Anzeige
jugendlicher, mann, warten, gucken, zukunft
Symbolfoto © Ian Sane @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Glücksspiel

Zwischen Adrenalinkick und Hoffnungslosigkeit

Knapp jeder zweiten Spielsüchtige in Deutschland hat eine Einwanderungsgeschichte. Die Gründe sind vielfältig, der Ausstieg für viele zu schwierig.

Mittwoch, 20.11.2019, 3:38 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 02.05.2020, 1:34 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Kleiner Gewinn oder hoher Verlust, für einen Spielsüchtigen gibt es immer einen Grund, nicht aufzuhören. Was sind schon 2 Euro, wenn beim nächsten Einsatz 200 oder 2.000 Euro gewonnen werden können? Doch die Sehnsucht nach dem großen Gewinn ist nicht der einzige Grund, weshalb die Spielsucht in Deutschland speziell für Migranten zu einem anwachsenden Problem geworden ist.

Zahl betroffener Migranten auffällig hoch

___STEADY_PAYWALL___

Dass Migranten in Deutschland stärker als andere Mitbürger dem Risiko ausgesetzt sind, spielsüchtig zu werden, belegen die offiziellen Zahlen. Etwa 40 bis 55 % der Spielsüchtigen haben hierzulande einen Migrationshintergrund. Wie bei jeder Statistik zum Thema Sucht ist allerdings davon auszugehen, dass eine hohe Dunkelziffer existiert.

Speziell Männer mit arabischen oder türkischen Wurzeln sind überdurchschnittlich betroffen. Fragt man nach den Gründen, hat man den Eindruck, die Geschichten ähneln sich: von innerer Leere und äußerer Einsamkeit ist da die Rede. Von dem Wunsch, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Von der wohltuenden Freundlichkeit, mit der man als regelmäßiger Spielergast begrüßt und bedient wird in der Spielerrunde. Und von der Möglichkeit, die eigenen Probleme durch einen wiederholbaren Adrenalinstoß zu vergessen.

Gründe und Motive Suchanfälligkeit

Für Migranten ergibt sich ein hohes Einstiegsrisiko in die Glücksspielsucht, wenn sie zum Spielen einen Ort aufsuchen, an dem sie mit Menschen, die ihre Erfahrungen, ihre Sprache und Lebenseinstellungen teilen, zusammenkommen. Freispiele im Casino verlocken zusätzlich. Man trifft sich, man plaudert und spielt.

Anfangs sind es nur ein paar Münzen oder virtuelles Spielgeld, die eingesetzt werden. Ein kurzer Adrenalinkick, dann entscheidet sich, warum es weitergeht. Weil man gewonnen hat und hofft, dem Glück noch mal ein Schnippchen zu schlagen. Weil man kurz davor ist, zu gewinnen. Oder weil man verloren hat und sich den Verlustbetrag zurückerobern möchte. Eine Ausrede findet sich immer.

Zu den tatsächlichen Gründen und Motiven, die das Risiko erhöhen, glückspielsüchtig zu werden, gehören laut Experten

  • der Wunsch, Probleme zu verdrängen;
  • gesellschaftliche Isolation und die Sehnsucht, Teil einer Gemeinschaft zu sein;
  • erhöhte Risikofreudigkeit;
  • das Verlangen nach Abwechslung und Spannung;
  • das Gefühl, willkommen zu sein, jedenfalls so lange, wie das Portemonnaie noch halbwegs gefüllt ist.

Spezielle Hilfsangebote für Migranten

So „tough“ sich einige auch geben mögen, speziell für muslimische Migranten stellt die Spielsucht einen Verstoß gegen religiöse Regeln dar, denn das Spiel gegen Geld ist im Islam verboten. Umso schwerer fällt es gläubigen Muslimen daher, sich ihrer Familie zu offenbaren und/oder professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch selbst wenn sie dies wollten, es fehlt an spezifischen Hilfsangeboten. Theoretisch sind Selbsthilfegruppen und therapeutische Angebote zwar allen zugänglich, praktisch stellen sie aber schon eine Hürde dar, sie ausfindig zu machen und anzunehmen, wenn die Sprachkenntnisse nicht ausreichen oder wenn die eigene Familie Spielsucht als ein Verbrechen betrachtet.

Doch zeigen sich immerhin erste Ansätze, Beratungsangebote an dieser besonderen „Bedarfsgemeinschaft“ auszurichten. So gibt es in Großstädten wie Hamburg und Berlin bereits Suchtberater, die aufgrund ihres eigenen Migrationshintergrundes Spielsüchtige ohne deutschen Pass gezielter ansprechen können. Die bayerische Landesstelle für Glücksspielsucht hat ihr Informations- und Beratungsportal immerhin in acht Sprachen übersetzen lassen, darunter Türkisch und Arabisch. Deutsch- und Türkischsprachige können hier zudem an einem Onlineprogramm teilnehmen, das ihnen helfen soll, einen Weg aus der Spielsucht zu finden.

Neues Risikopotenzial durch Boom

Allerdings – gerade im Internet droht eine neue Gefahr für Spielsüchtige, die nicht zu unterschätzen ist. Denn die Zahl der Anbieter boomt. Der Verdrängungswettbewerb führt dazu, dass sich die Anbieter mit Willkommensgeschenken und Bonuszahlungen für Neukunden überschlagen. Hinzu kommt, dass der Kunde sich zwar registrieren muss, letztlich aber völlig anonym auftreten und per Mausklick bezahlen kann – was die Hemmschwelle erheblich senkt. Gerade für Spielsüchtige nimmt die Verführung also zu – und das 24 Stunden am Tag. (dd)

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)