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Spielautomat, Spielothek, Spiel, Zocken, Glücksspiel
Szene aus dem Musikvideo "Verzzockkt" von Rob Major feat. Ace, Tax und Megaloh © aggro.tv, bearb. MiG

Ursachen

Verzweiflung, Langeweile und die Spielsucht

Die Gründe für Spielsucht sind vielfältig – und bekannt. Dennoch steigt die Zahl der Glücksspiel-Abhängigen in rasantem Tempo. Besonders anfällig sind Personen mit Einwanderungsgeschichte.

Mittwoch, 20.11.2019, 3:56 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 02.05.2020, 1:34 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Es gibt viele Gründe, warum ein Mensch zu Suchtmitteln greift. Von Verzweiflung über Langeweile bis hin zu der leisen Hoffnung auf Besserung des eigenen Lebens variieren die Auslöser bei jedem Süchtigen. Eins haben sie aber alle gemeinsam, denn sie alle zehren von ihrer Sucht bis nichts Anderes mehr existiert. In Deutschland katapultiert sich die Glücksspielsucht in den letzten Jahren mit aller Macht auf Platz Eins der schlimmsten Abhängigkeiten. Ob Casino Spiele, Lotto oder Sportwetten, die Verlockungen lauern on- und offline. Neben einer alarmierenden Zahl von deutschen Staatsbürgern sind auch immer häufiger geflüchtete Menschen betroffen. Sie haben ein ungleich höheres Spielsuchtpotential. Warum das so ist, erklärt dieser Artikel.

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Seit einigen Jahren wächst das Spielsuchtpotential unter Migranten. Erkennbar ist das nicht nur an den vermehrt auftauchenden Spielhallen und Wettbüros in Stadtvierteln mit überdurchschnittlich hohem Migrantenanteil, sondern auch an den aus dem Boden schießenden Online Casinos, die das Spielen noch unkomplizierter und anonymer gestalten. Am Anfang geht es nur um ein kleines Spielchen, das mit wenig Einsatz eventuell zu einem Plus im Geldbeutel führt. Schnell avanciert daraus jedoch ein richtiggehendes Überlebensprinzip: Wer nicht spielt, der nicht gewinnt. Boni, Freispiele und sonstige Angebote der Glücksspielanbieter sorgen dafür, dass dieses Konzept weiterverfolgt wird, denn es könnte ja etwas dabei herausspringen und die Haushaltskasse aufbessern.

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Spielen in Gesellschaft

Glücksspiele sind für viele Süchtige zu Beginn ein kleiner Zeitvertreib, eine spannende Beschäftigung, wenn nichts anderes den Tagesplan ausfüllt. Dabei nehmen vor allem Online-Casino einen hohen Stellenwert ein. Dahinter steckt ein einfaches Spielprinzip, das schon mit niedrigstem Einsatz und virtuellem Geld spielbar ist. Per Neteller App beispielsweise, eine Art digitale Geldbörse, ist man nicht einmal an Banken und Sparkassen angebunden. Digitale Spielhallen locken Spieler darüber hinaus mit Slots und vielen anderen vergleichbaren Spielen. Sie sind in der Regel mit einer passenden Geschichte ausgestattet, sodass aus dem Spiel ein Abenteuer wird.

Unkomplizierte Bedienfreundlichkeit, vermeintlich hohe Auszahlungsquoten und simple Regeln lassen das Spielvergnügen online zum beliebtesten Zeitvertreib werden. In den Online Casinos kommt erleichternd hinzu, dass das Zocken rund um die Uhr möglich ist. Existenzängste, Traumata und Herausforderungen des Alltags in einem neuen Land erhöhen häufig den Wunsch diesen Problemen zu entfliehen. Hinzu kommt, dass das Spielen zu neuer Gesellschaft führt. In den stationären Spielhallen sind die Glücksspieler selten allein und auch online sorgen die Betreiber mit Livechats und anderen Kommunikationsmitteln für einen Zeitvertreib in Gesellschaft.

