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Euro-Münzen (Symbolfoto) © Alexas_Fotos @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Hürden

Corona könnte selbständige Migranten hart treffen

Unternehmer mit Migrationshintergrund melden statistisch gesehen viel häufiger Insolvenz an. Die Gründe sind vielfältig, die auch in der Corona-Pandemie gelten. Mehrsprachige Informationsangebote sind wichtig.

Donnerstag, 09.04.2020, 17:39 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 15.04.2020, 10:41 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Die Corona-Pandemie stellt die ganze Welt auf den Kopf. Um die weitere Verbreitung des Virus einzudämmen werden derzeit sogar grundlegende Grundrechte eingeschränkt. Weder ist es möglich, wie gewohnt einzukaufen, das schöne Wetter mit Freunden im Stadtpark zu genießen noch können Reisen angetreten werden über die Feiertage. Stattdessen gibt es Ausgangsbeschränkungen und polizeiliche Personenkontrollen, um den Verboten Geltung zu verschaffen.

Für manche Menschen sind die Einschränkungen nur lästig, für andere sind die wirtschaftlichen Folgen aber existenzbedrohend. Gerade kleine Selbständige kämpfen in den Krisentagen mit dem finanziellen Überleben. Ganz hart trifft es jene, die ohnehin keine großen Rücklagen haben und auf kontinuierliche Einnahmen dringend angewiesen sind, um Miete und die laufenden privaten Kosten zu zahlen.

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Nicht dieselben Chancen

Besonders häufig betroffen hiervon sind insbesondere Selbständige und Kleingewerbetreiber mit Migrationshintergrund. Statistisch gesehen sind sie von Insolvenzen ohnehin häufiger betroffen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Studien zufolge wagen Migranten den Sprung in die Selbständigkeit oft nur, weil sie auf dem Arbeitsmarkt nicht dieselben Chancen haben wie Mitbewerber ohne Migrationshintergrund. Sie müssen viel häufiger eine Bewerbung schreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden als ein Mitbewerber ohne Migrationshintergrund.

Diese Benachteiligung hat oft zur Folge, dass Betroffene oft ohne ausreichendes Startkapital ein Geschäft eröffnen beziehungsweise sehr knapp kalkulieren müssen. Da fallen dann schon kleinere Summen schwer ins Gewicht und können im schlimmsten Fall zur Insolvenz führen. Auch die Inanspruchnahme von einem Modernisierungsdarlehen für eine gekaufte Immobilie oder ein übernommenes Geschäft scheitern oft an Sprachkenntnissen oder an am nicht unbefristeten Aufenthaltstitel.

Mangelnde Sprachkenntnisse

Als weiteren Grund für die vergleichsweise Insolvenzquoten von Gründern mit Migrationshintergrund wird die Unkenntnis über das hiesige Steuersystem genannt. Weil das Geld ohnehin sehr knapp ist, können sich viele nicht einmal einen Steuerberater leisten, was dramatische Folgen haben kann am Ende des Jahres, wenn die Jahressteuer fällig wird und man gar keine Rücklagen gebildet hat.

Zudem haben Unternehmer mit Einwanderungsgeschichte und eventuell mit mangelhaften Sprachkenntnissen oft nicht dasselbe Know-how und den Zugang zu Informationen wie ihre deutschen Mitbewerber. Dieses Manko könnte sich auch bei der staatlichen Soforthilfe für die Zeit der Corona-Pandemie der Bundesregierung bemerkbar machen. Zwar sind sowohl Antragsstellung- als auch Abwicklung auf Tempo und möglichst wenig Bürokratie getrimmt, wenn man der Sprache aber nicht mächtig ist, kann auch ein einfaches Antragsformular ein Buch mit sieben Siegeln darstellen und zu einer unüberwindbaren Hürde werden.

Respekt vor Formularen

Cemal K. kann ein Lied davon singen. Er lebt bereits seit vier Jahren in Deutschland und hat auch schon einen Integrationskurs absolviert. „Sobald ich aber ein Behördenformular sehe, gehen bei mir aller Lichter aus“, erklärt er und fügt hinzu, dass das irgendwo auch psychologisch bedingt ist. Er habe lange für einen Aufenthaltstitel kämpfen müssen und alles seinem Anwalt anvertraut. „Seitdem habe ich großen Respekt vor Formularen. Sobald ich etwas falsch mache, kann das schlimme Folgen haben“, sagt er.

Dennoch kann sich Cemal K. glücklich schätzen. Er hat Freunde und Bekannte, die ihn bei solchen Angelegenheiten unterstützen, ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wer keine Freunde hat, ist oft auf sich alleine gestellt. Zwar gibt es inzwischen viele Informationen im Netz auch in ausländischen Sprachen. Doch auch da ist oft Können gefragt, bis man die passenden Informationen auch tatsächlich gefunden hat. (dd)

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