Schule & Toleranz

Es blutet des Kants Herz und meines gleich mit

Die deutsche Bildungslandschaft war noch nie so düster wie heute: bornierte Lehrer – resignierte Schüler. Wenn Schule Toleranz fordert und stattdessen Intoleranz fördert.

Nie werde ich vergessen, wie die eigentliche Gesinnung meiner Lieblingslehrerin beim Thema islamistischer Terrorismus ans Tageslicht kam. Die Frau, die in der letzten Stunde noch von Kant und der Aufklärung gesprochen hatte, verriet sich am nächsten Tag ihrer eigenen moralischen Maßstäbe. Es war der Donnerstagmorgen nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, als unsere Lehrerin von dem dringenden Bedürfnis heimgesucht wurde, eine Sondersitzung zum Thema Presse-und Meinungsfreiheit machen zu müssen.

Ein auf den ersten Blick pädagogisch sinnvolles Vorhaben und gleichzeitig auch passend zu der aktuellen Unterrichtsreihe, der schwere Fehler aber war, eine Schülerin mit Kopftuch zur Rede zu stellen. „Und Büşra?“, fragte sie „Was hältst du von all dem? In einem freien Land sollte Satire doch erlaubt sein, oder nicht?“

___STEADY_PAYWALL___

Büşra, die mündlich ohnehin nicht besonders stark war, antwortete überrascht und verlegen zugleich „Ich find es nicht richtig, dass Menschen wegen so was sterben mussten.“ So sachlich wie auch deutlich die Antwort Büşras gewesen war, befriedigte es die Streitlust der Lehrerin an diesem Tag nicht und sie bohrte weiter nach, obwohl sich niemand zu dem Thema äußern wollte.

Hass lag in der Luft, vermischt mit Wut und Intoleranz, jeder Schüler konnte es spüren und ganz besonders diejenigen, die dem muslimischen Glauben angehörten. In meinem Gerechtigkeitssinn schwer verletzt von dieser Situation, meldete ich mich schließlich zu Wort, um der Offensive der Lehrerin entgegenzuwirken, doch verlor ich das Gefecht im Nu.

Die Lehrerin wollte mir nicht einmal zuhören und tat es auch gar nicht, sie schnitt mir jedes Mal das Wort ab, ihr Mund wie eine Waffe geladen und schussbereit für den nächsten Protest.

Wenn ich heute an diesen Tag zurückdenke, fällt mir eines ganz besonders auf und zwar die Tatsache, dass Rassismus nicht nur dort entsteht, wo Menschen in einfachen und unterprivilegierten Verhältnissen leben, sondern viel häufiger bei jenen, die zu den elitären Schichten unserer Gesellschaft gehören.

Die weit verbreitete Auffassung, Rassismus resultiere aus einem Mangel an Bildung und Prestige, mag in manchen Fällen vielleicht zutreffen, dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass Menschen mit einem hohen Bildungsgrad und gesellschaftlichem Ansehen nicht zu rassistischen Denkmustern neigen können. Bei einem genaueren Hinsehen auf die Produktionskräfte von Rassismen stellt sich schnell heraus, dass es gerade die Einflussreichen in unseren Reihen sind, die negative Stereotypen stiften, feindliche Narrative auf sie projizieren und auf diese Weise binäre Oppositionen schaffen, die sich letztlich in den Köpfen ihrer Zuhörer festsetzen und fortsetzen. Rassistische Sinnstiftung ist übrigens nicht nur in Schulen zu beobachten, sondern auch in der Politik und insbesondere in der heutigen Medienlandschaft – eben überall dort, wo Menschen Macht und Einfluss haben.

Wer Kant nicht nur gelesen, sondern auch verstanden hat, dürfte wissen, dass Aufklärung ein nie endender Prozess ist, in dem sich der Mensch stetig weiterbildet. Dazu gehört auch, dass man als aufgeklärter Mensch die gegenwärtigen Verhältnisse annimmt und alteingesessene Strukturen überwindet.

Die aktuelle Bilanz zeigt, dass viele Bürger, insbesondere die Elite, immer noch dort stehen, wo die Welt noch vor ungefähr siebzig Jahren gestanden hat, allen voran die Lehrerschaft, von der so heutzutage so viel Rassismus und Intoleranz ausgeht. Der Blick des Einzelnen auf den vermeintlich Fremden und der Umgang mit ihm sagt so viel mehr über den Betrachter selbst und seine Gesinnung aus, dass man sich jedes Postulat über Toleranz und Menschlichkeit ersparen kann, wenn man seinem Gegenüber nicht mit ein wenig Anerkennung entgegen tritt.

Schule, die im Sinne der Aufklärung eigentlich ein Ort der Entfaltung und kritischen Urteilsbildung ist, erfüllt diesen Auftrag heute längst nicht mehr, was sich vor allem im Umgang von Lehrern mit muslimischen Schülern zeigt. Der Fall, von dem ich hier berichtet habe, ist keineswegs ein Einzelfall und die bildungspolitische Situation sieht im Grunde noch düsterer, als sie hier geschildet wurde.