Sorgen und Ängste vergessen

Die Motive für das erhöhte Suchtpotential bei Migranten sind vielfältig. Laut dem Schweizer SuchtMagazin begünstigen neben den offensichtlichen Faktoren wie Spannung und Action im Alltag vor allem soziale Beweggründe die Sucht. Wie bereits ausgeführt sehen viele geflüchtete Menschen in den terrestrischen Spielhallen einen Ort der Versammlung. Hier treffen Migranten häufig auf gleiche Schicksale. Das verbindet und sorgt für Geselligkeit. Manchmal sind diese Treffpunkte auch gleichzeitig eine neue Heimat, da nicht alle geflüchteten Menschen in einer eigenen Wohnung leben. Der beengte Lebensraum führt manchmal auch zu Streitereien innerhalb der Familie, weshalb eine Ablenkung von diesem emotionalen Stress willkommen geheißen wird. Das digitale Entertainment bietet in solchen Fällen eine Flucht in eine andere Welt, sodass es möglich ist, Sorgen und Ängste für eine Weile zu vergessen.

Emotionale Verletzlichkeit ist in dieser Gleichung ein unkontrollierbarer Faktor, der das Spielsuchtpotential maximal erhöhen kann. Oft geht dieses Verhalten mit einer Depression einher, die die meisten Süchtigen noch nicht einmal als eine solche erkennen. Optische Reize sorgen in der Regel für die finale Überzeugung ein Spiel zu wagen: Blinkende Lichter und bunte Graphiken ziehen magisch an. Das Problem ist außerdem, dass am Anfang im Regelfall sogar ein hoher Gewinn möglich ist. Dies suggeriert den Spielern, dass sie die „Maschine“ bezwingen können. Schnell übernimmt diese falsche Annahme jedoch den gesamten Alltag und bestimmt das ganze Sein.

Männer im mittleren Alter besonders anfällig

Die empirische Studie zum Thema „Migration & Glücksspiel“ des ISD (Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenprävention) beschäftigt sich neben Risikofaktoren und Herkunftsländern der spielsüchtigen Migranten auch mit den beliebtesten Glücksspielen. Hierbei stehen vor allem die Spielautomaten besonders häufig auf Platz Eins. Aber auch Lotto und Sportwetten sind sehr beliebt. Bei einer Befragung der bevorzugten Glücksspielarten von Problemspielern unterschiedlicher Herkunftsländer und -regionen liegen vor allem die Geldspielautomaten und die Casino Spiele im Internet ganz weit vorne. Betroffen sind vor allem Männer im mittleren Alter zwischen 35 und 40 Jahren. Vermehrt lässt sich jedoch auch beobachten, dass immer mehr jüngere männliche Migranten zum Glücksspiel greifen.

Das Glücksspiel hat eine sehr lange Tradition. Schon im alten Rom waren Würfelspiele ein beliebter Zeitvertreib. Allerdings gilt das Glücksspiel auch mindestens schon genauso lange in vielen Epochen und Jahrhunderten als verpönt. In vielen Religionen ist das Glücksspiel genauso tabu wie Alkohol. Dazu gehören beispielsweise der Islam und der Buddhismus, wohingegen Christen- und Judentum etwas liberaler zum Thema Glücksspiel eingestellt sind. In einigen Religionen gehen die Gläubigen sogar soweit und sind der Auffassung, dass Glücksspiel salonfähig ist, solange die daraus erzielten Gewinne einem guten, sozialen Zweck zu Gute kommen. Ein Beispiel dafür ist die Weihnachtslotterie der katholischen Kirche. Im Gegensatz dazu setzt die evangelische Kirche vermehrt auf Aufklärung und warnt vor Glücksspiel und dem Suchtpotential. Informationstage und Suchtprävention sind hier keine Seltenheit. (dd)

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