werden soll dieses Limit mit einer Sperrdatei bei einer zentralen staatlichen Aufsichtsbehörde. Die Anbieter müssen für jeden Spieler ein sogenanntes Spielkonto anlegen und ein „automatisiertes System“ zur Früherkennung von glücksspielsuchtgefährdeten Spielern einsetzen. Eingeflossen sein sollen in die Pläne auch Erfahrungsberichte der österreichischen Spielbanken Online.

Ob das hilft, bezweifelt Sergej. „1.000 Euro im Monat sind viel Geld. Ich hatte gar nicht so viel Geld jeden Monat zur Verfügung und war am Ende trotzdem spielsüchtig“, erzählt der 22-Jährige, der sich zu den wenigen Glücklichen zählen darf, die noch die Kurve gekriegt haben. „Wären meine Freunde nicht bei mir gewesen und mir geholfen, wäre ich aus diesem Teufelskreis nicht rausgekommen“, sagt Sergej.

Glück im Unglück

Tatsächlich haben seine Freunde früh bemerkt, dass etwas nicht stimmt mit Sergej. Er hatte sich immer mehr zurückgezogen und Geld von seinen Freunden geliehen. Irgendwann stellten ihn seine Freunde zur Rede und zwangen ihn, eine Therapie zu machen. Sergej wollte Anfangs nicht, spürte aber schon nach kurzer Zeit die Erleichterung des Nichtspielenmüssens. „Es war wieder sehr angenehm, sehr schön, sich etwas leisten zu können, weil das Geld in der Tasche war“, erzählt er heute zurückblickend.

 

Zu seinem Glück fand er auch zeitnah zu seiner begonnenen Therapie einen Arbeitsplatz und hatte auch deshalb schon deutlich weniger Zeit, was auch sehr geholfen hat. Heute sagt er, sei es eine Erfahrung gewesen, die er aber nicht gerne wiederholen möchte, und anderen auch nicht wünscht. „Ich habe nichts gegen Spielen. Man muss aber feste Regeln haben, feste Limits haben“, sagt er und zeigt auf seinen Freund Dimitri. Er habe jeden Monat ein Budget von 50 Euro zum Zocken. Wenn das Geld weg sei, höre er auf zu spielen.

Ein fataler Fehler

„Das ist mein Geheimnis“, fährt Dimitri fort. Weil ich nicht mit großem Geld spiele, habe ich auch nicht das Verlangen, es mir zurückzuholen, wenn ich es verliere. „Und außerdem“, so Dimitri, „spiele ich mit ganz kleinen Einsätzen, damit mein Geld nicht direkt weg ist und ich lange Spaß daran habe. Auch deshalb habe ich nicht das Gefühl, etwas verloren zu haben, sondern ich bekomme im Gegenzug etwas dafür“, sagt Dimitri.

Sergej weiß, woran viele scheitern: „Es ist das Gefühl, als könnte man mit dem Zocken viel Geld verdienen. Das kann man aber nicht. Das geht nicht.“ Darin sieht Sergej auch den Grund, warum gerade arbeitslose von Spielsucht betroffen sind. „Die, die kein Geld haben, wollen eben über das Zocken an Geld herankommen. Das ist ein fataler Fehler. Und deshalb sind Migranten am meisten betroffen, weil sie benachteiligt werden auf dem Arbeitsmarkt, sich langweilen und dann auf dumme Gedanken kommen“, sagt er überzeugt. (dd)

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