Causa Özil

Einmal Türke, immer Türke, der ewige Muslim

Viele meiner Studenten sagen mir: „Wir können machen, was wir wollen, als Deutsche werden wir nicht akzeptiert und gelten als die ‚ewigen Muslime‘.“ Dieser Zustand ist ein echtes Armutszeugnis für unser Land. Von Prof. Bülent Uçar

Unabhängig vom konkreten Hintergrund, den sportlichen Leistungen, den politischen Implikationen, dem desaströsen Krisenmanagement und den zahlreichen Kommunikationspannen hat die Özil-Debatte eine Determinante deutscher Integrationsdiskurse in den letzten Dekaden wieder in Erinnerung gerufen: Es fehlt großen Teilen der Presse in Deutschland komplett an einem Grundvermögen zur kritischen Selbstreflexion und Empathie.

Die Islam- und Integrationsdebatte hat im Land der Denker und Dichter insgesamt ein unterirdisches Niveau. Weite Teile der Medien beschäftigen entweder kaum Mitarbeiter mit Migrationsgeschichte oder häufig Personen, die teilweise bis zur Unkenntlichkeit angepasst ohne Bezug zu ihrem Herkunftsmilieu sind. Folglich fühlen sich schließlich diese Medien lebensfremd, zugangslos über den Dingen stehend und machen selbstredend alles richtig. Hinterfragen der eigenen Positionen und Selbstkritik? Fehlanzeige.

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Stempel des Jammerlappens

Und in den sozialen Medien wird noch ungenierter gehetzt, gepöbelt und fremdenfeindlich agitiert. Ja, es wird in diesem Land in Behörden, im Beruf, in der Schule, auf dem Wohnungsmarkt und im Alltag mal offen ungeniert rassistisch und mal gut verpackt, in zivilisierter Manier ausgegrenzt, diffamiert und diskriminiert und wenn man dies anprangert, bekommt man von unseren „Qualitätsmedien“ schnell den Stempel des ewigen Jammerlappens und Opfers aufgedrückt.

Beachtenswert ist, wie selbstherrlich, hierarchisch und zugleich selbstentlarvend diese Rhetorik, um dem Rassismusvorwurf zu entgehen, weiterhin mit Unterstützung einiger selbsternannter Kronzeugen aus diesen „Migrantenmilieus“ funktioniert. Die vorgegebenen Narrative um die Deutungshoheit in der Integrationsdebatte muss von allen betroffenen Akteuren im öffentlichen Diskurs eingehalten werden, oder sie werden schlicht marginalisiert.

Ein echtes Armutszeugnis

So viel zur Meinungsfreiheit und Gleichbehandlung in meiner schönen Heimat, die man mir selbstverständlich jederzeit absprechen kann, sobald ich nicht funktioniere und leiste, wie erwünscht, weil ich wie Millionen andere Menschen noch eine weitere Herkunftsgeschichte habe und dazu stehe.

Viele meiner Studenten sagen mir: „Wir können machen, was wir wollen, als Deutsche werden wir nicht akzeptiert und gelten als die ‚ewigen Muslime‘.“ Dieser Zustand, der von Naika Foroutan über Sawsan Chebli in den letzten Tagen von vielen bereits beschrieben wurde, ist ein echtes Armutszeugnis für unser Land, weil genau dieser latente Vertrauensentzug nicht die „besorgten Bürger“ besänftigen, sondern die Rechten in diesem Land weiter stärken und salonfähig machen wird.

Gott sei Dank!

Interessanterweise ist die Politik hier insgesamt viel ausgewogener und feinfühliger als es manch ein Journalist ist. Unseren Medienvertretern scheinen – mit Blick auf Quotenoptimierung – in Teilen Integration, solidarisches Zusammenleben und das Forcieren von Entfremdungsprozessen ziemlich egal zu sein. Und ja, es gibt auch die Teile der Medien, der Meinungsmacher, welche an einer differenzierten Berichterstattung interessiert sind und sich tagtäglich fernab populistischer Irrwege um eine ordentliche faktenbasierte Übertragung von Nachrichten bemühen. Gott sei Dank!

Benötigt wird eine aufrichtige Auseinandersetzung: selbstkritisch – auch in Bezug auf die politischen Ereignisse der letzten Jahre in der Türkei – offen, dialogisch-konstruktiv, und keine Neuauflagen vorurteilsbeladener, hysterischer Selbstgespräche.